Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst und Agnes Haeckel, Berlin, 16. Mai 1871

Mein lieber Ernst!

Soviel muß ich immer daran denken, wodurch wohl Deine Agnes gesund werden könne, und da muß ich Dir schreiben was ich von Frau Oberheim gehört: sie hat an Bertha gesagt: eine Nichte von ihr habe nach dem Wochenbett auch so sehr an Blasenschmerzena gelitten, was durch nichts habe Weichen wollen, nach Baden in Ems sei das Uebel aber gleich und ganz gewichen. Nun wollt ich Dich bitten, daß || Du mal mit Euerem Arzt sprechen möchtest, und wenn der glaubt, daß es für Agnes gut ist, dann möchte sie lieber je eher je lieber hingehen, wenn Du nicht mit kannst, so kann man ja versuchen, ob nicht jemand zu finden ist, an dem sich Agnes anschliessen kann.

Wenn Ihr sie mir anvertrauen wollt so werde ich gerne so lange die Kinder mit der Wärtterin || zu mir nehmen. Doch die Hauptsache ist ja, ob der Arzt glaubt daß eine Badekur in Ems Agnes wird helfen können. –

Dann ist es aber wünschenswerth, daß Agnes je ehr je lieber hingeht. Denn im Juni soll es in Ems nicht so voll und nicht so theuer sein als im July. – –

Berlin den 16ten Mai 71.

Diese Zeilen, mein lieber Ernst, hatte ich schon vor 8 Tagen an Dich angefangen, aber nicht abgeschickt, weil ich immer hoffte, von Dir Nachricht zu erhalten, da die aber ausblieb wollte ich heute schreiben, || weil ich mich zu sehr ängstigte, daß wohl bei Euch es nicht gut ginge, und leider sehe ich aus dem heute von Dir erhaltenen Brief, daß meine Sorge gegründet war. Wie sehr leid thut es mir, wann lieber Herzens Ernst, daß Du so viel häuslichen Kummer hast. Aber nur standhaft, mein Herzens Ernst, solche schwere Prüffungstage gehen mit Gottes Hülfe wieder vorüber; wir dürffen uns davon nicht niederdrücken lassen; Du mußt den Kopf oben behalten, || und Dich erquicken an dem heiteren Sinn Deines Jungen; darin hat Dir Gott einen reichen Schatz an’s Herz gelegt. Etwas zürnen möchte ich mit Dir, daß Du so lange nicht geschrieben hast, weil Du zu traurig warst, Du weißt doch, daß Deine alte Mutter alles mit Dir theilen muß, und es wird ja auch leichter, wenn man sich ausspricht. Ich verkenne es nicht, daß jetzt vieles zusammen kommt, was Dir schmerzlich ist, wohl das betrübenste ist Dir nach Deinem Briefe, daß Deine arme Frau so viel Schmerzen leidet; nun das thut mir auch leid, aber, meine || liebe Agnes, wenn es Dir auch schwer wird: muthloos darfst Du nicht sein; nimm Deine ganze Kraft zusammen und suche Dich daran aufzurichten, was Gott Dir Gutes gegeben hat, mit seiner Hülfe wird diese Prüfungszeit ja auch vorübergehn. –

Was nun die übrigen Kalamitäten, die Dich, lieber Ernst, quällen, betrifft, würde ich Dich unbedingt bitten die Amme abzuschaffen, und eine andere zu nehmen, denn wenn einmal Gesundheit und Leben der Kleinen davon abhängt, daß sie eine Amme haben || muß, so muß auch nicht mit der Flasche nachgeholfen werden, das ist dann nur was halbes. Die Aussicht: Dich bald hier zu sehn, erfreut mich sehr, wir wollen dann recht traulich alles besprechen. Ich habe auch viel Schweres in meiner Häuslichkeit durch zu machen gehabt, viel Aerger und, Kummer, vorgestern kam endlich der Vater von Minna, und nahm sieb zu meiner Freude gleich den Abend mit sich; gestern Abend ist dann das neue Mädchen angezogen, ein junges, schwaches Ding, doch ich habe Vertrauen, es wird gehn; || freilich wird noch viel Geduld nöthig sein. –

In Potsdam ist alles gesund. – Von Tante Bertha erhielt ich heute einen Brief aus Bonn, wo sie glücklich angekommen ist, und noch einen Tag mit den Sobernheimern zusammen gewesen ist. – Daß Dir einige von den mitgebrachten Thieren gestorben sind, darf Dich nicht so sehr betrüben, das mußtest Du ja erwartten, daß die Biester sich nicht im veränderten Clima halten würden. Einen reichen Schatz ist Dir doch in Deiner Wissenschaft gegeben. – ||

Daß Deine Schwiegermutter auch wieder krank ist und Clärchen erkältet thut mir leid, ich wünsche Beiden gute Besserung mit herzlichen Gruß. –

Vater grüßt Dich und Agnes herzlich.

Nun, mein lieber Ernst nochmals die Bitte sprich mit Herrn Professor Schulz ob Agnes nicht durch Ems kann geholfen werden. Wenn sie nicht bald hingehn kann, so kann sie ja vorläufig Bäder von Ems künstlich nehmen, ich besinne mich, daß ich früher mal Ems baden sollte, und dazu immer ein Pulver in einer Büchse || hatte, was in’s Bad gethan wurde. –

Nun, meine lieben Kinder, Euch beiden wünsche ich gute Besserung: Dir liebe Agnes von den Schmerzen, und Dir, mein lieber Ernst, frischen guten Muth.

Gott sei mit Euch. Mit alter, treuer Liebe

Euere

Mutter Lotte.

a korr. aus: Blasenleiden; b eingef.: sie

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-05-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36412
ID
36412