Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 26. September 1896

Potsdam 26 Sept. 96

Lieber Bruder!

Herzlichen Dank für Deine Geburtstagswünsche u. das reichliche Geschenk, welches ich an demselben Tage zu meinem Familien Essen verwendet habe. Tante Bertha, Frau Richter mit Hedwig (da er unwohl, Schwindelanfall und Muskelrheumatismus), Bernhard Petersen, Kadett E. Neumann u. Hahn’s da. Nachmittag kam noch Frau Große und Tochter zum Kaffee. – Mein Schwager Sethe war erst Tags vorher von Hamburg zurück gekommen, sagte deshalb ab. Es soll ihm mäßig gehen. Wir waren recht heiter zusammen. Friedel ist überhaupt noch recht kalberig, oft kindisch; kann aber doch, wenn man mit ihm über seine Beschäftigung spricht, recht vernünftig sein. Zum Arbeiten ist er in den 4 Wochen, die er nur hier ist, wenig gekommen. Wenn er sich aber hinsetzt, arbeitet er auch, wie es mir scheint, intensiv.

Er will schon Anfang October fort, durch das || Lahnthal nach Coblenz, per Schiff nach Bonn, u. eine Woche in Euskirchen bleiben. Den Winter will er noch in Heidelberg bleiben, wo er bei den Ruperten, einer so genannten schwarzen (farblosen) Verbindung, in der auch Heinrich und Julius war, eingesprungen ist. Ich denke, es wird ihm für seine gesellige u. Allgemeinbildung gut sein. Ostern soll er dann nach Strasburg gehen u. stramm arbeiten, was er auch den Tag über in Heidelberg beabsichtigt, er hat dort dann von 9 Uhr ab bis Abends 7 Uhr Colleg u. Laboratorium, will aucha bei Cuno Fischer, dessen Vorlesungen ihm sehr gefallen, Geschichte der Philosophie hören.

Bei mir ist das Leben in den letzten Wochen ziemlich unruhig gewesen; einmal durch Friedel’s Anwesenheit, u. in der letzten Woche durch Besuch seines Freundes, des jungen Borsche (der jetzt nach Goettingen geht, 2 Semester in Heidelberg studirt hat). Dann durch meinen und || Marien’s (24/9) Geburtstag u. ein Abschiedsfest für Kammergerichts Rath Schroeder in Berlin. Derselbe hat seinen Abschied genommen u. zieht sich nach Eisenach zurück, um der aufreibenden Thätigkeit in Berlin zu entgehen. Er hat sich um die kirchlichen Verhältnisse Berlin’s nach der liberalen Richtung hin sehr verdient gemacht, wenn er auch bei der starken orthodoxen Strömung in Berlin geringen Erfolg gehabt hat. In seinem Dank für den Toast, den Präsident Schneider auf ihn ausbrachte, sprach er sich treffend über die kläglichen Zustände Berlin’s aus. Lies doch mal in der ersten Beilage der Nationalzeitung vom 24 dieses Monats (Morgenblatt No 568.) seine Rede auf Eurem Lesezimmer nach! –

Morgen soll ich zu Excellenz Sydow’s Geburts Tag bei ihm, mit Friedel, der sein Pathenkind ist, zum Mittagessen sein. Sydow hat körperlich bei seiner Constitution viele Beschwerden. Er ist nur 8 Tage jünger als ich. ||

Mit Georg’s Bein ist es immer noch nicht ganz gut; er hat jetzt eine vierwöchige Kur in einer orthopädischen Heilanstalt beendigt, die gut angeschlagen hat. Aber solch eine Fußverletzung will ihre Zeit zur Heilung brauchen. Von Heinz hatte ich bisher nur Karte aus München. Ob er bei dem Wetter (viel Sturm u. Regen hier) noch in die Ortler Alpen oder gleich nach Rom gegangen ist? ˗ Ich erwarte von ihm Nachricht.

Mit Ernst wird sich in diesen Tagen wohl entscheiden, mit welchem Verlust er verkaufen muß. Georg wollte heute deshalb nach Radewitsch fahren. Mit dem Verkauf seines Wirthschaftsinventars hat Ernst schon begonnen. Wo er nachher hingeht, weiß er noch nicht. ˗ Tante Bertha ist munter. Ich war den 23st Mittags bei ihr mit Georg u. seiner Frau. Dieselbe hat noch Stickhusten wie ihr kleiner Bernhard; doch bessert sich letztrer schon. Mir geht es gut. Vom 2-5 October werde ich anb dem Delegirtentag der Nationalliberalen Partei in Berlin Theil nehmen, der zu lebhaften Erörterungen Veranlassung geben wird. Von der agrarischen Wirthschaft will doch die Mehrheit mit Recht nichts wissen.

c Mit herzlichen Grüßen auch von Friedel und Frl. Kniebe

Dein treuer Bruder

Karl

a eingef.: auch, b eingef.: an; c weiter am Rand v. S. 4: Mit herzlichen Grüßen…treuer Bruder

Karl

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
26-09-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35361
ID
35361