Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Charlotte und Carl Gottlob Haeckel, Würzburg, 26. – 29. Dezember 1855

Würzburg, Mittwoch 26/12 1855

Liebste Eltern!

So eben, am Abende des zweiten Weihnachtsfeiertages, erhielt ich eure liebevolle Weihnachtssendung, die ich sehnlichst erwartet und heut Nachmittag fast schon aufgegeben hatte. Nun war aber auch die Freude darüber um so größer! Habt 1000, 1000 Dank für alle eure Liebe und Güte. Ihr habt mich diesmal wieder so reichlich bedacht, daß ich euch gar nicht genug dafür danken kann. Ganz besonders hat mich Großpapas Bild gefreut, das ja eine ganz prächtige Copie ist. Der Zug um den Mund scheint mir selbst freundlicher, als am Original; nur die Augen wollen mir nicht so ganz gefallen, das wird eine rechte Zierde meiner hübschen Studirstube in Berlin werden. Da soll das Bild grade über meinem Arbeitstisch hängen und mich beständig an den herrlichen Großvater erinnern, dessen edlem Gemüthe und fleckenlosem Character nachzueifern mein stetes Bestreben sein soll. Mit Van der Hoevens Zoologie, die ich mir schon sehr lange gewünscht habe, habt ihr mir ebenfalls eine sehr große Freude gemacht. Ich erhielt das schöne Buch schon vor 4 Tagen. Dir, meine liebe Herzmutter, sage ich noch ganz besondern Dank für die zärtliche Sorgsamkeit, mit der Du meine Speisekammer bedacht hast. Bei der spartanischen Kost, die ich hier meistens genieße, kann man wirklich zuweilen so eine kleine Leckerei gut brauchen. Insbesondre ist mir sehr mit der Wurst und der Chocolade gedient. Letztere hatte ich mir jetzt oft Abends gewünscht, da ich jetzt meist zu Hause Abends Milchsuppe essea, was manb auf die Länge doch satt kriegt. Ich habe sie gleich heute Abend probirt und sie hat mir ganz vortrefflich gemundet. –

Daß es für mich hier in meiner Einsamkeit diesmal kein besonders lustiges und vergnügtes Weihnachtsfest gab, könnt ihr leicht denken. Der stete Gedanke an euch Lieben lag mir beständig so im Sinn, daß, wenn ich auch hier im Übrigen die größte Weihnachtsfreude gehabt hätte, ich doch zu keinem ruhigen Genusse derselben gekommen wäre, und mich beständig an den trauten, heimathlichen Vaterheerd hingesehnt hätte. Wie viel, ja wie unaufhörlich bin ich an den schönen Festtagen im Geiste bei euch gewesen und der Gedanke an die innige Liebe, mit der ihr mich beglückt, hat mich das Trübe unsrer jetzigen Trennung weniger tief empfinden lassen. ||

Und doch, trotz der Entfernung von euch Lieben und trotz meiner hiesigen Einsamkeit, welche mir eine eigentlich gemüthliche und behagliche Festfreude unmöglich machten, trotzdem habe ich diesmal eine so recht tiefe und innige Weihnachtsfreude genossen, wie vielleicht nie vorher. Am Heiligabend war freilich wenig davon zu merken. Ich brachte denselben mit Strube und Beckmann in einer Weinkneipe ziemlich trübe und versimpelt zu. Meinen beiden Freunden mochte ebenfalls die Heimath sehr im Sinn stecken und sie waren auch nichts weniger als lustig gestimmt. Selbst der sonst so heitere und witzige Peter war heute ganz still und konnte es zu keiner fröhlichen Stimmung bringenc. Jeder dachte nur an die fernen Lieben und so saßen wir still und schweigend vor unserm berühmten Steinwein, der sonst so leicht Herz und Zunge löst, diesmal aber den starren Trübsinn und das Heimweh nicht zu lösen vermochte. Mir schwebte beständig der mit funkelnden Lichtern besetzte, große Tannenbaum vor, um den ihr Lieben alle jetzt versammelt sein würdet, und an dem meine lieben kleinen Neffen, wenigstens mein Pathchen, seine reine, kindliche Freude haben würde. Dann dachte ich wieder mit Sehnsucht an die frühen Kinderjahre zurück, wo ich auch so ganz harmlos und sorgenfrei der schönen, lieblichen Weihnachtsfreude mich hingegeben hatte. Je trauriger und düsterer mir so der heilige Abend verfloß, desto freudevoller und glücklicher erschien mir der erste Weihnachtsfeiertag. Freilich hatte ich auch da keine befreundete Seele, der ich mein ganzes Innere hätte offenbaren und mittheilen können, und die hohe Befriedigung, gegen ein verwandtes Gemüth meine Gedanken und Gefühle aussprechen zu können und in ihm einen harmonischen Anklang zu finden, was doch allein erst die rechte, innere Freude und Festigkeit giebt, fehlte mir heute, wie gestern. Um so inniger und tiefer fühlte ich aber, wie sehr meine innigsten Überzeugungen und besten Bestrebungen in eurem treuen Herzen, liebste Eltern, die volle, tiefe Aufnahme finden, die sie verdienen und dieser Trost, die feste, unwandelbare Überzeugung unserer harmonischen Geistesgemeinschaft, versetzte mich trotz der weiten Entfernung so lebhaft mitten unter euch, daß mir nicht anders war, als hätte ich eben erst das Glück genossen, auch leiblich bei euch zu sein und Angesicht gegen Angesicht mein ganzes volles Herz mit allen Hoffnungen und Zweifeln, Freuden und Leiden gegen euch auszuschütten. || Die glückliche Stimmung, in der ich den ersten Feiertag verlebte, wurde zum großen Theil durch eine treffliche Predigt bedingt, welche ich am 25/12 hier von einem alten Kirchenrath hörte und welche meine eignen Gedanken und Hoffnungen an diesem schönen Feste so aussprach, als wäre sie mir aus der Seele genommen. Ich wurde dadurch veranlaßt, einmal tiefer über mein Verhältniß zum Leben und zu meiner Aufgabe in demselben nachzudenken und gelangte da schließlich zu dem erfreulichen Resultat, daß ich in dem verflossenen Jahre doch meiner Lebensaufgabe um ein Bedeutendes näher gerückt bin. Überhaupt trete ich das neue Jahr 1856 mit ganz anderen Hoffnungen und Vorsätzen an, wie die vorhergehenden. Wenn in den verlebten 3 Studentenjahren Neujahr für mich immer ein Tag des bittersten Schmerzes war, an dem ich nichts Bessres thun zu können glaubte, als mich in tiefen moralischen Katzenjammer über das nutzlosd verflossene alte Jahr zu versenken und meine schlechte Nutzanwendung desselben, die vielen Fehler, die ich in demselben, statt Gutes zu thun, beging, zu bedauern, so verhält es sich diesmals ganz Anders. Allerdings bin ich mir jetzt eher noch mehr, als früher, der großen Unvollkommenheit und Mangelhaftigkeit bewußt, an der alle meine Handlungen trotz der besten Vorsätze leiden. Aber, statt über das Geschehene mich unnütz zu grämen, richte ich jetzt lieber meinen Blick vertrauensvoll in die Zukunft, mit dem festen Willen, es künftig eben besser zu machen. Blickte ich damals nur mit kindischem Zagen in das schwarze neue Jahr hinein, von dem ich eben so wenig als von dem verflossenen, erwarten zu können glaubte, so habe ich dagegen jetzt frischen, frohen Muth gefaßt und hoffe mit Gottes Hülfe noch Etwas Ordentliches zu leisten. Schwebt mir gleich das Räthsel meiner Zukunft jetzt vielleicht noch viel mehr, als früher, in unbestimmten, dunkeln Umrissen nur vor, so grüble ich doch nicht mehr sorgenvoll, wie damals, darüber nach; sondern überlasse vertrauensvoll die ganze Sorge dafür meinem Gott, der mich schon nicht verlassen wird. Ja, endlich darf ich wohl, ohne mich zu überheben, hoffen, ein tüchtiger, braver Kerl zu werden, und behaupten daß ich den festen, unwandelbaren Willen dazu besitze. || Diese wesentliche Characteränderung glaube ich mit Freuden als das befriedigende Resultat des vergangnen Jahres ansehen zu dürfen. Endlich, endlich sind Kraft, Muth und Hoffnung in mein banges, schwaches und verzagtes Herz eingezogen. Freilich ist es auch die höchste Zeit, daß ich endlich einmal jene kindische Schwäche, jenes übertriebene Selbstmißtrauen, das alle Thatkraft schwächte und allen Lebensmuth niederschlug, aufgebe. Wenn es auch später meine stete Sorge sein soll, aller fehlerhaften Schwächen meines Wollens und Handelns mit strenger Wahrheitsliebe mir bewußt zu werden, so will ich doch ferner nicht, wie bisher, muthlos darüber zagen, sondern vielmehr durch künftige vollkommnere Handlungsweise immer mehr meinem Ideal mich zu nähern e suchen. Ich kann euch hier unmöglich beschreiben, wie tief und gründlich ich in meinem ganzen Wesen mich jetzt verändert fühle, wie ich hoffe, sehr zum Bessern. Erst mündlich kann ich euch ganz mein volles Herz darüber ausschütten, und ich denke, ihr sollt es an meiner ganzen Handlungsweise gewahr werden. Lebensmuth und Thatkraft! Welche herrlichen f Begriffe, deren Wesen ich mir so lange vergeblich anzueignen suchte und jetzt endlich glücklich erworben zu haben glaube. Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich mich jetzt im Vollgefühle geistiger und körperlicher Kraft fühle, wie ihr muthiges Regen alle meine Glieder und Sinne stählend durchdringt und wie ich, mit ihr gewappnet, voll Muth und Hoffnung in das Leben hinaustrete, um darin nach meinen Kräften zu wirken und zu schaffen. Wie ein schwerer, düsterer Traum erscheint mir meine bisherige Lebensanschauung, in der ich in beständigem Moralisiren über meine Schwäche mich immer tiefer in sie hineinarbeitete. Klar und hell sehe ich jetzt das Leben vor mir liegen, nähere mich immer mehr der Erkenntniß und dem Angriffe meiner Aufgabe in demselben, und glaube festen Willen, bestimmte Richtung und frohen Muth genug zu besitzen, oder wenigstens bald zu erlangen, um selbstständig mit Erfolg in die rauhen Stürme des realen Lebens mich hinauswagen und durchg seine wilden Wellen mich hindurch arbeiten zu können. ||

Und welchen Umständen verdanke ich nun diese gründliche Umwandlung meines ganzen Wollens, Denkens und Handelns, über die ihr euch vermuthlich nicht weniger, als ich selbst, freuen werdet? Ich glaube, vor allem 2 verschiedenen Ursachen: erstens der herrlichen Alpenreise und zweitens der ernsten Lebensschule, die ich im verflossnen Jahre und insbesondere in den letzten Monaten hier durchgemacht habe. Was die erstere betrifft, so werde ich mit jedem Tage mir mehr der unschätzbaren Vortheile bewußt, welche dieselbe, ganz abgesehen von den unaussprechlichen Genüssen und Naturanschauungen, welche mir ewig unvergeßlich bleiben und diese Zeit als die schönste meines Lebens erscheinen lassen werden, für die Bildung meines Geistes und Characters gehabt hat. Wie einseitig bleibt doch der Mensch, der stets nur in dem engsten Kreise seiner nächsten Umgebung verharrt und von dem düstern Winkel seiner Studirstube aus sich die herrliche Gotteswelt draußen construirt! Mit eignen Augen muß man das Leben schauen, mit eignen Sinnen die unendlich mannichfaltigen Modifikationen, welche es in den bunten Köpfen der einzelnen Menschen, wie im nationalen Leben der ganzen Völker erleidet, kennen lernen und sich einen wahren Begriff von der unendlichen Vielseitigkeit desselben zu machen und demgemäß auch sein eignes Handeln und Denken darin zu einer bestimmten Richtung auszubilden, die man mit beharrlicher Konsequenz verfolgt.

Derselbe Umstand, nämlich das Hinaustreten in, und das Bekanntwerden mit dem realen Leben, das Aufgeben theoretisch gebildeter Nebelgestalten von Idealen, ist es auch wohl, welcherh, wenn auch in ganz andrer Richtung, in meinem hiesigen Leben der letzten Monate das eigentlich bildende und fördernde Element gewesen ist, und da ist es vor allem wieder das praktisch medicinische Studium, dem ich diese Anerkennung zollen muß.

Wie sehr danke ich euch jetzt schon, liebe Eltern, daß Ihr mich erbarmungslos gezwungen habt, dieses Studium, wie verhaßt und meinem ganzen Streben zuwider es auch von Anfang an war, doch konsequent durchzuführen. Ganz abgesehen von den unschätzbaren Vortheilen, die mir meine ärztliche Ausbildung behufs meines künftigen Fortkommens und insbesondere zum Zweck der Realisirung meiner Lieblings-(Reise)Pläne, eintragen wird, habe ich dadurch eine viel wahrere und deßhalb bessere Anschauung vom Leben, wie es ist, bekommen, als ich mir in meinem Kopf austheoretisirt hatte. || So gewiß ich es für nothwendig halte, daß jeder Mensch, der mit wahrem Ernste der möglichst vollkommnen Erfüllung seiner Lebensaufgabe nachstrebt, sich ein gewisses Ideal ausbildet, das ihm bei allen Handlungen als das Ziel vorschwebt, dem er sich möglichst zu nähern hat, und so gewiß ich selbst mir ein rechtschaffnes solches Ideal geschaffen zu haben hoffe, eben so gewiß glaube ich i jetzt auch überzeugt worden zu sein, daß man bei gar zu einseitiger Verfolgung desselben, bei völliger Mißachtung und Entfremdung vom äußern realen Leben, sich von der Aufgabe, die man in letzterem durch das erstere zu erreichen sucht immer mehr entfernt. Deßhalb ist es jetzt mein ernstes, und schon bald von Erfolg gekröntes Streben, auch mit dieser realen Welt mich vertraut zu machen, ohne deßhalb den theuren Idealen, denen mein ganzer Sinn zugewandt bleibt, untreu zu werden; und diese Absicht habe ich zum großen Theil durch mein jetziges hiesiges Leben erreicht. Die längere Entfernung von allen lieben Freunden und Verwandten, und vor Allem von euch, liebste Eltern, die zwangweise Nöthigung, mich in dem Leben draußen mehr umzusehn und aus den engen Schranken, die ich mir selbst gesteckt, hinauszutreten, haben in dieser Beziehung äußerst wohlthätig auf mich gewirkt. Ganz besonders gilt dies von meinen praktisch medicinischen Studien, namentlich den klinischen. Wie wenig Werth auch die Poliklinik für meine wissenschaftliche Ausbildung hat, so habe ich doch durch die kurze Zeit, die ich sie treibe, schon eine ganz andre und wahrere, freilich auch viel traurigere Anschauung gar vieler Lebensverhältnisse gewonnen. Andererseits hat sie mich lebendiger, als es sonstwie möglich ist, in die Thätigkeit eines praktischen Arztes hineingeführt, und mir die Möglichkeit dargethan, selbst einmal als solcher zu wirken, was bezüglich meiner Zukunft mir schon ein großer Trost ist. Wie viele Vorurtheile habe ich dadurch überwunden, wie viele praktische Elemente mir aneignen lernen! So trete ich denn mit einem ganz neuen Sinne, mit neuen Anschauungen und Hoffnungen, neuem Muth und Kraft in das neue Jahr und hoffe darin mit Gottes Hülfe und zu eurer Freude ein gut Stück weiter zu kommen und in j allgemein menschlicher, wie in speciell wissenschaftlicher Beziehung mich immer mehr dem vorgesteckten Ziele zu nähern! ||

Würzburg Samstag 29/12 55

Ich habe den vorstehenden Brief, der euch, liebste Eltern, zugleich den herzlichsten Glückwunsch zum neuen Jahre, wie den innigsten Dank für die schönen Weihnachtsgeschenke bringen soll, bis heute liegen lassen, um ihm noch ein gut Stück Reisebeschreibung zuzufügen, mit der ich nächstens fertig zu werden hoffe. Ich mache sie so ausführlich, als möglich, um euch ein einigermaßen treues Bild von den unendlichen Reizen und Genüssen derselben zu geben und so zugleich den herzlichsten Dank für eure Liebe zu bezeigen, die mir ein Stück Leben von so unendlichem Werthe möglich gemacht hat. –

In den vorstehenden Zeilen wollte ich euch die edle, reine Weihnachtsfreude schildern, die diesmal, trotz der Entfernung von euch Lieben, mein Herz erfüllt, und durch das Bewußtsein, eine höhere Bildungsstufe erreicht zu haben, mir ein frohes Fest ganz eigner Art gewährt hat. Wie ich aber jetzt sehe, ist der Ausdruck derselben nur sehr unvollkommen und annähernd richtig und ihr werdet das Wesen derselben besser nach empfinden, als aus dem hier Geschriebenen beurtheilen. Da ihr euren alten Jungen durch und durch kennt, so wird euch dies nicht schwer fallen und ihr werdet hoffentlich die Freude, die mir dieser Fortschritt für das neue Jahr gewährleistet, theilen.

Euch selbst, liebste Eltern, wünsche ich von Herzen, daß das neue Jahr 1856 euch recht viel Freude und Segen bringe. Dir, meine alte Herzens-Mutter, wünsche ich vor Allem recht baldige völlige Wiederherstellung Deiner alten Gesundheit. Ich denke, das neue Jahr soll uns Allen ein recht freudevolles und segensreiches werden. Besonders Viel hoffe ich von dem herrlichen, trauten Familienleben, das sich gewiß zur völligsten Befriedigung der ganzen, großen und kleinen, Häckelschen Familie auf das Allerfreundlichste gestalten wird. Kaum kann ich den Sommer erwarten und meine Ungeduld wird nur durch den trostreichen Gedanken bezähmt, daß die paar Monate bis Ostern im Umsehen vorbei sein werden. Auch die jetzigen Weihnachtsferien sind mir, wie alle Tage dieses Jahres, so rasch vergangen, daß ich kaum begreife, wo sie hinl sind. Meine Ausdauer, dieselben hier ausgehalten und auf das fröhliche Weihnachtsfest zu Hause verzichtet zu haben, ist mehrfach belohnt worden. Auf der Klinik, die ununterbrochen fortdauert gab es grade jetzt sehr interessante Fälle und außerdem war fast jeden Tag eine höchst interessante Sektion, eine immer merkwürdiger als die andere. Die Abende wurden mit Ausarbeitung des Reisetagebuchs erfüllt. Den Rest der freien Zeit brachte ich theils bei Virchow zu, für den ich Einiges zeichnete, theils bei Kölliker, bei dem ich eine Reihe prächtiger || mikroskopischer Präparate (namentlich Foraminiferenschliffe von Carpenter), m ansah, theils bei Schenk, bei dem ich den Rest meiner Tyroler Pflanzen bestimmte. Im Übrigen kann ich euch sehr wenig von meinem Leben melden, da ein Tag so gleichförmig wie der andere verfließt. Vor 8 Tagen machten wir, d.h. Beckmann, Strube und ich mit dem Hamburger, Buchheister, n am Tage seiner Promotion bei sehr mildem, schönem Wetter, eine sehr lustige Schlittenfahrt nach Randesacker. Am ersten Feiertag war großes Harmonieconcert, wo u.a. Beethovens Musik zu Goethes Egmont aufgeführt wurde. Am Abend wurden wir mit Plumppudding bewirthet von einem jungen Schotten, Mr. Young aus Edinburgh, über den wir uns ganz köstlich amusirt und halb todt gelacht haben. Die Tanzstunde ist jetzt glücklicherweise vorbei, nachdem ich in den gewöhnlichen Tänzen und selbst in der „Varsovienne“ eine bewundernswerthe graziöse (??) Fertigkeito mir angeeignet, welche ich nächstens auf den Harmoniebällen produciren werde. In der Poliklinik behandle ich jetzt einen sehr merkwürdigen Fall von Muskelatrophie; sonst meist nur scrophulöse Kinder. –

Daß Dein Furunkel im Nacken Dich noch so geplagt hat, thut mir sehr leid, lieber Vater. Jetzt ist es hoffentlich besser und jedenfalls wirst Du Dich etwas trösten, wenn Du erfährst, daß ich jetzt einen poliklinischen Patienten hatte, dem die ganzen „allerwerthesten“ Hintertheile (mit Recht zu sagen) so voll von dergl. Blutschwüren saßen, daß der arme Kerl gar nicht sitzen konnte. Dap geht Dirs doch noch besser! Mit Deiner Gesundheit, mein liebes Mutterchen, geht es hoffentlich auch viel besser. Es ist mein innigster Wunsch, daß ihr alle das neue Jahr recht gesund und glücklich verlebt. –

An Carl, Tante Bertha und Adolph Schubert wollte ich heute eigentlich noch mitschreiben. Es ist jetzt aber schon so spät geworden, daß ich den Brief in ½ Stunde abschicken muß, wenn er euch zu Neujahr noch begrüßen soll. Sagt ihnen allen dreien daher vorläufig meinen herzlichsten Dank für die lieben Geschenke, welche mich sehr erfreut haben. Ich werde ihnen nächstens darüber einzeln antworten. Mein Weihnachtspaket habt ihr hoffentlich glücklich am Heiligabend bekommen und euch darüber gefreut. Nochmals den herzlichsten Dank für alle eure Liebe und die Bitte, sie mir auch im neuen Jahr zu erhalten. Für letztes den innigsten Glückwunsch. Grüßt meine Freunde und die Stettiner. In alter treuer Liebe euer Ernst H.

a irrtüml.: essen; b eingef.: man; c eingef.: bringen; d korr. aus: muthlos; e gestr.: zu; f gestr.: Worte; g eingef.: durch; h korr. aus: welches; i gestr.: ich; j gestr.: s; k gestr.: uns; l eingef.: hin; m gestr.: theils; n gestr.: der; o eingef.: Fertigkeit; p korr. aus: Das

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
29-12-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 37509
ID
37509