Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 24.-29. Januar 1887

Potsdam den 24 Januar

1887.

Lieber Bruder!

Seit Deinem Besuche ist es bei uns ziemlich unruhig hergegangen. Erst habena wir mehrfach Gesellschaft mitgemacht oder Vorträge gehört. Dann kam die Wahlwirthschaft u. Unruhe, die noch fortdauert. Dazwischen das Eisvergnügen bei starker Kälte (habt Ihr es denn in Deinem Hause warm bekommen? Wir an einzelnen Tagen nur kaum).

den 29 Januar.

Abends

Aus Vorstehendem siehst Du wenigstens den guten Willen, an Dich zu schreiben, den ich ich sehr lange hatte in dieser Woche, die eben vergangen ist es aber so toll in der Hatz gegangen, daß ich beim Besten Willen keinen günstigen Augenblick zum Briefschreiben fand. Entweder hatte ich anderes vor oder ich war so kaput, daß es mir nicht möglich war, einige, auch nur nichtssagende Zeilen zu Papier zu bringen. Du sollst unten hören wie’s mir gegangen. ||

Zunächst herzliche Grüße von unsrer alten Mutter, die sie mir so eben aufgetragen hat. Sie bedauert Dich vor der Reise nicht noch zu sehen. Ihre Kräfte haben recht ab- und die Schmerzen im ganzen Körper, namentlich im Rücken, zugenommen, so daß sie nur mit vieler Mühe vom Sopha aufstehen u. gehen kann. Dazu ist seit einigen Tagen wieder ein krampfartiger Katarrh getreten, der sie recht quält. Heute ließ ich Ebmeier bitten (der vergangene Nacht den 4t Prinzen bei der Prinzeß Wilhelm ans Tageslicht befördert hat); er hat ihr lindernde Tropfen verschrieben und will sie in nächster Woche genauer untersuchen. Eine augenblickliche Gefahr ist nicht vorhanden. Appetit es auch da und beim Spielchen geht es mitb ihr immer noch leidlich. Aber es liegt, wie auch schon früher, so, daß wir immer auf eine plötzlich eintretende Katastrophe gefaßt sein müßen. Deswegen bitte ich Dich, doch immer uns zu notifiziren, wann u. wo Du vermuthlich auf der Reise zu finden, wie Du dies schon in || Deinem gestrigen Briefe für die Tour bis Beirut gethan hast. Mußt Du denn über Alexandrien? Und hast Du den Besuch von Adalia und Umgegend aufgegeben? Ich schreibe Dir jedenfalls noch vor Deiner Abreise, und dann nach Triest. Wie lange fährst Du bis dahin? –

Nun noch Geschäftliches: Ich sprach neulich mit Theodor Bleek in Berlin, der zur Landtagseröffnung dort war. Die Gewerkenversammlung der Westphalia wird erst im März sein. Die Einladung dazu würde Agnes ruhig ad acta legen können; ich habe ja die Generalvollmacht für Deine Angelegenheiten!c Was wir mit den Kuxen machen, wird sich erst nachher entscheiden lassen. Kürzlich sind noch fastd 300 M pro Kux bezahlt; aber als Bleek selbst noch zu diesem Preise verkaufen wollte, fand sich kein Abnehmer. Hoffentlich kann ich die Entscheidung darüber noch bis zu Deiner Rückkunft hinausschieben.

Grundschuldbriefe, die noch vorm Jahre 105 % gegolten, sind kürzlich für 99 % verkauft. Sollte ich einen Theil der Meinigen u. Deinigen zu diesem oder einem nicht viel niedrigern Preise verkaufen können, so halte ich dies für zweckmäßig. ||

Nun zur Wahlwirthschaft. Wir haben hier kürzlich – vielleicht etwas spät – einen nationalliberalen Wahlverein gegründet und wollen auf die Auswahl eines den verschiednen Richtungen genehmen Septennats-Candidaten einzuwirken suchen. Dies wird uns, wie es scheint, nicht gelingen, die Conservativen wollten uns nicht mal einen freiconservativen Candidaten zugestehen. Sie fürchten, daß ihnen die Landbevölkerung dann untreu wird. Nun wollten wir selbstständig vorgehen, wenigstens es zur Stichwahl bringen. Aber: wo einen renommirten Candidaten gleich herbekommen? Und wer giebt sich jetzt dazu her, bei der auf das Wahlkartell zu nehmenden Rücksicht? So wird uns nichts übrig bleiben, als in den sauren Apfel zu beißen u. in erster Linie für von Rauchhaupt (der die Stadt schon im Landtage vertritt u. dem Landkreise, Osthavelland, genehm ist) einzutreten. Wir müssen uns damit trösten, daß wenn auch das Wahlkartelle in den östlichen und mittleren Provinzen den National Liberalen vielfach nachtheilig sein wird, doch inf Hannover u. Süd- u. Westdeutschland voraussichtlich mehrfach den || Gegnern des Septennats, in specie dem Centrum Verluste verursachen und dem Reichstage eine reichstreue Majoriät verschaffen wird.

Ob es noch im Frühjahr zum Kriege kommt, läßt sich jetzt noch nicht übersehen. Die Schraubereien auf beiden Seiten – Barackenbauten dort – Reservisteneinziehung hier – beginnen schon. Doch soll der Kaiser auf der Donnerstagskur noch geäußert haben: er hoffe, daß der Kelch eines Krieges diesmal noch vorüber vorübergehe an uns. –

Nun, wir müssen es abwarten. Wird der politische Himmel bei uns zum 12t Februar nicht erheblich trüber, so reist Bismarck wohl doch! –

Von hier sonst nichts Neues! Die Jungen büffeln Jus u. Mieze läuft krampfhaft Schrittschuhe; Evchen macht sich recht heraus. Bei Hermann u. Ernst geht es gut. Letztrer wird wohl zum Frühjahr an die Baumschule, in der Hermann war, nach || Celle gehen; was auch Hermann für zweckmäßig hält.

Sehr hat mich der Tod von Esmarch, von dem Du wohl auch Notiz bekommen hast, betrübt u. erschüttert. Es ist nach Heun der erste, der mir von meinen nahen Freunden genommen ist. Er soll an einem Unterleibsleiden gestorben sein.

Auch Roestel ist hintereinander von schweren Verlusten in der Familie betroffen: vor c. 10 Tagen starb sein einziger noch lebender Bruder in Posen, nach längerem Leiden u. heute hat Roestel hier seinen Schwiegervater begraben, einen alten 77-jährigen Herren, der früher hier eine Seidenfabrik hatte. Ich war beim Begräbniß. Roestel läßt Dich grüßen u. hat sich sehr über Dein Bild gefreut.

Nun ade, lieber Bruder, herzliche Grüße von Haus zu Haus u. an meinen Heinrich, für den dieser Brief mit geschrieben ist, von

Deinem treuen

Bruder Karl.

gWas für Wünsche hat Heinz zum Geburts Tag? –

a korr. aus: hatten; b eingef.: mit; c mit Einfügungszeichen eingef.: Die Einladung dazu…für Deine Angelegenheiten!; d eingef.: fast; e gestr.: Septennat; eingef.: Wahlkartell; f eingef.: in; g weiter am Rand v. S.6: Was für Wünsche hat Heinz zum Geburts Tag? –

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
24-01-1887
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35241
ID
35241