Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 9. 11. April 1863

Berlin 9 Aprill 63.

Lieben Kinder!

Nachdem wir unruhige 8 Tage gehabt, ist Mimi mit den Kindern diesen Morgen nach Landsberg abgereist und es wird nun recht öde bei uns sein. Karl kam, nachdem die Sachen in Freyenwalde aufgeladen, auf einen Tag hieher und reiste bald wieder ab, um am Sonnabend vor dem Fest die Sachen in Landsberg in Empfang zu nehmen. Sie werden sich bis Michaelis sehr mangelhaft behelfen müßen, da das jetzige Quartier zu klein ist und sie erst zum 1 October das beßere beziehen können. Am 2ten Feiertag hatten wir die Potsdamer inclusive des Brautpaars bei uns, auch Georg Reimer und Frau und Ernst Reimer nebst Braut nahmen am Diner Theil, Ernst Reimer Braut hat uns sehr gut gefallen. Es waren grade 20 Personen am Tisch. Nun ist alles vorüber. Helene mit den Kindern und Heinrich sind die beiden freien Tage bei Mutter Minchen in Frankfurt gewesen, Minchen soll sehr hübsch eingerichtet sein und ein hübsches Quartier haben. Die Weiß und Beyrichs sind inzwischen in unsere Nähe gezogen, die Weiß in die Potsdamer Straße ganz nahe an der Brüke, Beyrichs nicht weit davon in die Carlsstraße. Bertha wohnt in ihrem neuen Quartier AnhaltsCommunikation im Hofe hinten heraus und hat die Aussicht in die Gärten, das Quartier hat mir gut gefallen. So hat sich also mancherlei verändert. Ich habe mich seit 3 Wochen unwohl befunden, einen gewaltigen Schnupfen, sodann Rheumatismus im Kopf und geschwollenes Zahnfleisch. Mutter leidet an sehr starkem Husten und ist mit Clara eben zur Weiß gegangen. Am Sonnabend hatten wir hübsche Vorträge in der geographischen, von unserm Consul Wetzstein in Damascus über die Beduinen, von Barth über die entdekten Vulkane an der westlichen Küste von Africa und von Hℓ. von Prittwitz über die über die Alpen führenden Uebergänge von der Zehl am Mont Cenis bis zum Brenner und die Intention, Eisenbahnen durch Tunnels durch die Alpen zu legen, ein noch in ferner Aussicht stehender Plan (25 Jahre gehören dazu, wenn das Geld geschafft wird). – Wir sind nun in diesen 8 Tagen möglichst oft zusammen gewesen, Gertrud hatte Anna, Tante Bertha den kleinen Herrman zu sich genommen. 4 Kinder hatten wir beia uns Carl, Heinrich, über dem Quinke kurierte, die kleine Marie und den Säugling. Die Kinder und Mimi haben uns viel Freude gemacht, der kleine Carl hat sich sehr geändert, er ist sehr gemüthlich und zutraulich geworden und außerordentlich zärtlich gegen den kleinen Ernst, den er herumträgt und hätschelt. Diese Liebe der Kinder unter einander ist etwas sehr schönes, sie fühlen sich als ein zusammen gehöriges Ganzes, ich habe das als Knabe nicht gekannt, da ich keine Geschwister hatte. Kurz es ist ein schönes Familienleben und das muß uns erquiken, da die öffentlichen Angelegenheiten so elend gehen. || Nebenbei betreibe ich meine Studien. Ich habe schon den ganzen Winter viel über das neue Testament gelesen, deßen Entstehung Bleek in seiner „Einleitung zum Neuen Testament“ sehr gründlich und mit tiefer historischer Kenntniß beschrieben. Es liegt mir durchaus daran, mit Entfernung aller Mythen hinter das Wesen über die Person Christi und die Verbreitung des Christenthums, sowie über deßen eigentliches innres Wesen zu gelangen. Je mehr ich darüber lese und studire, desto fester wird in mir die Ueberzeugung, daß durch das Christenthum die Menschheit reformirt worden ist und daß sich in Christo eine göttliche Idee (Incarnation) verkörpert hat, durchb welche die Menschheit in ein neues Stadium ihrer Entwikelung gelangt ist, Christus hat das menschliche Gemüth in seinem tiefsten Kern erfaßt und die in ihm wirkenden göttlichen Ideen aufgespürt, die in ihm selbst in größter Tiefe und Klarheit wohnten und lebten und so hat dieser göttliche Kern allmählich die Menschheit durchdrungen und sie umgewandelt, sie immer mehr humanisirt und civilisirt, und so wird diese Civilisation immer mehr fortschreiten. Man muß die Zustände der alten Kultur und die darauf begründeten c innren Verhältniße der Völker und Familien en detail durchgehen und sie mit den jetzigen vergleichen, um die ungeheure Umwandlung, welche die Menschheit durch das Christenthum erfahren, zu bewundern. Den Alten war die Sklaverei durchaus nichts unnatürliches, eben so wenig reflektirten die Römer die geistige d und politische Individualität der Völker, bei ihnen und durch sie war eine Universalmonarchie möglich, im christlichen Europa nicht mehr und so wird sich auch im jetzigen Augenblik die Individualität der Polen geltend machen und die Rußen werden sie, soweit es die Unbändigkeit der Polen zuläßt, respektiren müßen. Denn in dem Russisch Polene lebt noch der reine Pole, bei dem Stükchen polnisch Land, was wir haben, ist es etwas andres, das ist schon halb germanisirt, wie es im 12ten Jahrhundert der Deutsche Orden schon mit Ost- und Westpreußen gemacht hatte. Solche Einschnitte pflegt die Weltgeschichte zu machen und so ist auch Lothringen ganz französisch geworden. Im Mittelalter war das gewaltsame der germanisiren historisches Princip, auf diese Weise wurde ein großer Theil der Slaven der Kultur zugewendet. In der Zukunft wird die Civilisirung der Slaven durch Deutsche auf friedlichem Wege erfolgen. Die Slaven sind nun einmal in den europäischen Civilisationskreis hineingezogen und müßen mit fort. Diese Civilisation umfaßt 3 große Völker Gruppen, die rein germanischen und in welchen das germanische vorherrscht, Deutschland, England, Norwegen, Schweden – die romanischen − und die slavischen –. Sie bilden ein großes Ganzes, die europäische Menschheit. Von hier aus wird es immer weitergehen nach Amerika, Afrika und Asien und so wird die europäische Civilisation sich zuletzt über die ganze Erde verbreiten (Ostindien ist ein Anfang).f Die Griechen kamen bis zum νωυσg (der göttlichen Weltregierung), sie kannten aber das sittlicheh Princip der Menschenliebe und der i auf die göttliche Vernunft im Menschen begründeten Menschenrechte zu wenig, dieses ist erst durch Christum in der Menschheit lebendig geworden. So lese, studire und similire ich in Einem fort und erwarte ruhig den Uebergang in eine vollkommenere Welt, wo wahrscheinlich weniger Kampf mit Unverstand und Unvernunft sein wird. Wenn ich mir so einen im Gamaschendienst untergegangenen || Preußischen Officier ansehe, der völlig ideenlos ist und von dem, was jetzt in der Welt vorgeht, nichts ahndet, dann überläuft mich ordentlich ein Schauer. Aber die Weltentwikelung geht sehr langsam und die Dauer einiger Generationen, in welchen sich die neuen reformatorischen Ideen durcharbeiten müßen, will auch viel sagen. Der Durchbruch der Ideen fordert Zeit und so werde ich immer wieder ruhig, wenn ich den gegenwärtigen Moment welthistorisch ansehe.

Deine Beschreibung der Vorlesung in Weimar hat uns sehr ergötzt und erfreut, es ist doch schön, daß man doch wenigstens Einen solchen Hof findet, wo die höhere Bildung Fuß gefaßt hat. Bei der Feier des 17ten März hier war kaum eine wahre Freude, obzwar bei Hofe alles ganz ordentlich zugegangen sein soll. –

Daß Ihr so schön wohnt, ist ja ganz vortrefflich und wird Euch großen Genuß verschaffen. Auch die Ferien finde ich für die Profeßoren, die sich fortbilden wollen, ganz vortrefflich. Da haben sie ja Zeit fortzuschreiten, während sie in der Collegienzeit zu sehr von den Collegien in Anspruch genommen sind. Nun schreibt uns nur: wann wir Euch am gelegensten kommen, vor Pfingsten nicht, dann aber denken wir wenigstens 4 Wochen bei Euch zu bleiben.

Minchen wird schon in diesem Monat nach Heringsdorf [gehen], will aber j während unsrer Anwesenheit in Jena auch hinkommen. Von Jena aus mache ich vielleicht einen Abstecher nach Merseburg, Halle und Leipzig, um alte Freunde aufzusuchen. Gegen Ende Juli und den August beabsichtige ich nach Schlesien zu gehen. Das steht alles noch nicht ganz fest, wohl aber der Wille Euch auf längere Zeit zu besuchen. – Wie ein politischer Umschwung erfolgen soll, ist noch gar nicht abzusehen. Sie regieren so in ihrer Blindheit fort, bis irgend ein Ereigniß sie aus ihrem falschen Gleise herausbringen wird. – Für heute genug. Euer Alter

Hkl

Eine verwitwete Frau von Scheel geb. v. Bülow hält sich in Jena ihres Sohnes wegen auf. Wenn Ihr sie sehen solltet, so grüßt sie herzlich von mir. Sie ist mit Sydow befreundet und ganz genau mit der alten Frau v. Bassewitz in Potsdam. ||

11 Aprill

Gestern Abend habe ich noch einen hübschen Vortrag von Krause im Unionsverein über die Unsterblichkeit gehört, worunter die Fortdauer des persönlichen Bewußtseins in jenem Leben zu verstehen ist. Der Glaube an die Unsterblichkeit wurzelt im religiösen Gemüthe, sie lässt sich durch das bloße Denken nicht beweisen. Aber alle wahrhaften Resultate des Denkens widersprechen ihr auch nicht, die Gewißheit derselben liegt also im sittlich religiösen Gefühl. Krause ging diejenigen Räsonnements der neueren Philosophie durch, welche der Unsterblichkeit widersprechen und widerlegte sie, insbesondere auch die auf reinen Materialismus zulaufenden Behauptungen der Naturforscher, wornach das k Denken und der Geist eine bloße Funktion des Gehirns sei, der mit dieser Funktion aufhöre. Alles in unserem Innern, insbesondere das sittliche Gefühl deutet auf etwas außerhalb der Zeit liegendes Ewiges. Die göttliche Liebe, welche uns durch Christum offenbar geworden, läßt sich gar nicht denken bei der bloßen Erschaffung rein vergänglicher Wesen, die in jedem Augenblik wieder verschwinden. Im Gegentheil hat sie Wesen geschaffen, die dem göttlichen Wesen ähnlich, die unvergänglich sind. – Die Vorlesung war mehr für Männer als für Frauen, sie streifte schon in das Gebiet der Philosophie hinein. – Diese geistigen Erwekungen, die man hier in Berlin in den verschiedenen Vorträgen erhält, sind doch etwas sehr schönes. Die menschliche Geistesbildung ist doch besonders auch im nördlichen Deutschland sehr im Vorschreiten und wenn man die Schilderung der Zustände des vorigen Jahrhunderts liest (Schlosser, Biedermann, jetzt wieder Blücher und seine Zeit von Sherr in Zürich), so sind wir nicht blos geistig überhaupt, sondern auch sittlich sehr weit vorgeschritten. Dieses hat mich recht beruhigt und ich verlaße diese Welt mit der Hoffnung, daß es immer beßer wird oder – wie sich Christus ausdrükt – daß sich das Reich Gottes immer mehr erweitert.

Euer Alter

Hkl

[Nachschrift von Charlotte Haeckel]

Unten im Kistchen sind noch Pappiere.

a eingef.: bei; b eingef.: durch; c gestr.: Ver; d gestr.: Individu; e eingef.: in dem Rußisch Polen; f Text am Abschluss von S. 3, mit Einfügungszeichen nach „französisch geworden“ eingef.: Im Mittelalter war … (Ostindien ist ein Anfang). g gestr.: Nous; eingef.: νωυσ; h eingef.: sittliche; i gestr.: Menschen; j gestr.: zu; k gestr.: den

 

Briefdaten

Datierung
11-04-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44966
ID
44966