Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Otto Lehmann, Jena, 14. November 1917

Jena 14.11.1917

Hochverehrter Herr College!

Aus Ihrem freundlichen heute früh erhaltenen Briefe, nebst Postkarte entnehme ich, daß der ausführliche lange Brief in dem ich vor mehreren Monaten Ihnen meinen herzlichen Dank für Ihre wertvollen Mitteilungen über „Flüssige Kristalle“ aussprach, Sie nicht erreicht hat. Auch ein anderer Brief, den ich gleichzeitig aufgegeben hatte, ist nicht an seine Adresse gelangt. Die Post wird in diesen unerhörten Kriegswirren, die Alles auf den Kopf stellen, immer unzuverlässiger. Gestern schickte mir ein alter Freund aus Lüneburg, der meine magere „Kriegsspeisekammer“ etwas heben wollte, einen fetten geräucherten Spickaal; beim Öffnen des auffallend leichten Pakets fand sich ein Conglomerat von Holzstücken und Sägespänen; der kostbare Fisch war durch einen Seitenschlitz geschickt herausgenommen! ||

Für Ihre wertvollen kritischen Bemerkungen über meine „Kristallseelen“ bin ich Ihnen sehr dankbar. Es würde mir ein großer Genuß sein, mich mit Ihnen eingehend über viele einzelne Fragen, die sich daran anknüpfen, zu unterhalten. Ich zweifle nicht, daß in mündlichem Gespräch leicht eine vollkommene Verständigung über die wichtigen Punkte, in denen unsere persönlichen Auffassungen auseinanderzugehen scheinen, zu erreichen sein würde. Schriftlich wird das aber bei dem großen Umfang des „kristallotischen und probiontischen Gebietes“, und den zahlreichen, dabei in Betracht kommenden Einzelfragen nicht möglich sein. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie im Laufe des kommenden Frühjahres oder Sommers [mich] hier in Jena besuchen wollten. || Besonders gern möchte ich Ihnen meine zahlreichen Präparate von Acantharien und anderen Radiolarien zeigen, deren wunderbar kristallinische Skelettformen und ihre auffallende Ähnlichkeit mit den geometrisch regelmäßigen Symmetrie-Formen der Sternkristalle schon vor 60 Jahren (1856) mein Interesse erregten.

Allein schon an die eine wunderbare Form der Tessaraspida Lychnaspis miranda (S. 75), die deßhalb auch auf dem Umschlag meiner „Kristallseelen“ als Symbol erscheint, lassen sich viele weitreichende morphologische oder psychomatische Betrachtungen anknüpgen. So läßt sich z. B. das merkwürdige „Plastische Distanzgefühl“ (S. 76), das sich in der Parallelstellung der 20 Hauptstacheln (Protacanthen) und der 200−300 Beistacheln (Paracanthen) direkt mit der Fühlung der parallel sich ordnenden Molethynen (= Ihren molekularen Richtkräften bei der Sternkristallisation) vergleichen. ||

Die philosophischen Bedenken, die Sie gegen meine Ausdehnung des Begriffs „Leben“ und „Seele“ auf das anorganische Naturgebiet haben, lassen sich auch leicht heben, wenn man das vermittelnde Zwischengebiet der Probionten unbefangen ins Auge faßt. Zwischen dem Leben eines Chroocroccus (S. 45) und einer Lecithin-Kugel (Sphaerokristall) kann ich keinen wesentlichen Unterschied finden.

Da meine monistischen Betrachtungen über die psychomatische Einheit der organischen u. anorganischen Naturkörper wesentlich durch Ihre epochemachende Entdeckung der „lebenden Kristalle“ gefördert sind, kann ich nur nochmals meinen herzlichsten Dank für die wertvollen Gaben wiederholen, die Sie nicht nur der ganzen einheitlichen Naturauffassung sondern auch mir persönlich als dem überzeugten Vertreter gespendet haben!

In aufrichtiger Verehrung Ihr ergebenster

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-11-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Karlsruher Institut für Technologie
Signatur
KIT-Archiv, 27059/1
ID
41367