Müller, Alexandrine

Alexandrine Müller an Ernst Haeckel, Dresden, 10. Februar 1912

Dresden den 10. Febr. 1912.

Sr. Exzellenz Herrn Prof. Dr. Ernst Häckel, Jena.

Hochgeehrter Herr Professor!

Per Post habe ich heute ein Aquarell an Ihre Adresse gesandt, einen „Pithecanthropus alalus“, dargestellt und entworfen nach langjährigen Studien von meinem Mann, wie er sich denselben als frühen Vormenschen denkt.

Schon bereits vor 14. Jahren hatte mein Mann einen Lichtbild-Vortrag geschrieben und gefertigt, der die Abstammung des Menschen an der Hand des biogenetischen Grundgesetzes, in Wort und Bild zur Anschauung brachte, ähnlich so wie mehrere Jahre später Bölsche, in umgekehrter Reihenfolge, sein Kosmosbändchen geschrieben hatte. Dieser Vortrag, zu dem mein Mann etwa 100 Bilder gefertigt hat, fand beim Publikum sowie in der Presse reichen Beifall, namentlich aufgeklärte Kritiker deutscher u. österreichischer Zeitungen waren des Lobes voll über die Art und Weise wie „Häckels biogenetisches Grundgesetz“ durch die recht guten bildlichen Darstellungen, erstmalig in dieser Ausstattung einem großen Publikum verständlich gemacht wurde. Der Erfolg dieser Vorträge war auch finanziell ein recht guter, so daß an uns gestellte Bitten um Unterstützung für populär wissenschaftliche Unternehmen nach Kräften entsprochen wurde. So z. B. hat mein Mann || einem Berliner Schriftsteller für dessen Thema, „Das im Voraus bestimmte Geschlecht“ er sich interessierte, ansehnliche Summen geopfert und durch polizeiliche Verbote dieses Themas als Vortrag veranstaltet empfindliche Verluste gehabt. – Mich möglichst kurz fassend, richte ich an Sie hochgeehrter Herr Professor diese Zeilen, da mein Mann selbst es nicht fertig brächte sich in dieser Angelegenheit an Ihre Güte zu wenden, er ist, so wie auch ich ein glühender Verehrer Ihrer hochgeschätzten Persönlichkeit und Ihrer Werke. Zur Zeit ist er aufs eifrigste bemüht, den geschilderten Vortrag neu zu fertigen, (da das alte Lichtbildmaterial leider durch einen Unfall vernichtet worden ist) und zwar an der Hand des in neuester Zeit in unseren Museen befindlichen reichen Materials sowie seiner eigenen Bilder. Mit diesem neuen reiferen Vortrag ist sein sehnlichster Wunsch möglichst bald vor das Publikum zu treten, für den sich eine Anzahl Volksbildungs-Vereine interessieren.

Könnte mein Mann den Vortrag fertigstellen, so wäre eine große Existenzsorge von uns genommen, denn durch sein allzu großes Entgegenkommen andern gegenüber sind wir selbst in eine bittere Notlage geraten, und obgleich wir mit allen Kräften dagegen ankämpfen, so ist es doch sehr schwer sich herauszuarbeiten. Ohne Wissen meines Mannes sende ich Ihnen hochgeehrter Herr Professor das Bild, es war ihm mit der Darstellung darum zu tun ein Wesen hinzustellen, dem man auf den ersten Blick || ansehen kann, daß es von einem niederen tierähnlichen Individuum abstammt, gleichzeitig aber auch, daß es sich zu einem höherstehenden (Menschen) entwickeln kann. Mit diesem Bild arbeitet mein Mann an einer Anzahl weiterer für den Vortrag bestimmter, die Zwischenstufen darstellen sollen.

Alle diese Arbeiten kann er nur des Nachts fertigen, da er die Tageszeit für einen Broterwerb verwenden muß, dessen Ertrag mehr als elend ist und dabei die Gesundheit aufreibt. – Es liegt mir ferne selbst unter erdrückenden Sorgen ein Lamento zu bringen, aber Ihrem guten Herzen verehrter Herr Professor lege ich es nahe etwas für die Sache meines Mannes zu tun, an der Hand des Bildes könnten Sie es vielleicht für wert erachten zu helfen. Wenn ich 200 Mark hätte sagte er mir kürzlich, könnte ich den Vortrag fertigstellen und in einem Monat in Vereinen mit garantiertem Honorar halten, Honorare, die insgesammt 1200 Mark betragen. Wenn ich nun die Bitte auszusprechen wage, würden Sie hochgegeehrter Herr Professor uns diese Summe für drei Monate vorstrecken, so tue ich das mit dem Gefühl, daß ich einen Mann bitte, der hoch über Alles steht, hilfsbereit ist, und uns mit einem Schlag aus einer höchst traurigen Lage retten würde. Mein Mann hat jahrelang Vorträge unter dem Namen Weltner (wiss. Verein „Gaea“) gehalten.

In größter Hochachtung und Verehrung

ergebenste

Alexandrine Müller

Dresden, Gerichtsstraße 13III links.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-02-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Jena
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46143
ID
46143