Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Walter und Josefa Haeckel, Baden-Baden, 25. Mai 1909

Baden-Baden

25. Mai 1909.

Liebe Münchener Kinder!

Seid herzlich willkommen in Eurem lieben Heim, das ihr hoffentlich morgen wieder in bester Gesundheit, und bereichert mit einer Fülle der schönsten Reise-Eindrücke aus Sicilien und Italien, betreten werdet.

Die ausführlichen, musterhaft geschriebenen Reise-a Berichte von Dir, liebe Josefa, habe ich mit größtem Interesse gelesen, und mich dabei lebhaft der schönen Zeit erinnert, in der ich (gemeinsam mit Hermann Allmers –) 1859 – gerade vor 50 Jahren ! – diese herrlichen Wunder der Natur und Kunst genossen hatte. ||

Seit 14 Tagen bin ich hier in Baden zur Kur, die mir gut bekommt; durch Thermal Bäder und Schwedische Gymnastik suche ich das alte Knochengerüst zu repariren, das durch die lange Krankheit des Winters sehr gelitten hat; ebenso wie das Nerven-System durch die vielen Sorgen und Ärgernisse bei Übergabe des Zool. Instituts und Phylet. Museums.

Mein Nachfolger, Prof. Plate, hat sich alsbald als so brutaler Rüpel entpuppt, daß an gemeinsame Arbeit mit ihm nicht mehr zu denken ist. ||

Nicht zufrieden damit, daß ich Plate das ganze Zoolog. Institut (mit meinen wertvollen Sammlungen und der reichen Bibliothek) überlasse, und die Einrichtung und Direktion des Phyletischen Museums (seinem Verlangen gemäß) allein übertragen hatte, wollte er mir auch noch die 3 Zimmer im Ph. Mus. nehmen, die ich mir (für meine Erinnerungen und Kunstwerke) reservirt hatte. –

Erst durch eine denkwürdige Sitzung am 3. Mai, in der der Minister Rothe, der Kurator Vollert und mein jurist. Beirat Prof. Rosenthal, entschieden für mich (und gegen Plate) eintraten, wurden mir die 3 Zimmer gestattet. ||

Zugleich wurde beschlossen und am 4. Mai vor dem Amtsgericht (durch Stiftungs-Urkunde) bestätigt, daß Walter und Hans zusammen dafür sorgen sollen, daß diese 3 Räume (Archiv, Bilder-Saal und Arbeitszimmer) – nebst dem ganzen literarischen Nachlass, Briefwechsel etc) in meinem Sinne erhalten bleiben. Näheres darüber bald mündlich.

– Ich denke die Pfingsttage noch hier zu bleiben, etwa vom 3. – 12. oder 15. Juni in der Schweiz (Solothurn, Biel?) zur Nachkur zu bleiben und auf der Rückreise nach Jena 3 – 4 Tage in München zu bleiben. Seid Ihr vom 12. – 20. Juni dort?

Mit herzlichsten Grüßen Euer alter

treuer Vater E. Hkl.

a gestr.: Eindrücke

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
25-05-1909
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
München
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 46122
ID
46122