Merkel, Otto

Otto Merkel an Ernst Haeckel, Bernburg, 31. Oktober 1871

Bernburg am 31. Oct. 1871.

Lieber und verehrter Freund!

Gestern erhielt ich Deinen lieben Brief worüber ich mich recht gefreut habe. Wohl merkte ich, daß Dich die hiesigen Versteinerungen interessiren, und hatte ich mir vorgenommen alles Seltene an Dich zu senden, da ich annahm Du seist mit einem reichlichen Vorrath bereits versehen. Es wurden verhältnißmäßig viele Überreste gefunden: lange röhrenartige Stengel (wohl von Farnen herrührend) kommen täglich vor, ebenso Theile von Schädeln, weniger oft wohlerhaltene Schädel und äußerst selten Theile des übrigen Knochenbaus.

[Zeichnung]

Von a wurden wohl die Meisten gefunden, von denen der Grundriss so ziemlich derselbe ist, während die Seitenansicht variirt. Die Zähne sind nicht spitz sondern kurz und viereckig; meist findet man den Durchschnitt a‘. Der Unterkiefer von b wird oft || gefunden dagegen der Oberkiefer selten; ich fand bisher nur ein Exemplar. Möglich auch daß der Oberkiefer nicht zu demselben Thiere gehört, dem Augenscheine nach ist es aber der Fall. Der Unterkiefer wird immer ina der Seitenansicht, der Oberkiefer inb der Oberansicht, zuweilen auch in beiden gefunden. Verwandt mit letzterem ist vielleicht c. 10-18‘ lg.

[Zeichnung]

Die Schnauze ist sehr spitz wie der Schnabel eines Vogels. Das Vorkommen von Zähnen und Unterkiefer habe ich noch nicht beobachten können. Bei d habe ich ebenfalls keine Zähne gefunden ebensowenig Unterkiefer. Von letzterem habe ich bisher nur ein Exemplar gefunden und auch in hiesigen Sammlungen nicht mehr gesehen.

Beim Steinebrechen wird oft etwas entdeckt, ohne daß man des Gegenstandes habhaft werden könnte, da er oft nur aus Trümmern besteht, die || sich später nicht wieder zusammensetzen lassen.

Das Wichtigste was ich bisher fand ist ein Fisch, jedoch wie es scheint ohne Kopf. Bei der etwa vor 3 Wochen hier tagenden Naturwissenschaftlichen-Versammlung für Sachsen & Thüringenc hatte ich denselben (der Stein ist gespalten, so daß ein rechter und ein linker Abdruck erhalten ist) ausgestellt. Prof. Giebel aus Halle d sagte mir, er habe bisher nur Schuppen desselben gefunden ein derartiger Abdruck sei noch nicht vorhanden, und bat sich denselben zur Bestimmung aus, wobei ich ihm bemerkte, daß der eine Abdruck für Dich bestimmt sei. Beide hat jetzt Giebel und sobald ich nach Halle komme hole ich den einen ab und sende ihn Dir. Die Schuppen & Flossen sind wohl erhalten und das Ganze etwa einen Fuß im Quadrat groß.

Was unsere Familie betrifft, so theile ich Dir mit, daß die Mutter ziemlich wohl ist, Ernst dagegen hat aus dem Feldzuge einen Polypen im || Kehlkopfe mit gebracht, welchen Dr. Kohlschütter in Halle jetzt beseitigt. Marie geht es gut, Karl leider nicht; seine Apotheke in Reppen ist ganz schlecht, so daß Verkauf vielleicht nahe ist. Ich war bis jetzt in Augusts Geschäft mit Keferstein assoziiert, da Ernst jedoch mit letzterem nicht zusammengehen will und sich auch für mich verschiedene Übelstände geltend machten so trete ich zu Neujahr aus, um mit Ernst, der nach Berlin geht von hier aus mit hiesigem und anderem Sandstein nach Berlin Geschäfte zu machen. Es geht mir soweit gut und bin auch ich im Besitz eines niedlichen Mädchens von 13 Monaten.

Alles was ich hier finde und was Dir von Interesse ist, ist für Dich bestimmt und hoffe ich aus Burmeisters Buch Anleitung zum Sammeln zu finden. Der Fisch und wo möglich einiges Andere soll das Erste sein, was Du erhälst. Während des künftigen Winters hoffe ich beim Abräumen viel zu finden.

Mit herzlichen Grüßen Dein

O. Merkel

a korr. aus: im; b korr. aus: im; c eingef.: für Sachsen & Thüringen; d gestr.: ,

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-10-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 25254
ID
25254