Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Göttingen, 14. Februar 1904

Göttingen 14. Feb. 1904.

Mein hochverehrter und lieber

Lehrer und Meister!

Dass es Ihnen vergönnt ist, Ihren Ehrentag im schönen sonnigen Süden im Angesicht des unendlichen Meeres zu verleben, freut mich zwar aufrichtig, dass es mir aber infolgedessen nicht möglich ist, Ihnen meine Gefühle an diesem Tage persönlich zum Ausdruck zu bringen, bedaure ich nicht minder lebhaft. So möchte ich Ihnen denn wenigstens als schwachen Ersatz aus der Ferne meine herzlichsten Wünsche für das kommende Jahrzehnt, vor allem aber meinen Dank zurufen für alles, was ich in so reicher Masse von Ihnen empfangen habe. ||

Meine Wünsche für die Zukunft kann ich kurz zusammenfassen in dem einen Gedanken, dass der 16te Februar 1914 Sie noch ebenso jung und frisch und arbeitsfreudig finden möge, wie es der 16te Februar 1894 that und wie es der 16te Februar 1904 thut. Ich habe in dieser Hinsicht das grösste Vertrauen, denn alt werden Sie niemals.

Mit meinem Dank an meinen geliebten und hochverehrten Lehrer werde ich nicht so schnell fertig. Es ist ja auch das einzige Geburtstagsgeschenk, das ich ihm darbringen kann. Aber, wenn es auch klein und unscheinbar ist, es kommt aus einem warmen Herzen: „δοσις δ’ ὀλιγη τε φιλη τε“.

An einem Tage, wie Sie ihn feiern, glaube ich, kann der Schüler dem Lehrer keine bessere Gabe bringen, als seine unbegrenzte Dankbarkeit. Ich lasse die ganze Zeit, seit dem Tage, wo ich als junger Student, durch || Ihre Arbeiten begeistert, zu Ihnen kam, bis heute an meinem Geiste vorüber ziehen. Was habe ich Ihnen alles zu danken? Bei Ihnen habe ich die Grundlagen und die Anregungen für meine eigene wissenschaftliche Arbeit erhalten. Kein Lehrer hat mir je annähernd so viel gegeben wie Sie. In Ihren Vorlesungen, in Ihren Cursen ist mir die Überzeugung aufgegangen, dass die Räthsel des Lebens bereits in der einzelnen Zelle gelegen sind, und dass man sich an die Zelle wenden muss, wenn man den letzten Geheimnissen der Physiologie nachgehen will. In Ihrem persönlichen Verkehr habe ich zu jeder Zeit, auch in den trübsten Augenblicken, stets eine unerschütterliche Stütze für meinen Idealismus gefunden und aus Ihrem freundschaftlichen Umgang habe ich immer wieder neue Begeisterung geschöpft für den Kampf gegen Vorurtheil und wissenschaftliche Engherzigkeit. Vielleicht || ist das letztere das Beste, was Sie mir gegeben haben, denn es ist nichts Specielles, Vergängliches, es ist etwas Allgemeines, Bleibendes, das in alle Verhältnisse des Lebens eingreift. In Bezug auf specielle Fragen des Lebens können sich die Ansichten ändern. Ich weiss, dass ich so ketzerisch bin in einer Frage erkenntnisstheoretischer Art eine andere Ansicht zu vertreten als die, die mein lieber Meister mir vorgetragen hat, aber ich weiss auch, dass Sie darin keine Undankbarkeit erblicken, wenn ich in einem Problem, das ja so verschiedenartige Möglichkeiten der Auffassung zulässt, eine andere Überzeugung gewonnen habe, denn es kann sich ja in diesen Dingen immer nur um Überzeugungen nicht um experimentell feststellbare Thatsachen handeln, und wer weiss, wie die nächsten Jahrhunderte über die gleichen Fragen denken werden. Aber das sind alles specielle Dinge, Einzelheiten, Vergängliches. Die Begeisterung für ideale Güter, den Hass gegen Engherzigkeit und Vorurtheil, || wo und in welcher Form sie auch auftreten mögen, das sind allgemeine, das sind dauerhafte Dinge und in allen diesen grossen wesentlichen Anschauungen fühle ich mich als Fleisch von Ihrem Fleisch.

So möchte ich denn heute Ihnen aus vollem Herzen danken für alles, was Sie mir gegeben haben. Das Wenige, was ich in meiner Wissenschaft gearbeitet habe, es ist fast alles den Keinem entsprungen, die Sie in mich verpflanzt haben. Haben Sie dafür den herzlichen Dank eines Schülers, mein lieber Meister und Freund!

Meine Frau schliesst sich meinen Glückwünschen an. Wären Sie in Jena, sie würde mich gewiss begleitet haben um Ihnen an Ihrem Ehrentage die Hand zu drücken.

Ich brauche wohl kaum noch Ihnen einen recht frohen glücklichen Verlauf des Tages oder besser der Tage zu wünschen, die Ihnen bevorstehen, denn es wird eine Überschwemmung geben von Ehrungen und Freuden. Wenn || Sie aber zwischendurch einmal einen Moment an die Schüler denken, die in der Ferne weilen, dann wissen Sie, dass auch in der alten Geheimrathsstadt an der Leine einer sitzt, der fürs Leben gern an Ihrem Ehrentage bei Ihnen wäre

Ihr getreuer Schüler

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17439
ID
17439