Haeckel, Ernst

Potsdam 15 Octob 72

Mein liebes Röschen!

In der Hoffnung, daß Du und unsere lieben beiden Knospen sich recht wohl befinden, sende ich Dir die herzlichsten Grüße von meiner großen Herbst- Ferien- Reise nach Potsdam. Die Herreise ging glücklich und ohne besondere Fährlichkeiten von Statten. Um ½ 4 Uhr war ich in Magdeburg, wo ich bis ½ 7 Uhr liegen bleiben mußte. Ich verplauderte diese 3 Stunden ganz angenehm mit meinem alten Lehrer und Freunde Gude, welcher nebst seinem Collegen, einem Oberlehrer Schreiber, der in Magdeburg Chef der Naturwissenschaft ist, mich auf dem Bahnhof erwarteten. ||

Um ½ 9 Uhr Abends, also 12 Stunden nach der Abfahrt von Jena, traf ich wohlbehalten hier in Potsdam ein und war bald bei meiner guten Mutter, die mich schon sehnlich erwartete.

Ich habe mich nun hier ganz gemüthlich eingerichtet und arbeite in aller Stille und sehr ungestört an der Vollendung meines Schwammbuches. Mit dem Gehen wird es nicht viel werden, da mein Fuß immer noch sehr empfindlich ist. Ich war heute zu meinem Bruder gegangen und habe dessen hübsches Haus und Garten besichtigt. Trotzdem der Gang nicht weit war, bekam ich doch wieder Schmerzen in dem Fuß. ||

Hier ist Alles wohl. Nur mit dem kleinen Carl geht es leider gar nicht gut. Der arme Junge ist schon wenige Tage nach seiner Ankunft hier so melancholisch geworden, daß er auf sein eigenes dringendes Bitten und auf den Rath von Quinke vorige Woche für einige Zeit zu einem befreundeten Arzte nach Freienwalde hat gebracht werden müssen. Er leidet offenbar sehr an Hypochondrie, hat ganz gestörte Verdauung und wird vorläufig nicht nach Heidelberg gehen können. Der arme Kerl thut mir zu leid. Sie fanden hier auch, daß er sehr mager und elend aussehe, viel mehr als zu Ostern. ||

Du mein liebes Herz wirst nun wohl in aller Ruhe daran arbeiten, unseren neuen Palast recht gemüthlich auszustaffiren, und wirst Dich in den Zwischenpausen Deines orientalischen Diwans erfreuen. Hoffentlich hat sich Lisbeth von ihren Zahn- Affairen ganz erholt, und Walter ist doch auch munter. Gieb beiden lieben Kindern einen herzlichen Kuß von mir, und den besten einen Dir selbst von

Deinem treuen alten

Manne.

Schreib mir recht bald!

Mutter und die Geschwister grüßen bestens. Auch an Mamma und Clärchen beste Grüße.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
15-10-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 37582
ID
37582