Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Wilhelm Breitenbach, Jena, 21. Januar 1919

Herrn Dr. Wilhelm Breitenbach

in Bielefeld (Zastrow-Str.).

Jena 21. Januar 1919.

Lieber Herr Doctor!

Aus Ihrem letzten Briefe (vom 7.1.) ersehe ich mit Freuden, dass Sie meinen Vorschlag, (vom 1.1.), meine Schrift über des „Protistenreich“ (Leipzig 1878) neu zu bearbeiten mit lebhafter Zustimmung aufgenommen haben. Der ursprüngliche Verleger dieser Schrift, Herr Karl Alberts (Wiesbaden? Rüdesheim?) ist längst verstorben und sein Verlag (auch der alte, von Carus Sterne = Ernst Krause redigierte „Kosmos“) – Firma: Ernst Günther, Leipzig – in andere Hände übergegangen. Den Verlagsrest des „Protistenreichs“ hat mein jetziger Verleger Alfred Kröner (Leipzig, Ross Strasse 7) erworben. Er hat mich wiederholt und dringend aufgefordert, eine neue, umgearbeitete Auflage des Buches zu unternehmen. Ich würde das sehr gern getan haben, da ein wertvolles Stück Lebens Arbeit von mir darin steckt. Aber leider fehlten mir dazu jetzt Zeit und Arbeitskraft; meine 85 Jahre und meine Kränklichkeit verbieten sie mir ganz. ||

Inzwischen hat sich herausgestellt, – (durch zufällige Entdeckung von Druckfehlern im unberechtigten Nachdruck! –) dass der frühere Verleger (K. Alberto) eine grosse Zahl von Nachdruck-Auflagen veranstaltet hat, ohne mich jemals darum zu befragen – und ohne Honorar zu zahlen! –

(Im Laufe der 40 Jahre, die seitdem verflossen sind, hat sich unsere Kenntnis der einzelligen Organismen ausserordentlich vertieft und erweitert. Das neu bearbeitete „Protistenreich, als eine populaere Übersicht über das Formengebiet der niedersten Lebewesen“ – müsste demnach eine vollständige Umarbeitung und starke Erweiterung erfahren und durch zahlreiche Illustrationen dem grösseren Publicum zugänglich gemacht werden. Diese sind jetzt (– entweder durch Tafeln oder Text-Figuren –) durch Autotypie leicht und billig herzustellen. Die neue, streng wissenschaftliche Bearbeitung des Protistenreiches, welche ich 1894 im ersten Band meiner „Systematischen Phylogenie“ (Berlin, Georg Reimer) gab, ist ganz ohne Erfolg geblieben, weil ich keine Abbildungen und keine Litteratur-Nachweise gegeben hatte. ||

Wenn Sie lieber Herr Doktor, meinen Wunsch erfüllen, und als einer meiner tüchtigsten (an Kenntnissen, eigenen Erfahrungen und klarer Kritik reichsten!) Schüler diese Neubearbeitung des „Protistenreiches“ übernehmen, so bin ich gerne bereit, Sie in jeder Beziehung kräftig zu unterstützen; ich glaube Ihnen sicher einen sehr befriedigenden Erfolg voraussagen zu können (auch in finanzieller und geschäftlicher Beziehung). Die Benutzung aller meiner betreffenden Arbeiten steht Ihnen unentgeldlich zu Gebote; auch beanspruche ich für mich selbst kein Honorar (– wie ich auch für meine grossen Radiolarien Monographien, für die 20 Tafeln in den „Kunstformen der Natur“, für die Arbeiten über Moneren u.s.w. kein Honorar erhalten habe. Für Vorschläge im Einzelnen, Durchsicht der Literatur u.s.w. würde es sich am meisten empfehlen, einen Besuch in Jena und Leipzig auszuführen, um in mündlichen Besprechungen zahlreiche wichtige Fragen zu erledigen. Vielleicht ist es am meisten praktisch, dass Sie zunächst an Herrn Verlagsbuchhändler Kröner in Leipzig (Ross Str. 7) schreiben, eventuell unter Mitteilung dieses Schreibens. ||

– Die Literatur über Protisten ist zwar colossal gewachsen, wie schon das von Schaudinn begründete „Archiv für Protistenkunde“ zeigt. Aber die grosse Masse dieser Arbeiten ist einseitig, ohne allgemeine und vergleichende Gesichtspunkte; – die Protozoen von Zoologen, – die Protophyten (als „Niedere Algen“ –) von Botanikern mangelhaft bearbeitet. Es fehlt die allgemeine, sehr wichtige und höchst interessante, comparante Darstellung aller „Zellinge“ oder „einzelligen“ Protisten, im Gegensatze zu den „Webingen“, den gewebebildenden Histonen! –

– Meine eigene Protisten Bibliothek ist zwar eine der reichsten, mit vielen seltenen und originellen Büchern; – aber leider habe ich sie grösstenteils dem hiesigen Zoologischen Institute geschenkt (teils 1884, teils 1908); deren Direktor, mein Amtsnachfolger Prof. Plate, erschwert mir ihre Benutzung auf die Weise; – Ihnen wird er sie wahrscheinlich gestatten. Vieles habe ich auch im Phyletischen Archiv, dessen Direktor Dr. H. Schmidt ist zu jeder weiteren Auskunft stets gern bereit.

treulichst Ihr alter Lehrer Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
21-01-1919
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Bielefeld
Besitzende Institution
Archiv des Helmholtz-Gymnasiums Bielefeld
ID
41173