Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 5./6. Januar 1883

Potsdam 5/1 83.

Mein lieber Ernst!

Hoffentlich hast Du, mein Herzens Sohn, das neue Jahr mit Deinen Lieben gesund und froh angefangen. So möge es Euch auch viel heitere, glückliche Tage bringen. Wie dankbar bin ich, daß diesmal der Jahreswelchsel [!] viel sorgloser war als voriges Jahr, wo mein ältester so krank an der Ischia lag, und der zweite entfernt in Ceylon war; nun sind doch beide, Gott sei Dank! wieder wohl; möge es euch beiden Lieben auch ferner gut gehn; a Euerb Wohlergehn ist mein ganzes Glück. – ||

So oft ich auch in dem begonnenen Jahr Euer gedacht, so komme ich doch erst jetzt zum Schreiben, was mir ja immer schwerer wird, und eh deshalb die Nachsicht meiner Lieben suchen muß.

Vor allem sage ich Dir, Deiner lieben Frau und den Kindern Dank für alle Liebe; und Liebesgaben; die Gans zierte am zweiten Weihnachts Mittag meinen Famielien Tisch: Karl mit den Kindern, Hahns und Tante Bertha waren hier; an der mächtigen Stolle zähren wir noch; die übrigen feineren Sachen (als Bisquit, Eingemacht) habe ich vorläufig noch nicht || vertheilt, und werde noch Deine Order darüber erwartten c für wen d die Herrlichkeiten bestimmt sind; heute wurde ich ja noch durch die 4te Kiste aus Jena überrascht: Du machst es aber zu arg. Nun habe Dank für alle Liebe. – –

Zu Weihnachten erhielt ich von Herrn Nissen aus Braunschweig eine Kiste mit seinen Leber und Roth-Würsten: das ist doch die Begeisterung für den berühmten Professor zu Weit getrieben daß die alte Klapperiche Mutter desselben mit Wurst bedacht wird. Das macht gewiß Deine Widmung! ||

Wie der gute Mann schon vor Jahren miche in Potsdam besuchte, weil ich die Mutter des berühmten Professor sei. Nun mußte ich wohl danken für dies wohlgemeinte Sendung dankenf, aber das wird mir zu schwer. Schreibst Du etwa in nächster Zeit nach Braunschweig, so läßt Du wohl einfliessen: ich sei zu alt und schwach, Briefe zu schreiben. –

Zunächst bitte ich Dich dringend mir zu schreiben welche Auslage Du für mich gehabt? aber bitte wenn Du nicht Zeit zum Schreiben hast, erzeigt Agnes mir wohl die Liebe, damit ich weiß was ich in unserer Berechnung eintragen kann, ich möchte es gerne bald || wissen, weil ich gerne Jahresabschluß machen will in meinem Hauptbuch und dann auch in dem kleinen Büchelchen, worin ich die für Dich gemachte Einnahmen und Ausgaben notiere: ich mag so gerne, daß diese Berechnung immer klar ist, daß Du und Karl Euch darin zurecht finden könnt. Zu Ostern ist mir nun auch in Berlin dies einzige Capital, das ich noch in Berlin auf Hypotek habe gekündigt und da will ich gerne eine Hypotek haben zu dem was ich für den unglücklichen Enkel Karl bestimmt || habe.

Sonnabend früh.

Guten Morgen, meine lieben Jenenser. Gestern Abend wurde mein Schreiben unterbrochen: erst besuchte mich Herrmann, der die Feiertage bei seiner Braut verlebt hat, und dann kam noch Marie oben. Eine große Freude war es mir, daß Bertha bei mir war, die ist erst vorgesterng wieder zurück gereist. –

Als ich gestern Deine Kiste bekam suchte ich vergebens noch einige Worte von Dir. Nun bitte ich dringend, daß Du mir || bald sagst, für wen Du all die Herrlichkeiten bestimmt hast; damit ich es auch nach Deinem Wunsch vertheilen kann.

Agnes grüsse noch besonders, ich bitte sie, daß sie mir etwas vorschlägt, womit ich Lisbet zum 10ten erfreuen kann; am liebsten wäre mir, wenn Agnes mir etwas besorgen könnte, aber bitte schreibe mir ob Agnes mir für Lisbet was besorgt ||

Siegfried kribbelt hier herein, da kann ich nicht mehr schreiben. Sei mit Frau und Kinder innig gegrüßt von

Deiner

alten Mutter

Lotte Häckel.

a gestr.: in; b korr. aus: Euerer; c gestr.: für; d gestr.: ich; e eingef.: mich; f eingef.: danken; g korr. aus: vorigen Don

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
05-01-1883
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36935
ID
36935