Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Steinspring, 22./23. Februar 1859

Steinspring 22.2.59.

Gestern Nachmittag erhielt ich Deinen lieben, ausführlichen Brief, herziger Schatz, auf den ich wirklich nicht vor Ende der Woche gerechnet hatte, in dem Glauben, Du würdest erst von Rom aus schreiben; Du kannst Dir meine freudige Überraschung denken; doch kaum hatte ich das C‘ouvert, mein Privateigenthum durchgelesen, als die Züge sich etwas veränderten, denn da Du schon den 16 Florenz verlaßen hast, kannst Du schlimmsten Falls 14 Tage ohne Nachricht von mir sein, trotzdem drei Briefe an Dich unterwegs sind; 2 nach Florenz, der zum 16, wo ich Deine Adreße noch nicht wußte, poste restante, der andere am 13 abgeschickt nach Albergo Fontana adreßirt. Daß Du möglicher Weise nicht einmal am 16ten einen Gruß von mir bekommen hast, thut mir gar zu weh; ich hätte sollen eher abschicken, doch waren die Briefe bis dahin immer höchstens 5 Tage gegangen, und da ich ihn nicht vor dem 16 in Deinen Händen wißen wollte, schickte ich ihn nicht eher. Doch hoffe ich wird mein nach Rom abgeschickter Brief spätestens morgen bei Dir sein und er sowohl wie die aus Florenz nachgeschickten Alles wieder gut machen. Du fragst, ob ich böse sei über die zwei überzähligen Briefe, wirst Dir aber die Antwort wohl selbst schon gegeben haben. Ich bin so froh, daß Du wieder wohl bist, freue mich mit Dir über all die herrlichen Kunstgenüße; meine Phantasie zaubert mir die schönen Statuen so anschaulich vor, daß ich sie wirklich meine gesehen und bewundert zu haben; natürlich knüpfe ich bei meinem Ideengang stets an Bilder und Statuen an, die ich wirklich schon gesehen habe; so glaube ich die jüngste Tochter Niobes gesehen zu haben; es ist aber die schöne Venus, an die ich dabei denke, die ich mit Dir im alten Museum gesehen habe; Du wirst Dich ihrer auch noch erinnern; sie steht auf einen Arm gestützt; mit der anderen hält sie das dürftige || Gewand, das die edlen, zarten Formen durchblicken läßt. Auch die Marillosche Madonna stelle ich mir entzückend schön vor. Entbehre ich auch solchen Schwärmereien von meiner Seite doppelt, und fühle mich doppelt zu Dir gezogen, so bin ich ihnen doch dankbar, denn sie rufen mir Stunden in’s Gedächtnis zurück, in denen ich doppelt genoßen, für die traurige Gegenwart mit. Kann ich heute Abend und morgen früh noch ein ruhiges Stündchen herausfinden, um ordentlich mit Dir plaudern zu können, sollst Du zum Sonntag durch meinen Brief erfreut werden, wo nicht, kann ich ihn erst Donnerstag abschicken; ich wollte, der kleine Sperling, der immer am Fenster an mir vorüberflattert, könnte ihm seine Flügel leihen! Heute Morgen habe ich mir den Arm fast lahm abgeschrieben am Tagebuch und habe dasselbe glücklich an Deine Eltern expedirt, die nun wieder um einen Enkel reicher sind: Wäre Karls Brief am Sonnabend mit der frohen Nachricht, daß Hermine ihm am 18 Februar einen 22 Zoll langen und 10 lb schweren Jungen geboren habe, drei Stunden früher gekommen, hättest Du eher von Deinem neuen Neffen gewußt. Hermine geht es bis jetzt gut, hoffentlich so weiter; Mutter ist Sonnabend zu ihrer Pflege nach Freienwalde abgereis’t. Sonnabend Abend war wieder prächtiger Mondschein, den ich Tages darauf recht lange genießen sollte. Sonntag Morgen schwelgte ich nach einem sehr schönen Schleiermacherschen Monolog: Prüfungen,in Deinen alten Briefen und nach Tisch um 2½ Uhr wurde nach Vordamm zum Oberförster Langefeldt gefahren; die Menschen sind herzensgut aber nüchtern, ich arbeitete sehr fleißig und attrapirte auch mehr in Rom, in das ich doch mit Dir gemeinsam einziehen mußte, als in der Oberförsterei. War die Hinfahrt schon sehr hübsch gewesen bei hellem Sonnenschein, || der auf dem Schnee, den ersten, den ich in den drei Wochen hier gesehen habe, glitzerte, so war die Rückfahrt ganz nach meinem Penchant. Gegen 10½ Uhr fuhren wir auf unserem offenen Sackwagen fort; Bernhard und Bertha auf dem Vordersitz, leider den Mond im Rücken; ich auf dem Rücksitz ließ ihn mir dagegen die ganze Fahrt über mit seinem sanften, blaßen Lichte in’s Gesicht scheinen; ach da habe ich soviel Deiner gedacht und Dich zu mir gewünscht, daß ich ganz schwermüthig wurde, wäre nicht meine Hoffnung, mein guter Muth wieder erwacht, der mir zurief: hab Geduld; und dann konnte ich mich wieder innig mit Dir freuen, daß Du die Weltstadt erreicht hattest, daß Du hohen Genüßen, von denen Tausende von Menschen ihr ganzes Leben durch träumen, so nahe seist, wo Du die klaßische Zeit des Alterthums, Mittelalter und Neuzeit jede in ihren Eigenthümlichkeiten auf Dich wirken laßen wirst, und neben der Vergangenheit und Gegenwart auch ein wenig der Zukunft leben wirst, wenn Du wieder daheim in meinem traulichen Stübchen neben Deiner Aenni sitzest, wir Beide in die flackernden Feuer blicken und Du von Deiner schönen Reise erzählst, die vielleicht in der Erinnerung noch viel schöner für Dich sein wird, wenn wir uns wieder haben, wenn wir gemeinsam in Gedanken Italien durchwandern und Du nur hier und dort die Reize schilderst, die sich auf dem Papier schlecht wiedergeben laßen. Das könnte fast wie Klage über die Gegenwart lauten, was ich ja nicht will und auch keinen Grund dazu habe. Ach wenn ich Dich gesund weiß, aufgeräumt und frischen Muthes, wenn ich so prächtige Briefe ferner regelmäßig alle acht Tage bekomme, will ich heiter und froh sein und mich glücklich schätzen, wie ich es ja so ganz von Herzen bin. Antworte mir doch ja, ob es eben so gut ist, wenn ich den Brief bis Rom freimache; so bin ich jedenfalls dafür; ich habe bei Deinem noch nie Porto nachzahlen müßen. Gestern Morgen bin ich nicht viel zum Sitzen gekommen, und, Nachmittage feßelte mich ein gewißer Brief sehr, so daß ich || spazirengehen und Kaffeetrinken darüber vergaß. Wie freue ich mich, daß Du in den Florenz [!] von dem Dir angewiesenen Herrn so freundlich aufgenommen worden bist; ich kann mir denken, wie Du in dem Museo herumgekramt hast und Dich an dem schönen Herbarium und den Wachspräparaten ergözt hast, da müßen ja sehr geschickte Hände zu so feinen, zarten Präparaten wie Blumen und Pflanzengewebe gehören; wer verfertigt sie denn eigentlich? Der Unterschied zwischen der deutschen und italienischen Landschaft muß ganz bedeutend sein, da kann ich mir denken, wie ein Deutscher, deßen Auge durch saftige grüne Wiesen, frisch grünes Laub, kurz heitere, jugendliche Natur verwöhnt ist, Zeit braucht, ehe er der düsteren, in ihrer Art gewiß auch sehr schönen, großartigen, aber melancholischen Natur Italiens Geschmack abgewinnen kann, namentlich für Einen, dem es sowie so schwer um’s Herz ist und der den Wolken am verschleierten Himmel auch seine Wolken auf der Stirne zeigt. Du wirst Dich allmählich an die Natur Italiens gewöhnen, wenn Du nicht mehr so barbarisch frieren brauchst, wie in Florenz; bei der Beschreibung Deines Zustandes Abends in Deiner öden Behausung wurde mir auch ganz kalt. Die Campagne, die ja im Frühjahr so schön sein soll, wird auch gewiß Dich empfänglich für ihre Reize machen und Neapel wird es vollends an körperlicher und geistiger Erwärmung [nicht] fehlen laßen. Lange wird es nicht mehr dauern, bis Du „Senza mocculi“ rufst; das rufe Du nur immer durch Dein ganzes Leben, und besonders während Deines Aufenthalts in Italien; während Deiner Trennung von Deiner lieben Aenni, die Du so unendlich glücklich machst. Tobe Du nur ordentlich auf dem Karneval mit; Du wirst ihn schwerlich noch einmal mitmachen. Hast Du denn Quartier gefunden in der Straße rechts vom Corso, in der die Deutschen wohnen, den Namen habe ich vergeßen, den Herr Enslen bei den schönen Bildern nannte, die mich doch ein Bischen [!] mit den Hauptstädten bekannt gemacht haben, in denen || Du Dich länger aufhältst. Von Anna Triest hatte ich kürzlich einen langen, ausführlichen Brief, worin sie ganz entzückt von der schönen Natur Merans macht [!]; sie schreibt, lägen nicht die Berge dick mit weißem Schnee bedeckt, unter welchem Schmuck sie sich herrlich ausnähmen, würde man keine Ahnung von Winter haben, denn bei ihnen im Thal stände Alles prächtig grün, die Veilchen blühten schon lange und erfüllten die ganze Gegend mit ihrem Duft. Jetzt wohnen sie auch mit mehreren angenehmen Menschen zusammen, in deren Verkehr sie sich ganz wohl fühlen; Lieschen musicirt viel mit den musikalischen Leuten; Abends lesen sie zusammen und einmal in der Woche nimmt die ganze Gesellschaft italienische Stunde bei einem Abbé. Ich habe mich über den Brief doppelt gefreut, da die Stimmung darin eine viel beßere, als in dem letzten ist und Anna selbst schreibt, daß sie sich bedeutenda wohler fühle und hoffe, ganz gesund zu werden. Letzteres will ich ihr wohl wünschen, doch scheint mir wenig Aussicht dazu vorhanden, da der Arzt dem Vater geschrieben hat, Anna dürfte entweder gar nicht heirathen, oder müßte noch ein paar Jahre sich ruhig pflegen. In der Kammer ist reges Leben. Vor einigen Tagen kam darin die Sache von dem Privatdocenten Beckhaus in Bonn vor, dem man wegen Übersetzung des Gajus den Lehrstuhl versagt hatte; bei dieser Gelegenheit hat Gneist und mehrere andere Kammermitglieder sehr schöne Reden für Lehre und Redefreiheit und nothwendige Freiheit der Studenten gehalten b zu Gunsten der Abänderung einzelner Gesetze, die in Bonn und Breslau glaube ich, noch Kraft haben und dem sie nach Bethmann Holweg’s Rede zu schließen, bei der Verweisung des Beckhaus gewißenhaft gefolgt sind. Nächstens wird das Ehegesetz berathen werden, das jetzt einer Komißion, der Onkel Scheller präsidirt, zur Ausarbeitung vorliegt. Nach derselben Zeitung hat Onkel Julius beim Austritt aus Staatsdiensten den rothen Adlerorden III Klaße mit der Schleife erhalten, was Dir freilich ebenso gleichgültig sein wird, wie Onkel Julius selbst, an den ich morgen zu seinem Geburtstag schreiben muß. Daß Onkel Sethe in Aurich einen Schlaganfall gehabt hat, haben Dir wohl die Eltern schon geschrieben. Ich wünschte dem alten Mann den Tod; denn was könnte ihn wohl noch nach dem Tode seiner lieben Frau an’s Leben feßeln, das die traurigen Folgen, die gewöhnlich ein Schlaganfall nach sich zieht, aufwiegen könnte. Wenn ich solch fertiges Leben hinter mir liegen hätte, würde ich, glaube ich den Tod willkommen heißen, der mir jetzt allerdings viel zu früh kommen würde. Und doch dürfte ich nicht zaudern, wenn der liebe Gott mich abrief, wofür ich ihn aber zu gut halte. Alle Tage bitte ich ihn, Dich gesund und munter zu erhalten, und mich ebenfalls, uns ein frohes Wiedersehen zu schenken, damit wir dann ein glückliches Leben führen können. Und mit dieser schönen Hoffnung schlafe ich alle Abend ein und wache muthvoll und neugestärkt auf, namentlich, wenn ich, wie diese Nacht mich fortwährend mit meinem Erni beschäftige und deßen lieben, guten Blick gar nicht loswerden kann. Für heute muß ich abbrechen, da Bernhard vorlesen will; hoffe aber morgen noch etwas hinzufügen zu können, damit er noch selben Tages fortgehen kann. Gute Nacht, schlaf süß und träume nicht zu viel von Deiner Aenni.

Mittwoch 23. Leider ist es beim Brodteigabwiegen und Schwitzkloßeinrühren (es wird nämlich heute hier gebacken) schon 12½ Uhr geworden; so daß mir der Postbote, der immer meine Briefe mitnimmt, eher kommen wird, als mir lieb ist. Der Brief soll aber heute fort. Beinahe hätte ich vergeßen Dir einen guten Morgen zu wünschen, was ja doch nicht sehr oft geschehen kann. Gestern gleich nach dem Eßen fing ich diesen Brief an Dich an, wurde aber bald dabei unterbrochen durch einen sehr hübschen Spaziergang in den Wald, wo die verschiedensten Vögel, auf deren Beobachtung ich mich jetzt häufig attrapire, im hellen Sonnenschein lustig sangen und mir sammt der schönen, frischen Luft die Kopfschmerzen vertrieben. Ich glaube ich hatte am Morgen zuviel hintereinander geschrieben; dennoch konnte ich bei meiner Rückkehr nicht widerstehen, an Dich || weiter zu schreiben; ist es aber dummes Zeug geworden, halte es meinem wüsten Kopf zu gut, der heute wieder ganz frei und hell ist. Am Abend las Bernhard uns aus Gentz’s Leben weiter vor; es handelte sich um den Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, wo Berlin in Bezug auf Demoralisation und ausschweifend, üppiges Leben ein zweites Babylon zu werden drohte; man muß nur lesen, wie Gentz, dieser bedeutende was Diplomatie anbetrifft, berühmte Mann, trotz Frau und Kindern, mindestens seine 20 anderen Verhältniße noch nebenbei gehabt hat und seinen Reichthum von weichen, seinen Gefühlen bald diesem, bald jenem klugen und liebenswürdigen weiblichen Wesen ausgekramt hat in solch schamloser Weise, daß seine Frau sich schließlich von ihm hat scheiden laßen (und ich schon früher gethan haben würde) um sich ein klares Bild von den zerrütteten, schlimmen Verhältnißen der damaligen Zeit zu machen. Gott sei Dank, daß wir in einer anderen Zeit leben; woc die Versuchung nicht so groß ist, und wenn Unsittlichkeit und Gemeinheit alltäglich zu finden sind, so werden sie doch nicht in solcher offenen, schamlosen, weder von d Vorwürfen noch mit dem Gesetze bestraften Weise betrieben, und wenn auch dies, mein herziger Schatz, ich bin fest überzeugt, es stünde selbst dann ebenso mit uns wie jetzt, wir würden uns aneinandergenügen laßen, weil wir uns vollständig verstehen und gegenseitig ergänzen. O wer die Liebe in ihrem ganzen Umfange kennen gelernt hat, kann der wohl jemals von dem Gegenstande seiner Liebe laßen? – Nachher hat Bernhard versucht, mir Whist beizubringen, was denn mit schlechten Karten obenein nicht recht gelingen wollte; wenigstens habe ich 2 Sgr verloren, die Klärchens Sparkaße zu gut kommen werden. Der Eschricht feßelt mich sehr, lieber Schatz, ich habe den ersten Hauptabschnitt über das Leben im Allgemeinen beendigt, aus dem ich auch die mich bei der Betrachtung der Natur leitende Idee geschöpft habe, daß kein organisches Wesen blos durch die rohe Naturkraft, bestimmten natürlichen Gesetzen dabei folgend, entstehen kann, sondern daß eine Idee des Typus der Art den Anstoßung [!] zur Bildung eines Wesens gibt und diese schreibe ich Gott, dem Schöpfer des ganzen Weltalls zu. Ich komme jetzt auf das Ernährungsleben, nachdem ich den vorigen Paßus mit den Schmarotzerthierchen beschloßen habe. Wie gut mir dabei Dein theilweiser Unterricht in der Zoologie zustatten kommt zum sofortigen Verständniß der Sache, kannst Du Dir denken. Da ist Dir ein Bild von meinem Leben und Treiben, das Dir gewiß langweilig und einförmig im Gegensatz zu Deinem jetzigen bunten, von den mannigfaltigsten Eindrücken bewegten Leben erscheint; nichts desto weniger bin ich glücklich und zufrieden innerlich und äußerlich und sehne mich durchaus nicht unter mehre Menschen. Nach Berlin zurückgekehrt, woran ich vorläufig noch gar nicht denke, werde ich Dich gewiß noch mehr vermißen. Nun Ade; der Postbote ist da, es grüßt und küßt Dich herzlich Deine Aenni.

a korr aus: bedeutender; b irrtüml.: haben; c korr. aus: und; d irrtüml. Dopplung: von; e eingef.: mehr

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
23-02-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Rom
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34438
ID
34438