Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Jena, 29. Juni 1865

I.

Jena 29. Juni 65.

Liebste Mutter!

Die Antwort auf Eure beiden letzten Briefe hat sich durch die viele Arbeit, die mir in den letzten Wochen die Reorganisation des zoologischen Museums machte, von einem Tag bis zum andern hinausgeschoben. Endlich bringt mich zum Schreiben Dein übermorgen wiederkehrender Geburtstag, zu dem ich Dir, liebste Mutter, von ganzem Herzen Glück wünsche. Da unser lieber Vater sich wieder so wesentlich erholt und gekräftigt findet, so wirst Du diesen Tag weniger traurig verleben, als Hier vor einem Jahre, wo zu meinem schweren Leide auch noch Vaters beginnende Krankheit sich gesellte. Ein schweres und kummervolles Lebensjahr schließt Du übermorgen ab. Hoffentlich wird das beginnende neue Jahr Dir leichter werden, und des lieben Vaters fortschreitende Genesung und Wiederkräftigung, über die ich mich sehr freue, dauernd dazu beitragen. ||

Welch großes Glück ist es, daß Deine eigene Gesundheit, liebste Mutter, sich wieder so wesentlich gekräftigt hat, und daß Du Kräfte genug gehabt hast, die schweren Aufgaben des vergangenen Jahres zu erfüllen. Hoffentlich bleibst Du uns in dieser Kraft und Gesundheit noch recht lange erhalten und erlebst durch Vaters bleibende Besserung noch freudigere Zeiten.

Gerne hätte ich Dir zu Deinem Geburtstag irgend eine kleine Freude gemacht und namentlich gern ein Bildchen gemalt. Die viele Arbeit der letzten Monate hat mich aber gar nicht dazu kommen lassen und außerdem fehlt mir seit meiner Anna Tode alle Lust und aller Muth zu irgend einer künstlerischen Beschäftigung. Ausgenommen die Skizzen, die ich in Villafranca, mehr aus Verzweiflung, als aus Naturgenuß, entworfen habe, hat der Pinsel völlig bei mir geruht, und es wird wohl noch lange dauern, ehe ich daran wieder Freude finde.

Eine kleine Geburtstagsfreude mache ich Dir vielleicht mit der Mittheilung, daß meine Medusen- Arbeit in das Englische || übersetzt worden ist, und daß ein ausgezeichneter englischer Zoolog, Professor Allmann in Edinburgh, eine besondere Abhandlung darüber geschrieben hat.

Solche kleine Freuden, die mich früher sehr reizten, haben aber ohne meine Anna kaum noch Werth für mich, und können mich kaum auf einige Stunden von dem Druck der trübsten Stimmung und des bittersten Leides befreien, das sonst fast ununterbrochen auf mir lastet. Der ganze Sommer ist mir Hier wieder recht schwer geworden, viel schwerer als der Winter, wo ich in Arbeit so tief vergraben lag, daß ich nicht recht zu mir selbst kam.

Im Sommer tritt die Aufforderung, das Leben zu genießen, in der schönen Natur die Lichtseite des Daseins zu fühlen, viel mehr an uns heran, und wem dieser Lebensgenuß so ganz abgeschnitten ist, wie mir, der fühlt sein Elend doppelt tief. Obgleich die Nothwendigkeit, mich endlich ganz in mein schweres Schicksal hinein zu leben, mir täglich klarer wird, kann ich doch immer nur schwer zu dem Gedanken mich gewöhnen, daß mein schönes Glück für immer zerstört ist. ||

Im nächsten Winter hoffe ich mir meine Existenz wieder erträglicher zu machen, als sie jetzt ist. Dann kommt wieder das Buch an die Reihe, das ich mit Interesse und Liebe schreibe, und zu dem ich jetzt keine Ruhe und keine Gedanken finden kann. Die schmerzliche Erinnerung an den glückseligen Sommer 1863, den einzigen, den ich mit meiner Anna Hier verlebte, ist jetzt zu mächtig, als daß ich sie zurückdrängen könnte. Jeder Spaziergang im grünen Wald, jeder Blick aus meinem Fenster in das Paradies, jeder schöne Abend, der unsere Berge röthet, läßt mich statt des Genusses, den ich früher daran hatte, nur die Qual des Mangels der Besten und Liebsten empfinden. Vergebens suche ich dann Trost und Ruhe in der wissenschaftlichen Arbeit. So gut es mit dieser den Winter über ging, so schlecht gedeiht sie jetzt. So bleibt mir denn nichts übrig, als auf den baldigen Schluß des Sommer- Semesters zu rechnen, und zu hoffen, daß die lange Ferien- Pause und die weite Wanderung in derselben mir wieder Kraft und Muth bringen wird. ||

29. 6. 65 II.

Daß ich mich unter diesen Umständen auf Euren Besuch sehr freue, brauche ich Euch nicht erst zu sagen. Den Tag Eurer Ankunft (doch spätestens den 9. Juli) bitte ich mir vorher mitzutheilen, damit ich Euch den Wagen nach Apolda schicke. Daß Hulda mit kömmt, ist mir unter den von Dir, liebe Mutter, angegebenen Umständen ganz recht. Sie wird sich, denke ich, mit Bertha ganz gut vertragen, und kann doch bei der Bedienung wesentlich mithelfen. Bertha wünscht für die Wirtschaft noch zu haben: Citron öl, Nudeln, Stärke, Rum, Graupen und Eiergräupchen. Ferner bitte ich Dich, liebe Mutter, falls meine Photographien von der photograph. Gesellschaft am Dönhoffsplatz noch nicht gekommen sind, dieselben holen zu lassen und mitzubringen.

‒ Von Mutter Minchen erhielt ich gleich nach ihrer Ankunft aus Wiesbaden einen Brief, worin sie sagt, daß sie sich vergeblich nach mir oder nach einem Brief von mir || in Apolda umgesehen habe. Da sie mir vorher nur ganz allgemein geschrieben hatte, sie wolle sich in Apolda auf der Durchreise nach mir umsehen, so hatte ich, da ich grade an dem Tage unmöglich hinüber konnte, an den mir bekannten Bahnhofs- Restaurateur geschrieben, mit der Bitte, einen Brief an Frau Geh. Räth. Sethe, die ich ihm näher bezeichnetea, und die sich dort nach mir umsehen würde, derselben zur bestimmten Stunde einzuhändigen. Warum sie denselben nicht erhalten, weiß ich nicht; an mir liegt die Schuld nicht; ich glaube auch nicht, am Restaurateur, der mir als zuverlässig bekannt ist. Ich habe übrigens gleich nachher an M. M. nach Wiesbaden geschrieben, und ihr dies mitgetheilt. –

Meine Vorlesungen denke ich am 10. August zu schließen und dann gleich nach Wien, Gratz und Illyrien abzureisen, so daß ich Ende August meine Reise von Triest nach der dalmatischen Küste antreten kann. Auf der ganzen Reise || wird mich der junge Dr. Anton Dohrn (der jetzt in Berlin unter den Linden 33, 3 Treppen, wohnt) begleiten. Sechs Wochen werde ich mit ihm zusammen an der Seeküste Untersuchungen anstellen. Ob Virchow mein Reiseplan passen wird, ist mir fraglich. Ich bitte, einliegenden Brief in einem versiegelten Couvert ihm bald zuzustellen. Ob ich Barth noch treffen werde, ist mir gleichfalls sehr zweifelhaft, da derselbe doch nur kurze Zeit an der Küste mit mir zusammenreisen würde.

An Schwager Heinrich und an Bruder Karl werde ich wegen ihrer Reisepläne in den nächsten Tagen speciell schreiben. Daß Karl und Hermine zusammen reisen, freut mich ganz besonders.

Der Monat, den ich heute abschließe, ist fast ganz durch Arbeiten auf dem zoologischen Museum absorbirt worden. Ich habe, bei Gelegenheit des Besuchs von Martens, angefangen meine ganze reiche Sammlung von pelagischen Seethieren aus Messina b zu bestimmen, zu ordnen und dem hiesigen Museum einzuverleiben. || Dabei sind einzelne Theile des hiesigen zoologischen Museums, wie z. B. die Sammlung der Tintenfische, Krebse, Schnecken, Medusen, durch den Zuwachs meiner Privatsammlung um mehr als das Doppelte bereichert worden.

Große Freude hatte ich vor acht Tagen durch den Besuch von Ernst Weiss, der auf der Durchreise nach Saarbrücken einen Abstecher hierher machte, Samstag Abend ankam und Sonntag Abend weiter reiste. Mit Ausnahme dieser Unterbrechung und des sehr lieben achttägigen Besuchs von Martens habe ich die ganze Zeit sehr still und einsam gelebt, und außer Gegenbaur fast Niemand gesehen.

Die Tanten, Frau Weiß (wenn dieselbe zurück ist), Jacobis etc bitte ich schön zu grüßen.

In herzlicher Liebe

euer treuer Ernst

c Ich konnte nicht nach Apolda, um M. M. zu sehen, da ich an dem Tage 5 St. Vorlesung und außerdem eine wichtige Senatssitzung hatte.

a korr. aus: bezeichneten; b gestr.: dem; c weiter am Rand v. S. 6.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Datierung
29-06-1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 38556
ID
38556