Breitenbach, Wilhelm

Wilhelm Breitenbach an Ernst Haeckel, Odenkirchen, 24. Oktober 1892

WILH. BREITENBACH

DR. PHIL.

ODENKIRCHEN, 24. Oktober 92

Hochverehrter Herr Professor!

Da ich Sie jetzt wieder in Jena vermuthe, sende ich Ihnen mit vielem Dank die mir diesen

Sommer freundlichst geliehenen Bücher zurück. Ich glaube nicht, daß die Arbeiten rsp. die Ansichten Dreyers eine allgemeinere Verbreitung erlangen werden. Meiner Überzeugung

nach steht das ganze Gebäude der Entwicklungslehre || zu fest, als daß es durch solche Seifenblasen-Hypothesen erschüttert werden könnte. Und dann giebt es doch auch zu viele große biologische Erscheinungsreihen, die einer physikalischen oder mathematischen Behandlung gänzlich unzugänglich sind, als daß eine allgemeine Anwendung solcher Methoden denkbar wäre.

Inzwischen habe ich auch mit vielem Vergnügen das verrückte und unverschämte Buch

Hamanns gelesen. Der Mensch hätte wirklich einen Denkzettel verdient. Allein Ihre Hand dürfen Sie nicht zu dieser || Züchtigung benutzen. Ich hätte nicht übel Lust dazu.

Sie können sich nicht denken, wie ich mich über Ihre Jenenser Bismarcktage gefreut habe!

Ich bin ein glühender Verehrer des großen Mannes und pflege hier alljährlich am 1. April

eine Bismarck-Rede zu halten.

Vor einigen Tagen las ich in den Zeitungen von der Rede, die Sie in der Gesellschaft für

ethische Kultur in Berlin gehalten haben. Werden Sie die Rede veröffentlichen? Ich würde

sehr gern ihren Inhalt kennen lernen. Die Zeitungsberichte über die Gründung der Gesellschaft scheinen mir alle || recht confus zu sein. Sind nicht nähere Einzelheiten über die

Gesellschaft, die mich sehr interessirt, zu erfahren, so über Bedingung der Mitgliedschaft etc?

Könnten Sie wol einmal das Werk von Eimer über Entstehung der Arten entbehren und ist es der Mühe werth, dasselbe zu studiren? Sehr gut gefallen hat mir das neue Buch von Romanes über die Darwinsche Theorie.

Ich habe nun noch eine Bitte, von der ich allerdings nicht weiß, ob Sie dieselbe erfüllen mögen. Zu || Demonstrationen bei Vorträgen möchte ich mir gern einige Präparate von Polypen anfertigen. Sie würden mich deshalb zu großem Dank verpflichten, wenn Sie mir einige Stückchen aus verschiedenen Familien überlassen könnten, wenn Sie dieselben übrig haben.

In der Hoffnung, daß es Ihnen noch gut geht und mit nochmaligem besten Dank für die

Bücher bleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung

Ihr dankbar ergebenster Schüler

Dr. W. Breitenbach

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-10-1892
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 5932
ID
5932