Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 13. August 1875

Potsdam 13/8 75.

Lieber Ernst!

Diese Zeilen sollen Dir sagen, daß ich gestern Abend wohl hier angekommen bin; und hoffe nur, daß Dir Deine Wanderung auf der Rudelsburg gut bekommen ist, und Du den Zug nicht verfehlt hast, und gesund heimgekehrt bist. Dir und Deiner lieben Frau noch tausend Dank für alle mir bewiesene Liebe; Deine zu große Fürsorge wäre aber bald für mich schlecht abgelaufen; beim Aus-||steigen in Halle sprang mit lautem Knall die Flasche Soda in tausend Stücke, so kam die mir zugedachte Erkückung [!] dem Peron zu, und ich war nur froh, daß es nicht im Wagon geschehn war. –

Die Reise war sehr heiß, Reisegesellschaft gut, von Halle bis Magdeburg traf ich mit einem Herrn aus Creveld, der sehr gefällig war, mich in Magdeburg durch den langen Tunell führte, in || den Warttesal brachte, und mir das Fahrbilliet besorgte und auch zum Wagen begleittete. Von Magdeburg bis hier war ich allein im Coupe, was mir bei meiner Müdigkeit lieb war, weil ich mich da legen konnte. – Zwischen Halle und Magdeburg hatten wir Gewitterregen, wobei ich recht an Dich dachte, ob Du auch naß würdest werden auf Deiner Wanderung. –

Hier kam der Zug schon vor 7 Uhr an, || so daß die Enkel, die zum Empfang hinaus gewandert waren, mich verfehlten; ich bekam aber gleich eine Droschke und fand Bertha in der Wohnung; ich war aber zu müde noch nach dem Kitz zu gehn, so kam Clara, Anna und Heinnrich zu mir. Hier fand ich schöne Blumen, und Anna brachte mir Aprikosen aus dem Gartten, Bertha hatte die Thüre bekränzt, so || war der Empfang ganz feierlich, ich aber todt müde und auch heute noch sehr wirr im Kopf, da ich in der Nacht vor dem starken Gewitter, was wir hatten, nur wenig schlafen konnte. Karl ist vorgestern nach Kiel zum Professor Vollkart gereist, mit dem er denkt eine kleine Tour durch Schleswig zu machen. Wie Clara mir sagt, wäre Karl wohl gewesen, nur sehr angegriffen von vieler Arbeit, auch || durch den plötzlichen Tod eines Colegen. – Clara und die Kinder sind wohl, Marie und die drei Kleinen finde ich sehr gewachsen.

Mein Koffer ist heute angekommen, so habe ich gleich heute alles ordnen können, und werde mich nun wieder in meiner Einsamkeit zu finden suchen; freilich fehlt Ihr mir sehr. Hoffentlich thuen die Bäder der kleinen Emma gut; gieb den Kindern von mir einen herzlichen || Gruß und Kuß, und sage ihnen sie sollen die Großmutter nicht ganz vergessen. Deiner lieben Schwiegermutter empfiehl mich noch beßtens. a Hoffentlich geht es ihr bald wieder gut.

Dir und Deiner Agneß noch den beßten Dank und Gruß von

Deiner

alten Mutter

Lotte Häckel.

a gestr.: und

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-08-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36649
ID
36649