Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 1. Juni 1919

Jena 1. Juni 1919.

Lieber Herr Doktor!

Nur mit großen Schwierigkeiten, und nur um Ihnen als altem Freund einen dringenden Wunsch zu erfüllen, habe ich die beifolgenden Seiten für Ihre „Neue Weltanschauung“ in den letzten Tagen geschrieben. Sie brauchen dieselben nicht aufzunehmen, können auch beliebig daran streichen, oder eventuell Einiges zusetzen.

Wenn Sie diese einleitenden Sätze, die nichts Neues enthalten, trotzdem abdrucken wollen, bitte ich jedenfalls um Zusendung einer Korrektur.

Das Schreiben fällt mir jetzt sehr schwer; ich habe mich (mit 86 Jahren! – die bekannten „9 Monate“ eingerechnet!! –) vollständig „ausgeschrieben“, und kann keine neuen Gedanken mehr produzieren! ||

Eigentlich hatte ich schon vor 2 Jahren mit den „Kristallseelen“ (1917) meine literarische Arbeit abgeschlossen, und im Vorjahr (1918) nur noch das kurze Nachwort, „Genetica“ zur 16. Auflage des „Monismus“ folgen lassen. Ich werde nun aber aufhören, immer wieder a alte Gedanken aufzuwärmen, ohne etwas brauchbares Neues zu bringen. Ich werde Ihnen also keine weiteren Beiträge für Ihre „Neue Weltanschauung“ liefern können! –

– Persönlich geht es mir schlecht; ich kann (in Folge eines neuen Sturzes) nicht mehr gehen. Mit meinem Sohne, der aus München entkommen ist und Juni hier bleibt, bereite ich meinen Abschied aus dieser niederträchtigen Welt vorb, die täglich trostloser wird! c Ich rechne kaum noch auf ein halbes Jahr Lebensrest! –

Mit besten Wünschen für Sie und Ihre fruchtbare Arbeit

treulichst Ihr alter

Ernst Haeckel.

P.S. Bitte Schaxels „Theorien“ bald zurückzusenden.

a gestr.: (neue; b eingef. mit Einfügungszeichen: vor; c gestr.: vor

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
01-06-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41176