Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 3. April 1889

Potsdam 3 April

1889.

Lieber Bruder!

Kaum hatte ich heute Vormittag eine Postkarte an Dich nach Elba abgelassen, da trifft Deine Karte vom 30st vorigen Monats von dort aus hier ein u. meldet mir Deine baldige Abreise nach Rom. Da es nun zweifelhaft ist, ob u. wann jene Karte Dich erreicht, so sende ich Dir noch direkt dieses Lebenszeichen. Es freut mich, daß Du doch Einiges auf Elba gefunden, was die Reise dorthin lohnend gemacht hat. Es ist Dir aber auch eine angenehme Erholung in der alten Weltstadt zu gönnen, die Du nun wohl vielfach verändert in ihrer ganzen Physiognomie nach so langen Jahren wiedersiehst. Suche Dir nur eine gesunde Wohnung in dem um diese Jahreszeit ja wohl nicht ganz ungefährlichen Neste aus. Frieren wirst Du freilich unter || allen Umständen mein lieber Frostmichel!

Wann denkst Du denn zurückzukehren? Und kommst Du dann, etwa zu Pfingsten auf einigen Tage? Dich allein würde ich schon unterbringen können. Dieser Tage ist arge Räumerei bei uns gewesen. Die obere Etage ist leer; alles ina derb einen Giebelstube u. im untern Quartier zusammengefercht. In letztrem haben wir die 2-fenstrige Stube der Jungen ganz geräumt und ist an deren Stelle ihnen meine Schlafstube als Wohn- und Schlafstube eingeräumt. Ich habe mit Friedel die einfenstrige Hinterstube in der die 2 Söhne schliefen, als Schlafstube. Die meisten Stuben sind vollgepfropft von Möbeln.

Morgen beginnt das Einreißen; zunächst fällt die äußre große Freitreppe, dann wird die eine Wand des Treppenhause vom Keller bis zur Dachetage weggerissen u. nun mehr nach der gegenüberliegenden zu neu errichtet, || um für Badestube und Closet, – die von der Hinterstube unten und der Küche oben abgenommen werden, Raum zu gewinnen. Das Wegreißen des großen Mittelschornsteins, für den Russische Röhren in die Wand kommen, folgt später. Die ganze Krempelei wird wohl die Sommermonate voll in Anspruch nehmen. Aber es wird dann auch nett werden und ich bekomme eher Miether für Oben.

Aus der Familie wenige Neues. In Berlin kommt dieser Tage Minchen Bleek (Nichte von Johannes) mit Sohn auf einige Wochen zu Tante Bertha. Wir sollen bei letzterer am nächsten Sonntag sein. Frl. Rühs hat noch keine Stelle, geht aber vielleicht zu Schubert’s nach Hirschberg, da Ottilie längerer Pflege bedarf. Heinz kommt nicht zum Chirurgenkongreß, hat Urlaub zu seiner Arbeit über Phosphornecrose u. will fürc eine Woche nach Neustadt am Rennsteig || gehen, um frühern Patienten ihre Krankheit zu untersuchen. Friedel kommt nächstens nach Untertertia u. macht uns durch seine drolligen Einfälle manchen Spaß. Er hat sich in seinem Schränkchen ein Fach zu einer „historischen Gallerie“ eingerichtet, in der Du gefundene Steine, Ziehknochen, Andenken an Indien, Palaestina pp. u. Spielsachen zusammengestellt findest. Georg geht zum 1 Mai auf 6 Wochen zur Uebung nach Frankfurt a/O.

Der neue Präsident, v. Seydewitz (mit mir früher in Naumburg Referendar) u. der neue Direktor Lutterbeck (Westphale, bisherd in Stendal Direktor) sind eingeführt u. wird mit ihnen gut Auskommen sein.

Was sagst Du zum Samoa-Unglück u. zu Boulanger’s Flucht?

Herzliche Grüße von uns allen u. ein frohes Wiedersehn wünscht

Dein

treuer Bruder!

eIst Professor Moleschott nicht 1844/45 in Heidelberg gewesen u. hat er nicht eine Holländerin oder Engländerin geheirathet?? −

a gestr.: auf; eingef.: in; b korr. aus: das; c eingef.: für; d gestr.: früher; eingef.: bisher; e weiter am Rand v. S. 4: Ist Professor Moleschott…oder Engländerin geheirathet?? −

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
03-04-1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35206
ID
35206