Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Merseburg, nach dem 27. Februar 1852

Merseburg Sonnabend

21/2 1852

Liebe Eltern!

Die Briefe, die ihr nun noch von dem „Schüler“ Ernst Häckel bekommt, und von denen dieser hoffentlich einer der letzten ist, werden alle an großer Kürze und Confusion leiden, wie dies schon dieser zeigt. Ihr müßt es aber eurem armen Examinanden nicht zu sehr verargen, wenn er in seiner großen Noth, in der nun noch alles nicht Gelernte nachgeholt werden soll, etwas confus ist und meist nicht weiß, wo ihm vor lauter Arbeiten der Kopf steht. Das Examen wird in der Woche des 18ten März sein, und heute über 3 Wochen bin ich hoffentlich als mulus perfectus bei euch. Daß auch Karl sein Examen noch vor Ostern macht, ist recht gut.

Wir haben hier jetzt ausgezeichnete Eisbahn, indem die ganze Aue hoch überschwemmt und dann bei der seit 8 Tagen eingetretnen Winterkälte dick gefroren ist. Wegen mir braucht ihr gar keine Sorge zu haben, indem ich, auch abgesehen von dem || Knie, schon wegen der Examenarbeiten nicht ans Schlittschuhfahren denken kann. Übrigens geht es hier diesen Winter mit großen Gesellschaften und Bällen außerordentlich üppig her; Es sind schon allein nicht weniger als 5 Maskenbälle gewesen. Osterwalds Geburtstag haben wir ganz still für uns gefeiert; nur Abends waren mehrere Lehrer da. Über unsern Reinecke Fuchs hat er sich außerordentlich gefreut; es konnte ihm wirklich keine größere Freude gemacht werden. Am 27ten war auch Finsterbusch‘s Geburtstag, zu dem ich ihm einen Thaler geschickt habe. Er war in Halle einem Magnetiseur in die Hände gefallen, der ihn völlig zu heilen versprach; da aber nichts daraus wurde, so hat er sich an Blasius gewandt, der seinen Fuß zu heilen gedenkt, ihm aber gerathen hat, Philologie zu studieren, was er nun auch thut. ||

Daß Du, lieber Vater, endlich einmal ordentlich zum Studiren gekommen bist freut mich; aber statt Ciceros philosophische Schriften würde ich Dir lieber rathen, den Plato zu lesen, da die Römer doch alle Wissenschaft erst von den Griechen erlernt und erhalten haben.

Hast Du, liebe Mutter, denn den Brief an Dich aus Minden erhalten? Es wurde mir einer hier zugeschickt und da habe ich ihn nach Berlin addressirt. Schreibe mir doch im nächsten Brief; genaua wie ich es mit meinen Sachen halten soll, ich dachte b die nach Berlin bestimmten, nun nicht c mehr nöthigen Sachen (Bücher pp) sofort nach dem Examen einzupacken und zu euch zu schicken. Soll ich dies per d Post oder direct per Eisenbahn thun? Oder soll ich sie als Überfracht mitnehmen? || Dann frage auch Karl, ob ich den Passow, den Thibaut und den Kraft mit nach Jena nehmen soll, der letztre ist wohl überflüssig. –

Was meine jetzige Existenz betrifft, so bleibt nichts zu wünschen übrig, als daß sie baldmöglichst aufhört. e Spazierengehn giebt es nun schon seit Weihnachten nicht mehr, und auch sonst komme ich wenig aus, nicht einmal zu Lüben. Der junge Lüben hat geschrieben, es stände in Jena eine sehr hübsche für mich passende Wohnung offen. Sonntag Mittag war ich bei Karos und Fastnacht Abends bei Madam Merkel, die mich sehr tractirte. –

Der H. Generalsuperintendent Braune ist von der Leipziger Facultät honoris causa zum Dr. theol. kreirt worden. –

Viele Grüße an Karl, Mimi, Tante Bertha u. s. w.

Mit treuer Liebe euer alter E. H.

a eingef.: genau; b gestr.: sie sofort; c gestr.: fü; d gestr.: po; e gestr.: Ans

 

Briefdaten

Verfasser
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38753
ID
38753