Haeckel, Karl

Karl Haeckel an Ernst Haeckel, Potsdam, 1. Januar 1875

Potsdam d. 1 Januar

1875.

Lieber Ernst!

Zum neuen Jahre, lieber Herzensbruder sende ich Dir und Deinem Hause einen recht herzlichen Gruß von uns allen.

Du hast Dich diesmal mit einem so ungewöhnlich reichen Geschenke in Erinnerung gebracht, daß a wir davon eigentlich den Weihnachten unsrer Kinder und unsren eigenen vorzugsweise ausgerichtet haben. Am heiligen Abend war Mutter mit Tante Bertha bei uns. Am 3t Feiertag fuhren wir mit allen Kindern die letzte Freikarte auf der Bahn ab; u. waren bei Tante Bertha zu Mittag und Abend. ||

Gestern war Mutter den Abend bis ½ 10 Uhr hier. Wir saßen ruhig zusammen und plauderten doch war die Stimmung vorherrschend ernst. Wir mußten viel mit Clara an die schweren Zeiten denken, die grade vorm Jahre um diese Zeit begannen und uns einen so schweren Januar betrachten. Wir hoffen, daß das neue Jahr ein besseres sein wird.

Eben kommt Mutterchen im Mittags-bSchlitten angefahren und bringt mir deine Zeilen vom 31st vorigen Monats und das Buch von Fitger, für das ich Dir recht schön danke.

Daß Seebeck zum Frühjahr abgeht, thut mir recht Leid um Dich. Die Universität hatte doch an ihm einen wohlwollenden und vor allem seiner Stellung gewachsenen Kurator. Wie es mit meiner Nebenstellung in dem neuen Jahre werden wird, || ob es vorläufig noch bei dem Provisorium verbleibt, oder ob ein definitives, die ganze Arbeitskraft in Anspruch nehmendes Amt daraus wird und ich mich dann entscheiden muß: ob der Juristerei Valet sagen? liegt noch immer im Zweifel.

In der bevorstehenden Landtags-Session wird sich’s wahrscheinlich entscheiden. Mir liegt die Ungewißheit der Zukunft etwas unangenehm in den Gliedern. Im letzten Monat hatte ich nicht so arg zu thun. Der Januar wird aber wieder viel Arbeit bringen.

Frau und Kinder sind sonst munter und es geht uns ja im Ganzen recht gut, was man um so mehr anerkennt, wenn man bald hier bald dort Leid um sich sieht. In Bonn geht es doch gar nicht sonderlich mit Tante Bleek. − Und Schwager || Heinrich hat fast beständige Haussorgen, bald um die Frau, bald um die Kinder. Er sitzt nun auf seiner Charlottenburger Parzelle noch hinter dem zoologischen Garten (Du warst ja wohl schon dort) und wartet auf Miether.

Nun mein lieber Bruder, nochmals herzlichen Dank u. Glückwunsch Deinem ganzen Hause von Deinem treuen

Bruder

C. Haeckel.

NB. Mutter wird noch einen Schein beilegen den Du bald attestirtc zurückschicken mußt.

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Noch herzlichen Gruß und Dank Dir und Agnes für die heute erhaltenen Briefe. Den Rentenschein mußt Du bescheinigen lassen. Gottes Seegen wünscht Euch

Eure alte Mutter Lotte.

a gestr.: Du es vor-; b eingef.: Mittags-; c eingef.: attestirt

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
01-01-1875
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 35065
ID
35065