Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Ernst Haeckel, Berlin, 21. April 1871

Berlin 21/4 71.

Mein lieber Ernst!

Heute früh erhielt ich Deinen lieben Brief vom 18ten aus Triest. Herzlich freue ich mich, daß Du wohl bist, und große Befriedigung über Deine Reise hast. Gott behüte Dich ferner, und mögst Du nun bald auch gesund heim kehren. –

Vorgestern erhielt ich von Agnes Deine thelegraphische Depesche und wenn ich mich auch innig freute, daß sie uns gutes verkündigt, so mußt ich mir doch sagen, daß Deine nun glücklich überstandene Reise doch nicht ganz gefahrlos gewesen sei, || weil Du thelegraphirtest. Nun Gott sei Dank, daß bis dahin alles gut ist gegangen, und so hoffe ich wir sehen Dich dann auch bald a frisch und fröhlich bei uns, zunächst werde ich mich freuen, wenn Du erst wieder zu Hause bist, und Frau und Kinder gesund findest. Hier wird noch immer angenommen, daß der feierliche Einzug der Armee Anfangs Mai sein soll; ich kann mir aber kaum denken, daß es sein wird solange noch die Schweinewirthschaft in Frankreich dauert. Du warst || doch willens dazu nach Berlin zu kommen, worauf ich mich schon so lange freue. Jetzt wird schon viel von der Schwierigkeit gesprochen, einen Platz zum Sehn zu bekommen, ich denke das wird Dir leicht werden, Du kannst dazu wohl auf der Universität einen bekommen. –

Auf Deinen Wunsch schreibe ich Dir diese Zeilen nach München obgleich ich Dir nichts besonderes zu sagen habe; unser Leben geht seinen einförmigen Gang, den Du kennst, und im Ganzen geht es Vater gut, ein paar Tage hatte ich Sorge um || ihn, doch nun sind wir im alten Gleis. In Potsdam ist auch alles gesund; in den Ferien sind abwechselnd einige Kinder hier gewesen. Vorigen Sonnabend war Clara hier mit Karlchen, der Sonntag von hier nach Freienwalde ging, Mariechen, Herrmann, Heinerich und Ernst, dazu hatte ich zu Mittag Tante Bertha gebeten. – Theodor Bleek ist mit Frau und 4 Kindern bei Onkel Julius. Nächste Woche denke ich sie mal einzuladen bis jetzt ging es nicht, ich habe überhaupt jetzt manch kleines Hauskreuz zu überwinden, doch damit will ich Dich nicht || auf Deiner Reise lästig werden; ohne Kampf und Mühe geht es einmal hier auf der Erde nicht ab; und so wollen wir dann frisch weiter kämpfen, und an unser Theil uns bemühen das Rechte zu thun. –

Jetzt freue ich mich bei unseren Spazierfahrten, wie schön grün es wird; Du lebst wohl schon im vollen Frühlingb; und wirst nun einen zweiten in Jena erleben.

Vater hat rechtes Verlangen nach Dir, und sucht auf der Kartte die Ortte auf, wo Du bist. – Tante Bertha hat nun für die Sommer-||monathe eine kleine Wohnung in dem Hause bezogen, wo Julius wohnt, zu Michaeli hat sie eine Wohnung in der Dessauerstraße gemiethet. – –

Vater grüßt Dich herzlich, ich soll Dir sagen, er freue sich, daß Du schon so weit wärst, und hoffe Dich bald zu sehn. Diese Zeilen werden Dich hoffentlich wohl in München treffen, wohin jetzt so oft meine Gedanken gehn, ich verfolge mit großem Intresse die kirchlichen Bewegungen, und möchte gerne viel || über Döllingers Persönlichkeit wissen. –

Nun leb wohl, mein Herzens Sohn, und behalte lieb

Deine

alte Mutter

Lotte.

a gestr.: ge; b korr. aus: Frühjahr

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
21-04-1871
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36405
ID
36405