Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte Haeckel, Merseburg, 17. November 1851

Merseburg Mittwoch d. 17/11 1851

Liebe Mutter!

Eure Briefe haben mich sehr gefreut, auch besondersa daß sich Papa in Stettin so wohlbefunden hat und mir einen Brief von Mimmi mitgebracht. Lasse b ihr durch Karl recht schönen Dank und Grüsse sagen. Auch meinen lieben Bruder selbst grüsse recht schön, und den 70jährigen Jüngling küsse recht ab von mir. Mir ist jetzt hier jetztc niemals recht wohl. D. h. nicht physisch (obwohl mir die Frostballen an den Füßen und die durch die Kälte geschwollnen Fingergelenke oftd tüchtig weh tun, zumal da ich keine Handschuhe hierhabe) und ich sehne mich je länger, je mehr fort aus diesem langweiligen Merseburg und der trüben Schule, und zu euch hin. –

Die 100 rℓ von Tante Sack werde ich als stud. med. recht gut brauchen können und sie sollen ganz der Naturwissenschaft geweiht werden. Dabei fällt mir noch eine Bitte ein, um die euch zu bekümmern ich recht sehr bitte. Vielleicht || erinnerst Du Dich noch daß über Tante Sacks Sopha ein Bild von dem berühmten Botaniker Willdenow und eins von Alexander von Humboldt hing; seht doch, ob ihr diese beiden Kupferstiche nicht auf der Auction oder sonst erwerben könnt; es läge mir außerordentlich viel daran sie zu erhalten; besonders wäre es Schade, wenn das letztere in Hände käme, die es nicht zu schätzen wissen; es stellt Humboldt e jung (sehr ähnlich!) in Hemdsärmeln dar, wie er im Schatten eines Baumes (einer Palme?) eine Pflanze untersucht; es ist ein sehr schönes und seltenes Bild und jetzt gar nicht mehr im Buchhandel zu haben; nicht einmal der alte Henkel, der Bildnisse der meisten Botaniker hat, besitzt es. Seht euch doch ja danach um!

Die beiliegende Quittung brachte mir ein Regierungsbote, damit ich sie Vater zuschicken sollte. Osterwalds, Henkel und die Wiecks lassen schön grüßen. Vorgestern abends aß ich bei Merkels, die geschlachtet hatten, frische Wurst und Wurstsuppe. Sie übergab mir auch beifolgende Rechnung von Pfündtner, die sie ihm bald nach eurer Abreise bezahlt hatte. ||

Als Neuigkeit kann ich auch die Verlobung des Dr. Brettner mit Betty Basedow schreiben; ich weiß aber nicht, ob man schon öffentlich davon sprechen darf. –

Noch eins muß ich Dir erzählen, was mir große Freude macht; Abends nach 10 Uhr kömmt nämlich immer eine Post vorbei, deren Postillon jedesmal sehr schön und lange bläst, und mit der ich dann in Gedanken fortwandre und in der Welt umherkutschiere. Sonst ist mein Leben jetzt recht einförmig geworden und wenn nicht bald tüchtiger Frost kömmt der Schlittschuhbahn macht, so komme ich kaum mehr aus der Stube; bis jetzt haben wir sehr gelindes Wetter.

Da noch Platz in der Kiste ist, so schicke ich gleich die Pfeffermintze aus unserm Gärtchen und den Auctionszettel mit. Die Äpfel soll sich das Geburtstagskind wohl schmecken lassen und dabei an seinen Jungen denken, der sie aus seiner großen „Privat Chatulle bezahlt. Die Rebhühner bekam Christel erst, als sie die Hasen schon hatte. Sie kosten 7 Sgr, die beiden kleinen Hasen jeder 14 gute Gr und der große 17 gute Groschen. Laßt euch alles wohl schmecken. Den Brief an Wieck habe ich soeben erhalten. Lindleys Orchideen habe ich abbestellt. || Macht euch also keine Sorge darüber.

Tausend Grüße und Küsse von eurem alten

Jungen Ernst Häckel

N. B. Als ich eben zur Merkel kam, die mir die Kiste gepackt hat und überhaupt immer sehr freundlich und gefällig ist, fand ich sie bei dem Brief, den sie Dir f schrieb in Thränen, der schönen alten Zeit, als ihr noch dawart gedenkend. Also bin ich doch nicht der einzige, der hier an euch denkt! –

a gestr.: wa; eingef.: besonders; b gestr.: id; c eingef.: jetzt; d eingef.: oft; e gestr.: ganz; f gestr.: Dir

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
17-11-1851
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38742
ID
38742