Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Helene Freifrau von Heldburg, Berlin, 27. Mai 1896

Berlin 27.5.1896.

Hochverehrte Gnädige Frau!

Gestatten Sie mir, Ihnen zu Ihrem bevorstehenden Geburtstags-Feste meine ergebensten Glückwünsche darzubringen. Mögen Sie dasselbe in dem herrlichen Park der Villa Carlotta beim schönsten Frühlings-Wetter verleben und möge die Sorge um das Wohlbefinden Ihres Durchlauchtigsten Herrn Gemahls durch dessen Genesung bald ganz verscheucht werden. ||

Da ich seit einem halben Jahre nicht aus Jena herausgekommen bin und die Oster-Ferien ununterbrochen gearbeitet habe, benutze ich die Pfingstwoche, um mir in Berlin die beiden großen Ausstellungen anzusehen. Die Jubilaeums-Kunstausstellung enthält wieder eine große Masse Mittelgut, sowie eine Anzahl extravaganter Phantasie-Producte, die nur durch ihre Absonderlichkeiten glänzen wollen, daneben doch auch eine Anzahl von recht schönen und erfreulichen Bildern.

Die große „Berliner Gewerbe-Ausstellung“ ist in hohem Grade interessant; sie verhält sich zu den großen „Welt-Ausstellungen“ in Paris etc. ungefähr ähnlich, wie ein schöner zoologischer Garten zu einer großen Menagerie. Der reizende Park von Treptow (mit anmuthigen Seen und reichen Gebüsch- und Baum-Gruppen) ist höchst geschickt und geschmackvoll zur zweckmäßigen Vertheilung der interessanten Einzel-Ausstellungen und Bauten benutzt worden.

In dem Befinden meiner Frau, die seit 7 Monaten durch die Folgen einer schweren Influenza an das Zimmer gefesselt war, ist jetzt endlich eine langsame Besserung eingetreten; sie soll jetzt auf einige Monate in‘s Gebirge gehen.

Mit dem aufrichtigen Wunsche daß das neue Lebensjahr Ihnen, Gnädigste Frau, ebenso wie Ihrem Herrn Gemahl, nur Gutes und Erfreuliches bringen möge, bleibe ich in aufrichtiger Verehrung

Ihr ganz ergebener

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
27-05-1896
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
Thür. Staatsarchiv Meiningen
Signatur
Hausarchiv, NL Helene von Heldburg, Nr. 87
ID
39923