Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Merseburg, 2. September 1858

Merseburg, am 2. September 58.

My dear!

Beim Schweif des Kometen! – Ob es nicht einen hörbaren Ruck u. Knack in meinem Leibe that, als ich die freudenreiche Botschaft las. Ist doch wieder endlich einmal einer von euch unruhigen Irr- und Wandelsternen zur Ruhe gebracht, die ihr nur bestimmt zu sein scheint, ruhigen Leuten, die ihre Steuern und Abgaben zahlen über ihren geraden u. sanften Weg zu sausen. Nun wirst Du doch endlich Ruhe haben, nachdem Du so lange blos die plebejische Zunft der Schuhmacher begünstigta und denb armen Eisenbahnleuten den schuldigen Tribut entzogen. Na, meines herzlichsten Glückwunsches kannst Du sicher sein, versteht sich ganz von selbst. – À propos! Auf welche unerklärliche Weise ist denn eigentlich der Briefballen in meine Behausung gekommen? Ich trieb mich nemlich gerade einige Grade weiter südlich, „1′ da unten“ herum mit so einem alten dicken Kreisgerichtspersonal, der, abgesehen von zwei unzertrennlichen Begleitern, einer Schnupftabaksdose in Form u. Größe eines Kleinenkindersarges und einer abgebrochenen Brunnenröhre als Cigarrenspitze, die allerverdrehteste Haut war, die jemals Aktenstaub geschluckt hat. Erst vor ein Paar || Tagen bin ich, während mir das Geläut der „würzburger Glöckli“ noch in den Ohren summte, nach Halle zurückgekehrt, und die Ärmsten haben darum die Nachricht sammt und sonders 14 Tage zu spät erhalten. Macht aber nichts aus, das Factum ist ja doch da. Was wird der lange Weber für Augen machen! Und Weiß? Sorge Dich für den jungen Menschen nur nichtc, an den Du übrigens beiliegende Zeilen baldigst abzugeben die Freundschaft haben wirst. Wie meinst Du übrigens das: „Thue ein Gleiches?“ Wo denkst Du hin, Mensch? Beantworte mir nur die einzige Frage: wie komme ich dazu, fremder Leute Kind zu ernähren? Nein, erst gedenke ich noch eine Reihe von Jahren alle Ferien zu allerhand kleinen drolligen Reiseausflügen zu benutzen, bin ich dann in allen Wirthshäusern Europa’s bekannt, dann habe ich mir vorgenommen, lebensmüde zu werden und mich 14 Tage Deiner Cur zu unterwerfen, unfehlbar glänzt dann nach dieser Frist in der +++zeitung folgende Bekanntmachung: „An einem Schlagfluße, der leider gerade ihn treffen musste, starb sanft und selig der pp. H. Beileidsbezeigungen werden verbeten“ etc. pp. Du willst praktischer Arzt werden? Wer zum Teufel soll dann sich d da nicht vor jeglicher Krankheit fürchten? Ich dächte doch, für Deine Mordlust wären die niedern Thiere ausreichend. Und nun lebe wohl, Du komischstes aller Menschenkinder. Mit der Bitte, mich Deinen lieben Eltern u. incognito auch Deinem Fräulein Braut zu empfehlen

Dein

W. H.

Große Märkerstr. 4

[Beilage: Wilhelm Hetzer an Ernst Weiß]

Merseburg am 4. September 1858.

Carissimo mio amico!

Nicht wahr, ich bin ein recht undankbarer Bursche? Liege Dir 4 Wochen auf dem Halse u. schreibe erst heute? – Du weißt, was ein Güterzug zu sagen hat, kannst Dir also recht vorstellen, in welchem Zustande ich an dem betreffenden Tage Nachmittag gegen 3 in Herzberg ankam. Von Gelegenheit nach Torgau war in diesem heillosen Neste natürlich keine Rede, und da ich nicht geneigt war, dort zu übernachten, so zog ich gegen 4 zu Fuß gen Torgau auf einem Wege gegen den gewisse Berliner (v. Oranienburgerthor) verschwinden, dazu trat nun schnell Dunkelheit ein u. ich irrte manchmal pfadlos, nur durch Compas orientirt durch den traurigsten Kiefernwald von der Welt. Endlich um 10 Uhr Abends hielt ich am Elbbrückenkopfe u. konnte mich gerade durch das Thor, das eben geschlossen wurde, durchdrängeln. Mit Hülfe einiger Nachtwächter, denn Menschen waren in dem Neste nicht mehr zu sehen, lootste ich mich bis zum Schulgebäude, das eben wie ich richtig befürchtet hatte, fest geschlossen war. Es blieb mir also nichts weiter übrig, als mich in einer Curve, deren Berechnung wohl die Gleichung der Parabel ergeben würde, über die Enge zu werfen und nachdem ich noch männiglich mit 2 Kötern herumgezankt, tappte ich mich an die, glücklicherweise unverschlossene Hausthür durch, 3 Treppen in die Höh, auf einen Corridor, der vor Kisten, Kasten und Schränken starrte. Ich vermuthete aus mancherlei Ursachen, daß hier eine Pensionsanstalt sein müsse u. Freund Weber nicht weit davon. Ich sauste also zur 1. besten Thür hinein u. kam richtig in Weber‘s Stube. Er lag zu Bett ich befreite ihn erst von den unwürdigen Fesseln des Schlafes und wir erhielten uns bis 2 Uhr morgens munter. Mein Lager war wirklich patriarchalisch einfach. Härte des Sophas = 10; dabei stand die Seitenlehne unter 90° ohne alle Vermittlung gegen den Langsitz; nachdem ich die fehlende Vermittlung durch Papierstöße hergestellt, zog ich meinen Plaid über u. schlief sofort ein. Am andern Morgen erwachte ich mit einem Gefühl im Genick, als wäre ich 24 Stunden lang in Einem fort guillotinirt worden, restaurirte mich aber mit Hülfe von kaltem Wasser u. betrachtete nun selbst, indem der lange Weber Schule hatte bis 12 Uhr, dabei regnete u. stürmte es draußen recht nett. Mittagsbrod, Kaffee u. Abends im völligen Regen einen Spatziergang nach dem Entenfang gemacht, ine einer, in einer für Fußwanderer erfreulich horizontalen Ebene höchst romantisch gelegenen Dorfkneipe. Sonntag früh kneipen gewest. Mittag war ich von einer befreundeten Familie eingeladen. Abends bei Weber patriarchalisch gelebt u. geschlafen. Torgau ist das schauerlichste Nest von der Welt voll Coterien u. Kleinstädterei, darin nun der lange Weber! Ich sage Dir scheußlich.

Ich athmete erst wieder frei auf, als ich im Postwagen saß, u. gen Luppadahlen kutschirte. Im herrlichsten Landregen rückte ich in Halle ein u. fand die so sicher erwartete Nachricht aus Hagen nicht vor. Weil ich nun Dir doch Nachricht in dieser Sache versprochen hatte, so wollte ich nicht eher schreiben u. wieder sind 2 Monate vergangen; auch jetzt habe ich noch keine Nachricht, so daß ich nicht weiß, woran ich bin. Nun, es schadet ja nichts, nächstens will ich aber dem saubren Pack doch ein Donnerwetter über den Hals schicken, daß sie mir wenigstens meine Zeugniße wieder schicken. Wie einem die Zeit vergeht beim Schulehalten, weißt Du selbst, die Michaelisferien waren im Nu da, und ich befand mich plötzlich auf der Bayerischen Eisenbahn. Die Reise nach Nürnberg pp war reizend u. hat mich recht auf den Damm gebracht. Jetzt liege ich hier vor Anker und vergehe fast vor Langeweile. Was werde ich nächsten Winter anfangen? Das ist meinf einziger gescheuter Gedanke. Ich will etwas zusammenhängendes vornehmen, weiß aber nochg nicht, was. Vielleicht falle ich wieder auf Atomistik. A propos, hast Du im Poggendorf den Aufsatz von Clausius über Ozon gelesen? Nach ihm giebt es Doppelatome, das heißt 2 mit einander verwachsene; das ist O, aber sie können sich auch trennen u. solche arme versprengte Atome sind Ozon. Ist das nicht hübsch? Was treibst Du jetzt? Wie geht’s in der Schule? Daß mich Haeckel öfter besucht hat, weißt Du, ebenso Baentsch. Auch Seiffert war bei mir, um sich Rath’s zu erholen über die tertiäre Formation um Merseburg; der Ärmste! Er macht sein Examen jetzt. Auch Theilitz ist in sehr abgebranntem, aber unverändert uncultivirten Zustande wieder hier angekommen, um sich aufs Examen vorzubereiten, an welches er übrigens meiner Meinung nach vor einem halben Jahre nicht denken kann, denn er hat nicht weniger als alles verschwitzt. Der lange Weber besucht mich regelmäßig, wenn er nach Hause reist. Er ist geistig noch der alte, liebenswürdig wie früher, aber körperlich hat er sich nicht zu seinem Vortheile geändert, er hat eine rechte Aschenfarbe u. eine gewisseh Contractheit der motorischeni Gliedmaßen ist für mich ein untrügliches Zeichen fortwährender gichtischer Leiden. Er hat den ganzen Sommer fest gelegen u. medizinirte auch noch bei meinem Besuche. Was sagst du zu Haeckels Verlobung?

Lebe recht herzlich wohl

W. Hetzer.

Meine Wohnung. Große Märkerstraße beim Seilermeister Hucke. ||

[Adresse]

An den kleinen Weiss. | in | Berlin

schlau zu öffnen, sonst reißt’s!

a gestr.: lückst; eingef.: ünstigt; b korr. aus: die; c eingef.: nur nicht; d gestr.: je; e gestr.: einer für Fußwander; eingef.: in; f korr. aus: meinen; g eingef.: noch; h eingef.: gewisse; i eingef.: motorischen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
02-09-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21714
ID
21714