Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 28. September [1872]

Potsdam 28/9

Lieber Ernst!

Kaum hatte ich heute Nachmittag das kleine Packet für Walterchen zur Post geschickt, da kam Dein lieber Brief, für den ich herzlich danke. Ich habe gleich jetzt an Herrn Richter nach Mülheim an der Mosel geschrieben, und hoffe, Du bekommst den Wein zur rechten Zeit. –

Die Gardinen, die ich Agnes angebothen sind nur zu 3 Fenster, es ist also besser Agnes kauft sich dort neue, oder schreibt mir ob || ich sie hier besorgen soll, jeden Fals bitte ich mir die Rechnung aus, da ich sie Agnes zu Ihrem Geburtstag am 26/10 schenken will; ich hatte ihr etwas bestimmt, was noch nicht besorgt ist, und bis später bleiben kann. –

Also Montag werdet Ihr die neue Wohnung beziehen; Gott gebe Euch viel Freude und glückliche Stunden darin, vor allem erhalte er Euch die lieben Kinder. – Auf Dein Herkommen, mein lieber Herzens Ernst freue ich mich sehr, komme nur a || so bald Du kannst, sonst wird die Zeit zu kurz, da Du doch gewiß, was ich auch natürlich finde, am 26sten October wieder in Jena sein willst. Du schreibst ich solle noch mit Dir zurück reisen, ich glaube aber, das ist nicht rathsam, freilich thut mir es leid, daß Agnes mit den Kindern nicht her kommen wird. – ||

Daß Dir, mein lieber Ernst, die Trennung von der Wohnung schwer wirdb, wo Du so heitere Tage, und die schwersten Prüffungen durchlebt hast, finde ich natürlich; und doch, mein Ernst, wäre es ja unrecht, wenn Du so fest daran gehalten hättest, und Du doch durch den Wechsel viel Annehmlichkeiten erreichen wirst: die äussern Räume, so liebe Erinnerungen sie auch bergen, thun es ja nicht, was geistig mit uns gelebt, das bleibt uns und lebt mit uns fort. || Wie sehr abhängig wir hier auf Erden aber auch von der Aussenwelt sind, das empfinde ich recht hier in Potsdam: überall erwachen die Erinnerungen, wo ich früher mit Häckel gewesen bin; und jetzt in der letzten Zeit habe ich wieder die vorjährigen durchlebt; und wenn ich nicht leugnen kann, daß es mir oft recht schwer wird, mich mit den einsamen Stillleben mich zu genügen; so schmerzlich ich auch den geliebten || Mann vermisse, so bin ich doch Gott dankbar, daß es mir vergönnt war, Häckel bis zum Heimgang zu pflegen, und daß ich nicht früher als er gestorben bin, das wäre für ihn sehr schwer gewesen; ist es doch mir als wäre es schon viele Jahre, daß c wir getrennt sind. Nun Gott wird ja helfen tragen; bin ich ihm doch dankbar für das viele Gute, was mir noch geblieben; vor allem für meine lieben Kinder.

Nun, mein lieber Herzens Ernst, mache Dir es nicht zu schwer || bei dem Scheiden aus der Dir so lieb gewesenen Wohnung, und beziehe mit frischen Muth die neue, ich wünsche von Herzen, daß es Euch, Lieben, bald heimisch darin sein möge. –

Wo wir auch sind, wir behalten uns lieb und schreiben uns und bleiben uns innerlich nah; und ich freue mich schon darauf, mit Dir so manches traulich zu besprechen.

Grüsse Agnes herzlich, und gieb den beiden lieben Kindern einen Kuß von Deiner Mutter

Lotte.

a gestr.: nicht; b eingef.: schwer wird; c gestr.: es

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
28-09-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36487
ID
36487