Bölsche, Wilhelm

Wilhelm Bölsche an Ernst Haeckel, Friedrichshagen, Februar 1908

Friedrichshagen

b. Berlin,

Seestraße 63.

Der Goethe-Bund plant in Berlin zu Sonntag d. 8. März eine große Protestversammlung, die sich besonders gegen den neuen Index-Versuch (Ausmerzen Deiner und anderer Bücher aus den Volksbibliotheken durch das Kultusministerium!) bei unserem „Neuesten Kurs" richten soll. Ich werde nun gebeten, bei Dir anzu-||fragen, ob Du vielleicht grade um diese Zeit selbst in Berlin wärst und eventuell selbst das Wort zu der Sache ergreifen wolltest? Voraussichtlich wird es eine sehr imposante Versammlung werden, der Deine Anwesenheit natürlich die Krone aufsetzte. Ich habe aber selbstverständlich den Herrn gesagt, daß ich durchaus nicht wüßte, ob Zeit und Lust bei Dir für die Sache vorhanden wäre und daß || ich Dir nur die Anfrage unterbreiten könne, was hiermit geschieht. – Im Ganzen scheint mir der Goethe-Bund mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die zur Zeit auf alle unsere ganz und halbfreien Vereine in Deutschland drücken und deren größte der fatale Mangel an organisatorisch begabten Menschen ist. Ich kenne diese Schwierigkeiten seit langem so als Praktiker (wobei ich mich NB selbst auch diesen „unorganisatorischen" Menschen zuzählen muß!), daß || es mir immer wieder etwas das Vertrauen zu all den Experimenten (auch den besten) stört. Immerhin ist diese Index-Gelegenheit aber doch auf jeden Fall eine sehr wichtige, vor der sich alles einmal wieder aufrappeln sollte, vor allem auch der Monisten-Bund, den die Sache ja am nächsten angeht.

Ich freue mich noch immer in der Erinnerung über die reizenden Stunden in Jena. Bitte || willst Du Deiner Frau auch noch einmal meinen herzlichen Dank aussprechen. Ich arbeite eben mit größter Hetzjagd den zweiten Band der Meyer‘schen Ausgabe von Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften zu Ende, er wird noch im Frühjahr erscheinen und ich sende Dir das Ganze, sobald auch dieser zweite Teil fertig ist. Es war eine einerseits interessante Arbeit, andererseits aber heillos erschwert durch den Zustand der Goethischen Texte || auf diesen Gebiet. Die Textrevision der Weimarer Sophien-Ausgabe ist in diesen naturwissenschaftlichen Schriften schundschlecht und auch sonst alles so erschwert wie möglich. Ich bin sehr froh, wenn ich glücklich durch bin. Im Moment ordne und kommentiere ich noch die geologischen Stücke, in denen wirklich viel mehr Gold ist, als ich je geglaubt hatte. Ist Dir zufällig einmal das Werk „System der Natur und ihre Geschichte" von Fr. Siegmund Voigt, dem Jenenser Botaniker, || erschienen Jena 1823, in die Hände gekommen? Das Buch ist voll von deszendenztheoretischen Anschauungen, so stark, daß man staunt. Dabei ist es heute ganz verschollen. Goethe kannte und schätzte es.

Ich sprach dieser Tage die heimgekehrte Frau Selenka. Sie hat (außer 30 Kisten Stegodon – ud. a. Knochen) zwei kleine Backzähne von anthropoidem Typus (für Pithekanthropus, scheint es, zu klein!) gefunden, ferner Holzkohlen und eigenartig längszerspaltene Stegodon-Stoßzähne genau in der Pithekanthropusschicht, die auf menschliche || Kultur deuten können. Der Geologe der Expedition (mit dem sie großen Krach bekommen zu haben scheint, où est la femme) behauptet, in geologisch gleichartigen Schichten, aber an anderer Stelle, sichere Feuerstellen etc. entdeckt zu haben. Die Pflanzenreste der Pithekanthropusschicht sollen auf ein kühleres und feuchteres Klima deuten, also wohl parallel unserer diluvialen Eiszeit sein. Das wäre alles, – also im Prinzip absolut nichts, was an der Grundfrage irgend etwas ändert. Ein Schnabeltierrest, den sie gefunden zu haben glaubte, scheint mir nach Autopsie vollkommener Irrtum.

Mit besten Grüßen

Dein W. Bölschea

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Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
??.02.1908
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 9680
ID
9680