Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Carl Gottlob Haeckel, Jena, 20. November 1868

Jena 20 Novemb 68

Liebster Vater!

Zu Deinem Geburtstage sende ich Dir von ganzem Herzen meine besten Glückwünsche. Mögest Du uns noch manches Jahr als rüstiger und frischer Greis erhalten bleiben, und noch manche Freude an Deinen Kindern und Enkeln erleben! Am liebsten käme ich übermorgen selbst und brächte Dir meinen lieben kleinen Walter mit, an welchem Du gewiß Deine rechte Freude haben würdest. Er ist wirklich ein rechtes frisches und liebes Prachtkind, wie man es nur wünschen kann. Seine großen blauen Augen und sein allerliebster Mund sind fast ohne Aufhören in Bewegung, und voller Leben. ||

Gestern Mittag war die Taufe, in welcher er die Namen Walter Emil Karl Ernst erhielt. Wir waren alle sehr vergnügt. Agnes ist wieder ganz hergestellt.

– Mir geht es jetzt sehr gut. Meine Gesundheit ist besser, als seit 4 Jahren, besonders der Magencatarrh beseitigt. Ich arbeite auch jetzt nur mäßig. Meine Vorlesungen machen mir diesmal ganz besondere Freude. Sie gehören zu den bestbesuchten und der Jahrgang der Studenten ist vortrefflich. In der Zoologie habe ich 40 Zuhörer, in meinem zoologischen Privatissimum 9.

– Über meine Schöpfungsgeschichte höre ich sehr Viel, und zwar meistens sehr Anerkennendes. Nur die Pietisten, Reaktionäre und Dunkelmänner sind sehr erbost darüber, was mich recht freut! ||

Auch meine Morphologie findet jetzt mehr Anerkennung, besonders in England und Rußland. Auf der letzten englischen Naturforscher-Versammlung in Norwich wurde von mehreren Seiten der Antrag gestellt, meine Morphologie sollte in das Englische übersetzt werden, und jetzt hat sich die „Ray Society“ dazu entschlossen, eine Übersetzung auf ihre Kosten zu veranstalten. In das Russische ist das Buch bereits übersetzt. Ich schicke beifolgend einena Brief eines ausgezeichneten russischen Schriftstellers (Anthropologen) der mich sehr erfreut hat, ebenso ein paar Recensionen über meinb Buch. Die Recension des katholischen Blattes, wonach eigentlich ich eigentlich nicht mehr in die menschliche Gesellschaft gehöre, wird Mutter gewiß sehr amüsiren! ||

Vor einigen Tagen bekam ich den Besuch eines ungarischen Gelehrten, Dr. phil. Aladan v. György, welcher auch auf seiner Reise von Pesth nach Berlin den Umweg über Jena genommen hatte, um mich kennen zu lernen. Auch zwei englische Naturforscher besuchten mich neulich. So fängt denn Agnes jetzt an, auf mich stolz zu werden! –

Grüße Karl herzlich von mir, ebenso alle bei Deiner Geburtstagsfeier Anwesenden. An Frau Weiß und Tante Gertrude noch besondern Dank für ihre lieben Briefe. Ich schreibe ihnen nächstens.

Mit herzlichen Gruß und Glückwunsch

Dein treuer

Ernst Hkl.

a korr. aus: eines; b korr. aus: die

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
20-11-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38184
ID
38184