Haeckel, Ernst

An Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Neapel, 28. März 1859

Neapel, 28. 3. 59.

Den herzlichsten Heimathsgruß Euch Lieben Allen, aus dem schönen Neapel, in dem ich heut Morgen glücklich angekommen bin und ina das ich euch heut Abend gar zu gern auf ein Stündchen herzaubern möchte. Die glühende Lava des Vesuvs schimmert so prächtig aus den gestreckten Flanken des Feuerbergs herüber, daß man meint, man müßte dadurch, wie durch Fenster, in das roth erleuchtete Innere desselben schauen können. Leider habe ich heute nur provisorisch eine Stube beziehen können, aus deren einzigem, kleinen Fenster ich grade die obere Hälfte des Vesuvs, mit den roth glühenden Feuerflecken, über die Dächer herüberschauen sehe. Es ist dasselbe Zimmer, wo Dr. Diruf früher viele Jahre gewohnt hat. Meine bleibende Wohnung, welche durchaus am Strand, an der Santa Lucia, sein muß, und von welcher aus ich auch die herrlichste Aussicht auf das Meer und das ganze Sorrentiner Gebirg sammt dem vollen Vesuv haben werde, kann ich leider erst in der nächsten Woche, vielleicht sogar noch später, beziehen, da grade jetzt hier der größte Fremden-Confluxus ist, besonders durch die Engländermassen, welche nach dem Carneval hierher gekommen sind und zu Ostern wieder nach Rom zurückgehen. Auf der ganzen Santa Lucia haben sie jetzt sämmtliche Quartiere mit Beschlag belegt. Es ist mir dies besonders deshalb unangenehm, weil ich nicht eher, als ich am Strand wohne, zu arbeiten anfangen kann, wonach ich jetzt große Sehnsucht habe. Indeß werde ich diese Zeit, wo ich in der Stadt wohnen muß, möglichst benutzen, um mich mit der herrlichen Umgegend bekannt zu machen. Hätte ich dies aber vorher gewußt, so wäre ich sicher lieber noch die nächsten Wochen in dem herrlichen Rom geblieben, von dem mir der Abschied sehr schwer geworden ist. Noch bis zum letzten Tage schwankte ich, ob ich gehen oder bleiben sollte und nur der Wunsch nach Arbeit und die Furcht, dort gar zu sehr in die herrliche Kunstbummelei mich zu vertiefen, so daß ich nach neuen 4 Wochen nur um so unlieber fortgegangen wäre, bestimmten mich zur Abreise. Etwas trug dazu auch die mißlungene Gebirgsreise bei, für die es offenbar noch viel zu früh war. Das Gebirg ist aber hinsichtlich seiner Temperatur und Flora wenigstens 1–2 Monat hinter Rom selbst und der Campagna zurück und während hier schon seit 6 Wochen Alles grünt und blüht, haben dort noch nicht einmal die Bäume ausgeschlagen und erst Schneeglöckchen b ||

Der ganze letzte Tag in Rom (26. 3.) wurde mir leider durch die ekelhaftesten Paßplackereien verbittert. Nur am frühsten Morgen brachte ich noch 3 glückliche Stunden in der wundervollen antiken Ruinenstadt, auf dem Forum, Colosseum, Capitol etc zu, von denen ich mich nur schwer trennen konnte. Um 6 Uhr Abends fuhr ich mit dem Vetturin ab und war am Morgen um 7 in Civita vecchia, wo ich mich alsbald auf den stattlichen französischen Postdampfer „Vatican“ begab, welcher um 2 Uhr Nachmittags abfuhr und uns beim schönsten Wetter in der Nacht hierher brachte. Schon um 4 Uhr früh bemerkte ich aus dem Fensterloch meiner Cabine das Glühen der Lava auf dem wunderbaren Vesuv. Ich stand sogleich auf und genoß noch den vollen Anblick der Einfahrt in den herrlichen Hafen. Die Ankunft selbst wurde mir durch die widerwärtigsten Plackereien mit Fachinis, Bootführern, Douanebeamten etc, die hier niederträchtiger als irgendwo in Italien sind, sehr verbittert. Hätte ich mir nicht schon eine gute Portion Gleichmuth und energischer Festigkeit angewöhnt, so hätte ich, wie meine Reisegefährten, die ganze Reise verwünschen müssen. Dochc wurde ich bald wieder durch den Anblick der wundervollen Natur versöhnt. Mein erster Gang war an die Santa Lucia, wo ich mit Wonne meine Hände in die „göttliche, heilige Salzfluth“ (Homer) tauchte und mit Entzücken die Masse herrlicher Algen, kleiner Polypen und Seesterne betrachtete, mit denen alle Felsen und Steine dicht bedeckt sind. Dann ging ich zu den deutschen Landsleuten, Dr. Binz und Apotheker Berncastel, welche mich sehr freundlich aufnahmen. An letztern adressirt nur noch die Briefe, bis ich eine definitive Wohnung habe:

Herrn Dr. E. H. aus B. p. Adr. Signore Ernesto Berncastel, Farmacia Prussiana. Largo S. Francesco di Paola 7. Franco fin a Napoli. Napoli. – Via d Marseille.

Dein letzter Brief, lieber Vater, erfreute mich am 22. gleichzeitig mit einem von Karl, welcher ebenfalls am 14. abgeschickt war. Sagt Karl herzlichen Dank; ich antworte ihm nächstens direct. Hoffentlich bringt mir der nächste Brief die Nachricht, daß Du, bestes Mutterchen, wieder ganz gesund bist. Ich hatte mich nach dem ersten Brief sehr gebangt und war sehr besorgt, bis mir dann dieser zweite von Vater sagte, daß die Sache gar nicht gefährlich ist. Doch ist mir sehr leid, daß Dein Doctor nicht bei Dir sein und Dich selbst pflegen kann. Ich lasse Ottilie Lampert herzlich danken, daß sie Dich so gut pflegt. Daß es in Freienwalde so gut geht, freut mich sehr. Jetzt wird nun der hoffnungsvolle Neffe wohl schon getauft sein.

− Deine Expectoration über das Verhältniß des Christenthums und Alterthums, lieber Vater, ist sehr nett und zum Theil hast Du Recht. Ich hatte die Sache zu einseitig aufgefaßt. Das nächste Mal mehr darüber. ||

Wenn ihr den guten Martens seht, grüßt ihn herzlichst und dankt ihm schönstens für seine Empfehlungen, die mir bisher vom größten Nutzen waren. Ich schreibe ihm nächstens selbst. Ebenso grüßt auch Tante Weiß recht, ferner Tante Bertha, Tante Minchen etc. Fragt doch Tante Weiß, von welchem Punkte ihr wundervolles Panorama von Neapel aufgenommen ist. Schreibt mir nur ordentlich, wie die Taufe in Freienwalde war und was die Lieben alle machen. Nach Annas letztem Brief ist die Taufe heute oder gestern gewesen.

Ich habe dabei in der schönsten Natur geschwelgt. Munter und gesund bin ich hier, wie in Rom, immun! || Den lieben Freienwaldern die herzlichsten Grüße. Die Taufe ist nun wohl schon vorüber und ihr seid hoffentlich dort gewesen. Durch den nächsten Brief hoffe ich auch die Nachricht von Deiner völligen Genesung liebste Mutter, zu erhalten. Hoffentlich macht Dich der Frühling, der hier schon mehr Sommer ist, bald vollkommen gesund. Hier blühten schon bei meiner Ankunft die Rosen und Mittags scheint die Sonne so warm, dass ich den Rock ausziehe und in Hemdärmeln am offnen Fenster sitze. An deutscher Gesellschaft fehlt hier so wenig wie in Rom. Doch glaube ich nicht, daß ich mich so bald so heimisch hier fühlen werde, wenigstens nicht, ehe ich ordentlich arbeite.

a gestr.: ich; eingef.: in; b Textverlust durch Papierausriss; c irrtüml.: Durch; d gestr.: di

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
28-03-1859
Entstehungsort
Rom
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 44494
ID
44494