Haeckel, Carl Gottlob; Haeckel, Charlotte

Carl Gottlob Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 22. Juni 1857, mit Nachschrift von Charlotte Haeckel

Berlin 22 Juni 57.

Mein lieber Ernst!

Daß Du so lange keinen Brief von uns erhalten, daran bin ich Schuld, da ich mich aus meinen Studien über den Feldzug von 1814 in Frankreich gar nicht herausarbeiten konnte und erst jetzt damit ziemlich zu Ende bin.

Ich komme so eben von dem Geheimen Medicinal Rath Houselle, welcher Präses der Commission ist, vor welcher das Staatsexamen gemacht wird. Dieser hat mir folgendes gesagt: Es sind allerdings 13 Exemplare Deiner Dissertation bei dem Geheimen Rath Wallmüller einzureichen. Ernst Weiss sollte mit Martens sprechen, ob er noch Exemplare übrig habe? Darüber haben wir noch keine Antwort und wir werden sie schon zu beschaffen suchen. Vor dem 1sten September brauchst Du Dich nicht zum Staatsexamen zu melden, es würde Dir frühera auch nichts helfen. Dann kommst Du wahrscheinlich zum November daran und kannst dann in Intervallen von 8 Tagen die Stationen durchmachen. An den langen Intervallen, meint er, wären die Examinanden häufig selbst Schuld. Er fragte: ob Du die Geburtshülfe durchgemacht hättest? Ich sagte ja: in Würzburg. Das Würzburger Attest würde genügen. Das Impfungsattest müßte von hier sein und würdest Du Dir das in kurzer Zeit beschaffen können. Die Eingabe zum Examen muß auf einem 5 Thlr. Stempel gemacht werden. Du wartest also damit, bis Du hieher kommst. – Carl kommt wahrscheinlich zum künftigen Sonntag her, da wird noch alles über die Reise, was nöthig ist, besprochen werden. Es wird uns herzlich freuen, wenn Euch die Reise rechte Freude macht. Mein und Muttersb größtes Glük ist das Glük unserer Kinder. Nach dem 15 Juli denke ich mit Mutter nach Warmbrunn zu reisen, dort 4 Wochen zu bleiben und dann über Breslau, was ich gern sehen möchte, zurükzukehren. Wir werden also wohl noch vor oder spätestens in den letzten Tagen des August hier sein. Früher braucht Ihr auch nicht zu kommen.

Deine Briefe über Deine Reisen haben wir mit vielem Vergnügen gelesen. Ungarn ist ganz so, wie ich es mir gedacht habe. Da wird noch viel zu thun sein, ehe es etwas in der Kultur vorrükt. Deine Reise nach dem Sömmering ist ja sehr schön gewesen. Pritzel aß gestern vor 8 Tagen Mittags bei mir. Dem theilte ich Deine Pfingstalpenreise mit, die ihn sehr intereßirte, da er in diesen Gegenden auch gewesen ist. Carl soll Dir das nöthige Reisegeld mitbringen. Wenn Du aber vorher Geld brauchst, da Wien so theuer ist, so schreibe es mir. Dann schike ich Dir von hier das Nöthige. Denn Du sollst mir in Wien keine Noth leiden. Die Natur in Oesterreich ist sehr schön und ladet die Menschen zum Genuß ein, die Natur und Religion im nördlichen Deutschland mehr zur Arbeit in geistiger und körperlicher Hinsicht. Darin liegt der wesentliche Unterschied zwischen Oesterreich und dem nördlichen Deutschland. Ich habe seit 6 Wochen den Feldzug der Verbündeten im Jahr 1814 in Frankreich studirt und darüber vieles nachgelesen. Ein gedrängter Auszug davon soll in meine Lebensbeschreibung kommen. Ich habe durch diese Studien den ganzen Feldzug, und das, was ich mit eignen Augen gesehn, erst recht verstehen lernen. Diese Studien sind also für mich sehr lehrreich gewesen. Wir haben hier große Dürre. Wenn es überall so ist, so wird die Erndte der Sommerfrüchte sehr schlecht ausfallen. Dabei ein fast ununterbrochener Nord-Ostwind und heller Himmel. Die Sonne sehr heiß. Gestern hörten wir eine schöne Predigt von Sydow, am Freitag sehr gute Bibelerklärung von Jonas. Die Weiss besuchen wir wöchentlich wenigstens einmal. Die Gebrüder Schlagintweit sind aus Ostindien zurük. Alexanderander v. Humbold ist vorige Woche sehr lebendig und munter in der Sitzung der Akademie gewesen. Von Bardt ist der erste Theil seiner afrikanischen Reise heraus.

– Jetzt fliegen sehr viele aus in schöne Gegenden. Tante Auguste Bleek ist mit Philipp in einem Bade nahe bei Paderborn. Tante Bertha ist jetzt recht wohl. Vetter Sack aus Halle war vorige Woche mit seiner jungen Frau hier, um sie der Familie bekannt zu machen. Passows sind sehr fleißig mit den Ausstattungen beschäftigt. Die Hochzeit beider Töchter soll Ende August kurz auf einander folgen. Tante Gertrud ist in Töplitz, bei Julius ist alles wohl. – Mir sind die letzten 6 Wochen bei meinen Studien so schnell vergangen, daß ich nicht weis: wie? Ich bin nun bis zum Einmarsch in Paris. Künftigen Winter denke ich die andre Hälfte meines Lebens zu schreiben. – Die Geschichte dieses Feldzugs hat mich so verfolgt, wie Dich Deine Krebsarbeit. Ich hatte keine Ruh, und war fast für nichts anderes zu gebrauchen. Auch in Freyenwalde hatte ich die Arbeit mit. Ich habe nun aber auch ein vollständiges Bild gewonnen. – Claparède ist mehrmals bei uns gewesen. Mit seiner Gesundheit gieng es erträglich. Ich werde ihn in diesen Tagen wieder aufsuchen. Für heute genug.

Dein Alter Hkl.

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

[…] keine Antwort ob und wieviel er noch hat. –

Nun leb wohl, mein Herzens Sohn, Gott behüte Dich! und denke fleißig an

Deine

alte Mutter. c

a eingef.: früher; b eingef.: und Mutters; c Schluss eines nicht überlieferten Briefes von Charlotte Haeckel

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
22-06-1857
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 35881
ID
35881