Haeckel, Charlotte

Charlotte Haeckel an Carl Gottlob und Ernst Haeckel, [Landsberg an der Warthe, 8. September 1866]

Sonnabend

Lieber Mann und lieber Ernst!

Meinem Versprechen gemäß gebe ich Euch hierdurch Nachricht; bis Apolda hatte ich schönen klaren Sternhimmel, dann fing es aber zu regnen an. Hier mußte ich nun lange wartten , a da b der Zug statt um 2 Uhr erst nach 4 Uhr kam. Da mir nun gesagt war, die Züge gingen jetzt des Militärtransports wegen sehr unregelmässig , so fuhr ich doch noch nach dem Frankfurter Bahnhof, aber vergebens, der Zug war schon lange weg; dort erfuhr ich dann auch, daß ich erst 10¾ Uhr Abends herfahren könne. Ich fuhr nun zu Gertrude, die sehr betrübt und herzlich war, bei ihr fand ich auch Marie, die seit Berthas Abreise bei ihr wohnt. || Bis zum Abend blieb ich bei ihr, viel Freunde und Bekannte kamen hin auf die Trauernachricht. Ich ließ hin telegraphieren, daß ich erst mit dem Nachtzuge kommen könne; und sie das Haus auf lassen möchten.

Heinnrich war mit einem Mädchen zum Bahnhoff gegangen, hatte mich aber verfehlt, und ich mußte in ziemlicher Dunkelheit den schmutzigen Schweineweg machen und konnte da die den Schlüssel mit hatten nicht gleich hinein kommen , bis Karl mir auf vieles Klingeln und rufen aufschloß. Mu tter Minchen fand ich auch hier. Alles ist gesund; Karl sieht || angegriffen aus, ist aber gefaßt und besonnen. Nach dem, was ich mir von den letzten Tagen unser lieben Mimmi habe sagen lassen, hat sich [ ! ] wohl nicht gedacht, daß sie sobald von Mann und Kinder scheiden würde. Ach das Haus ist trotz der vielen Kinder so öde und leer, mir ist es immer als müsse die liebe Geschiedene wiederkommen. Karl war der Brief von Dir, lieber Ernst, sehr lieb, und er meinte auch, er müsse Dich vor Deiner Reise doch sehen; ich sagte ihm, daß dies auch Dein Wunsch sei, und er meinte auch mit mir, daß Du doch dann mit Vater kommen möchtest. Bist Du dann mit allem in || Jena fertig, so kann ja Bertha bis Berlin mit Euch fahren; und von dort nach Schwinemünde , sie soll aber vorher an Mutter M inchen schreiben, wann sie kommt, weil sie dort abgeholt werden soll, sie muß mit dem Frühzug nach Stettin c vom Bahnhof gleich mit ihren Sachen zum Dampfschiff fahren was um 12¼ Uhr Mittags abgeht. Hulda bringt ihr mit hier, es scheint mir, doch am beßten wenn Ihr wenigstens 1 Nacht in Berlin schlaft, Bertha kann ja bei Hulda schlaffen; dann können auch die Sachen dort bleiben , die hier nicht nöthig sind. Keinsfall || will Karl, so sehr er sich auch nach dem Vater sehnt, daß er jetzt hier komme, da doch noch immer Colerafälle vorkommen, und Vater doch leicht ängstlich ist. –

Richter war auch gestern gekommen, und wohnte bei Sturms. Heute früh und den 4 ältesten Kinder erst zum Krankenhause, von wo das Begräbniß war, Karl Heinrich und die Kinder gingen mit Richter und mehrern Herrn hinter dem Leichenwagen, dann fuhren die 3 Wagen ich blieb bis zum Kirchhof drin; am Grabe wurde erst ein Coral geblasen und dann gesungen. || Richter sprach sehr herzlich, und recht wahr , das Ganze war sehr feierlich. Heinrich und Richter sind heute Nachmittag abgereist; M utter Minchen will morgen nach Berlin. Karl läßt Euch herzlich grüssen . Er ist angegriffen, aber gesund; auch die Kinder sind wohl. Um mich macht Euch keine Sorge, ich bin gesund, habe mich auch als ich heute früh halb drei ankam mal || hingelegt, und etwas geschlaffen , auf der Fahrt wollte kein Schlaf kommen.

Gebt mir nur bald Nachricht, wie es Euch, meine beiden Lieben, geht; Ernst soll nicht schreiben, denn das stört ihn in der Arbeit; aber Du mein Herzens Mann, mußt mir recht schreiben , was Ihr || macht. – Ernst bitte ich noch dringend d nicht mit der Arbeit sich zu übernehmen, er soll dran denken, wie es mein höchster Wunsch ist, daß er sich gesund und frisch halte.

Ich bin aber so kunfuß , ich kann Euch nicht mehr schreiben; seid beide aufs innigste gegrüßt von

Eurer

Alten.

Grüßt Hulda und Bertha.

a gestr .: so; b korr. aus: daß; c eingef .: mit dem Frühzug nach Stettin; d gestr .: noch

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
08-09-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 36268
ID
36268