Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Kensington (London), 8. November 1894

1 Upper Phillimore Place

Kensington

London W.

8.XI.94.

Sehr verehrter Herr Professor

Endlich sehe ich das Ende meiner Correctur. Morgen oder übermorgen hoffe ich die letzten Correcturbogen zu bekommen, dann bleiben nur noch einige Revisionen und dann endlich, endlich bin ich fertig. Ich habe in den letzten Wochen wie ein Pferd gearbeitet, von morgens bis abends und bin fast stumpfsinnig || geworden vom Corrigieren. Wenn die Alten schon die Buchdruckerei gehabt hätten, dann hätten sie gewiss zu den Qualen der Unterwelt auch das Correcturlesen gerechnet und einen Menschen, der bei Lebzeiten zu viel geschrieben hat, dazu verdammt, seine eigenen Arbeiten immer wieder zu lesen und wieder einen Fehler zu finden. Das ist ein grauenvoller Gedanke, der mich wahnsinnig machen könnte.

Natürlich habe ich von London bis jetzt überhaupt nichts gesehen, aber es war doch wenigstens schön, dass meine Maus || immer bei mir war. Jetzt, nachdem das Buch fast fertig ist, habe ich geradezu Angst davor, denn ich weiss bestimmt, dass manche Physiologen es sehr schlecht aufnehmen a und nur falsches herausfinden werden. Ich kann mir jetzt nichts besseres denken, als mich in die Wüste zu vergraben und wie der Strauss den Kopf in den Sand zu stecken, um keine Kritik zu hören oder zu sehen. Nach einigen Monaten habe ich mich dann vielleicht wieder beruhigt. Auch vor Ihnen habe ich Angst, so sonderbar das klingen mag, || aber nach unserem letzten Gespräch bin ich ganz ängstlich geworden, dass Sie mich einmal ganz falsch verstehen würden. Bitte sagen Sie mir, dass ich zu dieser Sorge keinen Grund haben soll.

Am Mittwoch werde ich London verlassen und Jensen abholen. Wir wollen dann auf der Durchreise Ritter besuchen und noch für einige Tage in Villa Carlotta bleiben. Etwa am 25ten denke ich von Triest abzufahren. Wie schrecklich ich mich freue, endlich aus allem herauszukommen und das einfache, romantische Leben der Wüste zu führen, fern ab von aller Welt!

Indem ich meine Grüsse mit denen meiner Maus verbinde und Sie bitte, uns Ihrer verehrten Frau Gemahlin bestens zu empfehlen, bleibe ich in Dankbarkeit

immer Ihr treuer

Max Verworn.b

a gestr.: werden; b Text weiter am oberen Rand von S. 4: zu … Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-11-1894
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17398
ID
17398