Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel (Dekan) an Richard Adelbert Lipsius (Prorektor), Jena, 27. Juni 1877

Magnifice Academiae Prorector!

Jena den 27ten Juni 1877.

Bericht der philosophischen Facultät,

die Berufung eines außerordent-

lichen Professors für Geschichte betr.

Das Bedürfniß einer Verstärkung der Lehrkräfte für das Fach der Geschichte, ist schon seit einer Reihe von Jahren vielfach, in und außerhalb unserer Facultät, Gegenstand der Erörterung gewesen; um so mehr, als man sich wohl jener Vergangenheit erinnern durfte, wo an unserer Universität gleichzeitig drei Professoren, ein Ordinarius und zwei Extraordinarien, nebst zwei Privatdocenten für die Geschichte in Thätigkeit waren. Was in dem letzten Decennium zeitweise das Bedürfniß beschwichtigte, war der gelegentliche Zugang eines Privatdocenten und dessen alsbaldige Beförderung zum Extraordinarius. Gegen-||wärtig wird die Geschichte bei uns von einem Ordinarius, einem Extraordinarius und einem Privatdocenten gelehrt. Da jedoch der Extraordinarius, Professor Dr. Wittich, zu Michaelis ausscheidet, so tritt damit nicht nur in der Zahl der Lehrkräfte eine nie dagewesene Beschränkung, sondern zugleich in Bezug auf die Geschichte des Mittelalters, deren Vertretung Herr Professor Wittich anvertraut war, eine vollständige Verwaisung ein. Grade die Geschichte des Mittelalters bildet aber jetzt ein so wichtiges Specialfach innerhalb der historischen Wissenschaften, daß es nicht eine einzige deutsche Universität giebt, an der dieselbe nicht durch eine specielle und hervorragende Kraft vertreten wäre.

Die philosophische Facultät hat daher einmüthig den Beschluß gefaßt, mindestens die Berufung eines Extraordinarius für Geschichte, und zwar in erster Linie für die Geschichte des Mittelalters, auf das dringendste zu beantragen. Es liegt dabei im Interesse der Universität, daß die neue Lehrkraft, in Anbetracht des bevorstehenden Abganges des Professor Wittich, wenn es irgend sein kann, bereits zu Michaelis dieses Jahres, andernfalls aber spätestens mit Ostern künftigen Jahres in Wirksamkeit trete.

Mit dem Hauptbedürfniß, in der zu berufenden neu-||en Lehrkraft eine specielle und hervorragende Vertretung des Mittelalters zu erwerben, darf sich übrigens billigerweise, im Hinblick auf künftige Eventualitäten, die Anforderung verbinden, daß dieselbe nicht, wie so häufig oder gar gewöhnlich, in einer mittelalterlichen Ausschließlichkeit einseitig befangen sei, sondern im Bedürfnißfall sich auch qualificire, die anderen Haupttheile der Wissenschaft, alte und neuere Geschichte, mit zu vertreten. Durch eine so geartete Berufung würde zugleich die sehr wünschbare Aussicht gewonnen werden, die wissenschaftliche Thätigkeit unseres Thüringischen Geschichtsvereins aufʼs neue und kräftigste zu beleben.

Allen diesen Bedürfnissen, Anforderungen und Aussichten würde nach der einhelligen Ueberzeugung der philosophischen Facultät die Berufung des Herrn Dr. Dietrich Schäfer in Bremen auf das vollkommenste entsprechen, und sie erlaubt sich daher, denselben hierdurch und zwar ausschließlich zu denominiren.

Dietrich Schäfer studirte gegen Ende der sechziger Jahre drei oder vier Semester hindurch in Jena, insbesondere alte und neuere Geschichte, und war während dieser Zeit das ausgezeichnete Mitglied des historischen || Seminars. Hierauf setzte er sein Studium in Heidelberg unter Wattenbach und Treitschke fort, ging dann bei Ausbruch des deutsch-französischen Krieges als Freiwilliger mit nach Frankreich, und bezog nach Beendigung desselben, Ostern 1871 die Universität Göttingen, wo er in dem Seminar von Waitz sich alsbald ebenfalls als eines der begabtesten und hervorragendsten Mitglieder bethätigte. Nach seiner Promotion daselbst, nöthigten ihn seine äußeren Verhältnisse die Gymnasialcarriere zu ergreifen, und er fungirte daher mehrere Jahre am Bremer Gymnasium als ordentlicher Lehrer für Geschichte. Allein seine unüberwindliche Neigung zu immer tieferen historischen Forschungen, zu literarischer Thätigkeit und zur akademischen Laufbahn, trieben ihn Ostern 1876 zu dem kühnen Entschluße, trotz der damit verbundenen mannigfachen Entsagungen, seine auf die Dauer gesicherte Stellung aufzugeben und sie mit einer unsichereren, aber seiner seinen Neigungen entsprechenden zu vertauschen, indem er auf den Antrag des Hansischena Geschichtsvereins einging, der ihn auf Grund seiner bisherigen wissenschaftlichen Leistungen und auf Empfehlung von Waitz mit der Herausgabe einer neuen Serie || der Hanserecesse betraute.

Inzwischen hatte er nämlich, von kleineren Aufsätzen abgesehen, durch zwei größere Arbeiten die Aufmerksamkeit aller mittelalterlichen Geschichtsforscher auf sich gezogen: 1) durch die Schrift „Dänische Annalen und Chroniken von der Mitte des 13. bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, mit Berücksichtigung ihres Verhältnisses zu schwedischen und deutschen Geschichtswerken. Hannover 1872“, 125 S., eine Schrift, welche ihm sofort die allgemeinste Anerkennung erwarb; und 2) durch die von dem historischen Interesse der alten Hansestädte hervorgerufene Preisarbeit „Die Hansestädte und König Waldemar von Dänemark“, die, trotz der auf diesem Gebiete stets bereiten Concurrenz, im Mai 1876 in Köln gekrönt wurde. Diese ehrenvolle Thatsache ist den weitesten Gelehrtenkreisen bekannt; die Arbeit selbst, deren hoher Werth nach dem Urtheil der competentesten Sachkenner und Preisrichter keinem Zweifel unterliegen kann, wird erst in den nächsten Monaten, um ihrer Erweiterung willen, im Druck erscheinen. Sie soll vor allem die Bedeutung der deutschen Städte als politisches Element in den Verhältnissen Deutschlandʼs zum Auslande zu möglichst klarer Anschau-||ung bringen.

Noch ehe die Krönung dieser Preisschrift den Ruf des Verfassers erhöhen konnte, vor etwa zwei Jahren, hatte Schäfer schon durch die erst genannte Schrift, sowie durch kleinere Aufsätze unter den Geschichtsforschern ein so unbedingt günstiges Urtheil für sich erweckt, daß die Commission für die Fortsetzung der Heeren und Uckert’schen Staatengeschichte unter der Leitung von Giesebrecht in München, ihm die Fortsetzung von Dahlmann’s Geschichte von Dänemark übertrug. Diese Fortsetzung wird die Geschichte Dänemark’s vom Jahre 1523, wo Dahlmann stehen blieb, bis auf die Gegenwart, in drei Bänden fortführen; der erste Band reift der Vollendung entgegen.

Die von Schäfer für den Hansischen Geschichtsverein übernommene Arbeit begreift die dritte Serie der Hanserecesse, von 1477 bis 1530, und wird eine Mehrzahl von Bänden erfordern. Mit der Herausgabe der ersten Serie, bis 1430, ist, auf Grund eines Antrags des verstorbenen Lappenberg, die Münchener historische Commission auf ihre Kosten beschäftigt. Die Herausgabe der zweiten, bis 1476, sowie nunmehr auch der dritten, hat sich auf Anregung || von Waitz, der Hansische Geschichtsverein zur Aufgabe gestellt, gestützt auf die materiellen Mittel, welche die „Senate und Magistrate der einst zum Hansebunde gehörigen deutschen und außerdeutschen Städte“ zur Verfügung stellen; über den Fortgang der Arbeiten geben die „Hansischen Geschichtsblätter“ regelmäßig Auskunft. Behufs der Sammlung des Materials in den Archiven, ist Schäfer jetzt im Auftrage des Vereins auf einer großen Reise begriffen, die ihn namentlich nach Rostock, Stralsund und Schweden geführt, und von der er über Finnland, Petersburg, die deutsch-russischen Ostseeprovinzen, Königsberg und Danzig im Spätherbst dieses Jahres zurückkehren wird, um dann auf die Zeit der Wanderung und der Sammlung, die der Ruhe und der Ausarbeitung folgen zu lassen. Diese Obliegenheit der Ausarbeitung ist natürlich nicht nur kein Hinderniß für die akademische Wirksamkeit, sondern vielmehr angethan, die letztere nach allen Richtungen hin zu befruchten. Sind doch fast alle Hauptwerkführer auf dem archivalischen Gebiete der mittelalterlichen Geschichte zugleich auch Universitätsmitglieder gewesen und sind es zum großen Theil noch heute. Auch der Herausgeber der zweiten Serie der Hanserecesse, Freiherr von || der Ropp, ist academischer Dozent in Leipzig.

Allerdings gehört Schäfer seinestheils zur Zeit noch nicht zur Klasse der akademischen Docenten; seine Qualification dazu kann jedoch keinem Zweifel unterliegen. Dafür bürgt einmal die Erfahrung, daß er schon als Seminarmitglied die schwierigsten kritischen Auseinandersetzungen in mündlichen Vorträgen klar, scharf und fließend durchzuführen vermochte; ferner die Thatsache, daß er die Lehrthätigkeit in der Geschichte bereits Jahrelang, wenn auch bloß auf gymnasialem Boden, zu üben und zu bekunden in der Lage war; und endlich der Umstand, daß er auch mehrfach vor weiten, geschulten und fachmännischen Kreisen, in Bremen und im Hansischen Geschichtsverein, größere Vorträge hielt, die sich des allgemeinsten Beifalls erfreuten und zum Theil auch gedruckt vorliegen, die wir aber sowie überhaupt seine kleineren Aufsätze hier übergehen, weil es ihrer zu seiner Empfehlung in der That nicht bedarf. Er gehört unbedingt zu den meistbegabten jüngeren Forschern auf dem Gebiete des Mittelalters; er würde, als Bearbeiter der neueren und neuesten Geschichte Dänemarks, sicher auch unter Umständen für die neuere Geschichte und, nach Maßgabe seiner un-||gewöhnlichen jugendlichen Seminarleistungen, eventuell selbst für die alte Geschichte eintreten können; ja, er würde überdies, wenn es früher oder später wünschenswerth erscheinen sollte, jederzeit in der Lage sein, die Geschichte des Handels und der Gewerbe zu lehren, der er von jeher eine besondere Vorliebe und einen Theil seiner Specialforschungen gewidmet hat. Da die akademische Wirksamkeit, aber ohne die Vorstufe des Privatdocententhums, das letzte Ziel seines Strebens ist, wie alle wissen, die ihn hier am Orte näher kennen: so liegt die Möglichkeit, ihn für unsere Universität zu gewinnen, im Bereiche der höchsten Wahrscheinlichkeit.

Die philosophische Facultät richtet daher hierdurch an den illustren Senat die ergebenste Bitte, die Berufung des Dr. Schäfer bei den Durchlauchtigsten Erhaltern befürworten zu wollen.

Hochachtungsvoll

Die philosophische Facultät.

Haeckel

d. Z. Decan.

a korr. aus: Hanseatischen

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
27-06-1877
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
UAJ
Signatur
UAJ, BA 438, Bl. 12r-16v
ID
47838