Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Anna Sethe , Jena, 12. Februar 1862

An Anna.

Jena 12.2.62.

Gut, daß ich Dir nicht, wie ich eigentlich wollte, gestern schon geschrieben habe, liebster Schatz! Sonst würde der Brief noch ein gut Theil trüber und mißmuthiger geworden sein, als er auch heute noch wird!

Denke Dir, eins unserer niedlichsten Luftschlösser ist wieder zusammengestützt, nämlich die reizende Idee, unser erstes Eheleben in der reizenden Böhmeschen Ziegelei zu beginnen; ich habe mich leider überzeugen müssen, daß wir das Quartier, dessen Bewohnung ich mir so reizend ausgemalt hatte, nicht beziehen können! Hr. Böhme kam vorgestern zu mir mit der Nachricht, daß sich ein paar Herren das untere Quartier angesehen hätten, um es zu miethen , und daß ich also, wenn ichs haben wollte, mich rasch entschließen müßte . Wir haben uns nun zusammen die Sache gründlich angesehen und überlegt, und sind dabei zu dem traurigen Resultate gekommen, daß das Quartier so äußerst unpraktisch ist, daß ich es höchstens für einen Sommer miethen könnte. Herr Böhme war sehr vernünftig; er wollte mich sehr gerne dabehalten, mußte sich aber selbst gestehen, daß sich, namentlich für den Winter, das Quartier absolut nicht praktisch einrichten ließe. ||

Bauen lassen will er auf keinen Fall, da die ganze Anlage der Räume so verpfuscht ist, daß sich schwerlich ohne sehr große Kosten ein a wohnlicher Umbau machen läßt . Was wir haben würden, wäre wesentlich 2 sehr schöne und große Zimmer. Die b fünffenstrige Eckstube ist wirklich prachtvoll, 11 Ellen breit und 12 Ellen lang, für Jena ein Staats-Salon, der seines Gleichen sucht! Aber im Winter würde er wohl kaum zu heizen sein! Und dann die andern Räume! Kein besonderer Eingang! Überdem ist noch sehr die Frage, ob Madame Böhme sich dazu versteht, auf die herrliche „gute“ Prachtstube zu verzichten! Herr B öhme bezweifelte es selbst sehr! Es bliebe also vielleicht allein die Möglichkeit, daß wir mein ganzes ober e s Quartier behielten und unten nur die große Stube mit 2 Fenstern links, sowie die Kammer daneben in Beschlag nähmen , und dann noch die Küche. Allein die untere große Stube (11 Ellen lang, 8½ breit) würde wohl noch kälter, als das fünffenstrige Zimmer sein, da sie über dem ungeheizte Flur ist, und dann || [ Zeichnung der Wohnung ] Die Maaße der Wände sind i n sächsischen (Leipziger) Ellen angegeben.

ist sie auch mit einer grünen Arsenik-Tapete überzogen, was just nicht sehr heilsam ist.

Außerdem müßte auch Mad ame Böhme den Eingang zu ihrem Zimmer entweder durch unsere Stube oder unsere Küche nehmen. Kurz, wir haben hin und her überlegt, und, obwohl uns Beiden sehr daran lag, daß das junge Ehepaar H aeckel die Wohnung nähme, sind wir doch zu keinem Resultat gekommen. Hr. Böhme mußte selbst zugeben, daß es so kaum für eine Familie bewohnbar sei.

Er hat mir zwar versprochen, in den nächsten 8 Tagen noch nicht zu vermiethen , um erst Antwort von Dir abzuwarten; indeß vermuthe ich, daß auch Du in das traurige „ Muß “ Dich wirst || fügen müssen und keinen Rath weißt. Für die 3 Sommer-Monate könnten wir diesmal allerdings wohl auskommen. Allein dann schon umziehen zu müssen, wäre doch auch schlimm. Schreibe mir also schleunigst, was du dazu denkst; Sonntag erwarte ich Antwort! Ich denke, ich gebe es definitiv auf, um so mehr, als doch auch die Haupt-Vorbedingung noch sehr in der Luft schwebt. An Quartieren ist übrigens grade jetzt hier kein Mangel.

Es ziehen zu Ostern nicht weniger, als 5 Familien aus, und das ist für Jena ein unerhörter Wegfall! Unter diesen 5 Quartieren sind 2 sehr nette. Miethen kann ich natürlich keinenfalls , ehe ich nichts Bestimmtes weiß, und das kann noch sehr lange dauern! Wie leid es mir aber thut , die prachtvolle Lage der Ziegelei und den reizenden Prinzessinnen-Garten aufzugeben, kannst du denken!

Ich hatte mir eine zu nette Stadt von Luftschlössern in und um die Ziegelei aufgebaut, als das ich nicht von Herzen betrübt sein sollte, mit einem Male alle wieder vernichtet zu sehen. Und doch werden wir uns wohl diesmal fügen müssen! ||

Die letzte Woche begann sehr hübsch, nämlich mit Deinem lieben Brief, der mich Sonntag früh erwarteter maßen erfreute, und zugleich mit einem Druckbogen, dem 25sten, mit dem nun wieder ein Hauptabschnitt geschlossen ist.

Hoffentlich bekomme ich auch nächsten Sonntag zum doppelten Feiertag einen Brief; kann ich auch diesmal den Tag nicht bei Dir feiern, liebster Schatz, wie vorm Jahr e , so werden wir beide doch mit ungleich glücklicheren Gefühlen aneinander denken, eingedenk, daß dies hoffentlich der letzte Geburtstag ist, den ich als Privatdocent und Junggeselle feiere.

Übers Jahr habe ich sicher ein liebes kleines Frauchen, welches mir d a nn den diesjährigen 16ten Februar nachfeiern hilft! Denn von Feier wird wohl diesmal nicht viel die Rede sein! Höchstens werde ich mit meinen Freunden einen größeren Spaziergang machen, und bestelle mir dazu bei meinem lieben Schatz gutes Wetter! Die Gedanken werden aber wohl mehr in Berlin, als in Jena sein! Letzten Sonntag machte ich wieder mit Gegenbaur und Gerhardt einen sehr schönen 3stündigen Spaziergang über Ammerbach und durch den || Forst, fast denselben, wie vor 8 Tagen. Die Gegend ist auch im Winter ganz herrlich. Außerdem habe ich mich tüchtig in dieser Woche durch Turnen erquickt, wo ich jetzt Voltigeur par excellence bin und über Reck und Barren wegspringe, wie es mir keiner nachmachen kann. Seit 4 Tagen haben wir wieder strenge Kälte (‒12 ‒ 16°) bei scharfem Ost- und Nord-Wind. Ich bringe es in meiner Stube wieder kaum auf 10°. Leider ist das auch Bezold sehr schlecht bekommen, welcher seit 4 Tagen an einem heftigen Rheumatism us (mit etwas Brustfell-Entzündung) zu Bett liegt. Bei seiner K onstitution muß man immer fürchten.

‒ Wenn ich übrigens bedenk e , wie ich mich diesen Winter durch Arbeiten maltraitirt habe und wie frisch und munter ich mich dennoch immer halte, so kann ich wirklich mit meiner Constitution zufrieden sein und muß gestehen, daß ich etwas aushalten c kann. Sei am Sonntag recht vergnügt, lieber Schatz und denke nicht zuviel an Deinen unnützen, lieben Erni, der Dich auch mit 28 Jahren noch eben so lieb behält.

a korr. aus: eine; b korr. aus: Das; c korr. aus: aufhalten

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-02-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 38401
ID
38401