Gegenbaur, Carl

Carl Gegenbaur an Ernst Haeckel, Heidelberg, 13. Oktober1889

Heidelberg, 13 October 89.

Liebster Freund!

Es ist mir eine angenehme Erinnerung Dich mit den lieben Deinen in Baden gesehen und mit Dir wieder einige Stunden verlebt zu haben, doppelt erfreulich, da Euer Aller Befinden, mit und ohne Kur nichts zu wünschen übrig liess. Es war übrigens hohe Zeit, daß wir abreisten, so gerne wir Euretwegen noch geblieben wären, denn das Wetter ward scheußlich, und hat wohl auch Dich zu früherer Abreise veranlaßt. Diese Ungunst des Himmels ließ mich den Plan, nochmals auf einige Zeit Heidelberg zu verlassen, gänzlich aufgeben und meine Ischias trug auch das ihrige dazu bei. Sie hat mir viele schlaflose Nächte bereitet, angewandte Mittel blieben erfolglos. So lasse ich denn die || Geschichte austoben und hoffe Besserung allein von der Zeit, die sich auch hier zu bewähren bereits begonnen hat. Inzwischen treibt man langsam dem Semesterbeginne entgegen, das durch seine Verknüpfung mit den zeitraubenden Prüfungen mir der unerfreulichste Theil des academischen Jahres ist.

Vor zwei Tagen ist Fritz von seiner Höhenstation heimgekehrt, mit gutem Erfolge, dessen Fortdauer unser Wunsch ist.

Die kürzlich in Baden stattgehabten Landtagswahlen haben, wie ich befürchtete, eine Vermehrung der Schwarzen gebracht. Ein sehr trauriges Symptom, nicht blos für Baden! Auch ein Deutschfreisinniger ist dabei zur Welt gekommen, wird aber vorerst ein Unicum bleiben!

Hier hat es mich sehr angenehm berührt, daß ich bei meiner Rückkehr von der Naturförsterei auch nicht die Spur mehr vorfand. Selbst || die Gerüche waren verweht und wen ich traf der sprach von allem Anderen eher, als von jenen schönen Tagen. Freilich habe ich Quincke noch nicht gesehen!

In Bälde wird wohl Dein Walter die Karlsruher Kunstschule beziehen. Wir werden uns recht freuen ihn auch hier zu sehen. Wie rasch ist doch die Zeit seit dem hiesigen Jubilaeum vergangen! Das ruft mir Walter ins Gedächtniß, den ich von damals so vor mir sehe als ob es gestern gewesen sei!

In der Hoffnung daß Baden Dir und den Deinigen aufs beste bekommen hat, schließe ich diese Zeilen und bleibe, mit vielen Grüßen von Haus zu Haus

Dein alter

C. G.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13.10.1889
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 10109
ID
10109