Haeckel, Charlotte; Haeckel, Carl Gottlob

Charlotte Haeckel an Anna und Ernst Haeckel, Berlin, 24. Januar 1863 , mit Beischrift von Carl Gottlob Haeckel

Berlin den

24ste n Januar

Liebe Kinder!

Mir ist es als hätten wir lange nichts von einander gehört, und so will ich Euch denn schreiben, und hoffe dann auch bald von Euch zu hören. Von Herzen wünsche ich, daß Ihr gesund seid, und es Euch gut geht, auch daß das neue Mädchen zu Euerer Zufriedenheit sein möge.

Wir sind gesund haben aber die Woche etwas unruhig gelebt: Sonntag den 18ten kamen Adolph Schubert und Klara Lampert hier an. || Adolph blieb nur eine Nacht bei uns, und ist dann in die Wohnung von Tante Bertha gezogen; er ißt aber Mittags und Abends hier; er führt seine Schwägerin viel umher, ihr die Herrlichkeiten Berlins zu zeigen; vorgestern war ich mit und zwara zum ersten mahl in Wallners Theater, was mir wohl Spaß gemacht, doch quälte es mich, Häckel so lange allein zu Hause zu wissen, deshalb bin ich auch heute nicht mit ins| Victoriastheater gegangen, wohin die beiden Schlesier sind. –

Von Karl habe ich beifolgende Briefe bekommen, die ich mir gelegentlich zurück erbitte. – Tante Bertha schreibt, sie habe die Kinder in Freienwalde recht wohl gefunden, und Hermine auch besser, der Schmerz in der Seite habe sich verlohren. Gott gebe daß es ihr gut geht und das kleine Wesen nicht zu lange auf sich wartten lasse. – Tante Gertrude ist gestern auf der Straße gefallen, || und auf das Gesicht; doch fand ich sie heute besser, als ich erwarttet, zwar ist die Nase sehr geschwollen, und unter den Augen alles dick mit Blut unterlaufen, sie läßt Euch herzlich grüssen wie auch Frau Professor Weiß die heute hier war. – ||

Tante Bertha geht es besser, seit zwei Tagen steht sie ein wenig auf. –

Montag erwartte ich Frau Lampert mit Klara und Agnes. Die Mutter wird einige Tage bei uns bleiben und nimmt dann Nannie wieder mit.

Deine Sachen haben habe ich heute aus dem Schrank geräumt aber wohl verschlossen. Im Stiefelkasten stehen ein paar lange, schwere Stiefel brauchst Du die noch, sonst will ich sie weg haben? Behalte lieb

Deine alte Mutter

Lotte

[Beischrift von Carl Gottlob Haeckel]

Ich muß ein Paar Worte beifügen: wir haben hier schändliches Wetter meist Regen und Sturm, dabei nicht kalt. Ich sehne mich nach längeren Tagen, mache übrigens täglich meine Spatziergänge und bin am liebsten zu Hause, wo ich mich der Lektüre und meinen Gedanken überlaße. Ich studire viel in den Schriften über das neue Testament, über deßen Entstehung Sydow 2 Vorträge gehalten hat, die wir besucht haben. Die Entstehung und Verbreitung des Christenthums, welches letztre sich welthistorisch bewährt hat und fortwährend wirkt, bleibt eine außerordentliche Erscheinung, in welcher Gottes unmittelbare Einwirkung auf die Weltgeschichte zweifellos hervortritt, und mit welcher auch die neuesten politischen Entwikelungen in unmittelbarem Zusammenhang stehen. Die Menschheit soll sich für dieses Erdenleben ihren Kräften gemäß entwikeln. Sie hat ihr Entstehen, ihren Fortgang und wahrscheinlich dereinst auch ihr Ende. Darüber werden noch viele Jahrhunderte vergehen. Das Christenthum hat die Menschheit zum Bewußtsein ihrer Selbstständigkeit gebracht, wir sind alle vor Gott gleich, alle vernünftige Wesen, welche ein vernünftiges, gottgefälliges Leben führen sollen. Die Beschäftigungen und äußeren Verhältniße theilen die Menschen in verschiedene Klaßen und Stände, jeder Stand frei in sich, alle zusammen bilden das Staatsleben. Nachdem der Absolutismus einige Hundert Jahre gebraucht hatte, die Feudaljunkerherrschaft unterzukriegen, hat er seine Bestimmung erfüllt. Die jüngsten Kinder des Staates sind mündig geworden und verlangen nun Sitz und Stimme im Staatsregiment. Es wird noch einige Generationen dauern, ehe dieser Sitz unangefochten anerkannt wird. Im gegenwärtigen Augenblik stekt sich das Junkerthum hinter das Königthum, vorgeblich, um dieses rein und unbeschränkt zu erhalten, in Wahrheit aber nur unter seiner Firma fortzuregieren, und benutzt dazu immer die beschränkte militärische Ansicht des Königs. In diesem Moment tritt der Absolutismus nochmals ungeschminkt hervor und glaubt durch äußere Gewalt, das Volk zu ermüden. Dieses wird aber an seinem constitutionellen Recht festhalten, was hoffentlich in diesen Tagen die Adreße zeigen wird, die sich frei und fest hierüber aussprechen muß. Welche Schlangenwindungen wir noch durchzumachen haben werden, wißen wir nicht, aber die constitutionelle Freiheit wird sich durcharbeiten.

Euer Alter Hkl.

a gestr.: sehr; eingef.: zwar

 

Briefdaten

Datierung
24-01-1863
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35400
ID
35400