Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Agnes Haeckel, Potsdam, 30. November 1880

Potsdam 30/11 80.

Liebe Agnes!

Gestern Abend aus Berlin heimgekehrt schreibe ich den ersten Brief an Dich, der Dir danken soll für Deinen lieben Brief, den ich in Berlin erhielt, und der mich so innig erfreut, da Du mir solch guten Bericht über die Kinder geben konntest. Gott gebe, daß sie sich ferner zu Euerer Freude entwickeln mögen. – Leider sehe ich die Kinder nur so selten, und Ihr Wohlergehn liegt mir sehr am Herzen. Es ist mir noch sehr betrübt, daß Euer Hiersein so abgekürzt wurde, und daß auch Walter, || den ich so lange nicht gesehn hatte, so gar nicht recht und so schlaf war, betrübte mich sehr. Mit thut der Junge gar zu leid, da ich ihn immer so bedauerte, daß sein erster Unterricht mir so verfehlt schien. Um so mehr erfreut es mich, da Du mir schriebst: er sei jetzt mit Lust zur Schule, und habe sich zu seinem Vortheil entwickelt. – Bleibe ich noch am Leben, so müßt Ihr mir die Kinder länger her geben; damit ich mich mit Ihnen einleben kann; nun wie Gott will. ||

Mir ist es in Berlin sehr gut gegangen, meine größte Freude war mit Bertha so traulig leben zu können, wir haben viel mit einander geplaudert, und jeden Abend hat sie mir von dem vorgelesen, was Vater für seine Kinder schriftlich zurück gelassen, darunter ist so viel köstliches, dabei habe ich viel an Kinder und Enkel gedacht, wenn Ihr mal in Berlin seid, müßt Ihr es Euch von Bertha zum Lesen erbitten. –

Dann haben wir Briefe etc gelesen und theilweise verbrannt. – – ||

Manchmal kam auch von den Verwandten und Bekannten Einer oder der Andere, und es wurde ein Partichen gespielt. – Einen Tag hatte Bertha Einladungen zu Mittag ergehn lassen, da waren auch Deine Schwester mit Mann da. Marichen hat sah sehr wohl aus, und meinte auch, den Kindern ging es gut. Ernst fand ich sehr verändert, gealtert und mager geworden. –

Hoffentlich hast Du jetzt gute Nachricht von Deinen Geschwistern in Gera, um die Du in Sorge warst. – Nun, gute Nacht, liebe Agnes, Kopf und Hände wollen nicht mehr. Mit innigem Gruß Deine alte Mutter.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-11-1880
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36892
ID
36892