Sethe, Anna

Anna Sethe an Ernst Haeckel, Berlin, 22.24. Juli 1859, mit Beischrift von Charlotte Haeckel

Berlin den 22. 7. 59.

Es ist schon 11 Uhr; mein lieber, lieber Erni und noch kein Brief da, der vermuthlich morgen von Bonn hierher dirigirt wird, wohin ich ihn mir bestellt hatte. Der lieben Mutter geht es langsam beßer; wenn ihr Rücken es vertragen kann, werden sie Sonntag oder Montag in acht Tagen nebst Friederike nach Töplitz gehen, während ich ein oder zwei Tage vorher nach Bonn reise. Wie oft am Tage, wenn ich bei Deiner Alten sitze, von Dir die Rede ist, und wie viel mehr ich noch an Dich denke hier in Deinen vier Wänden, die ohne Dich so kahl und leer sind, sagt Dir Dein treues Herz. Zerstreuter wie je, begleiten meine Gedanken Dich auf dem reizenden Capri durch Felsen und Schluchten, in lieblichen Orangen- und Myrthenhainen umher und freue mich von ganzem Herzen, Dich in so herrlicher Natur mit einem lieben Menschen zusammen zu wißen. In so harmonischer innerer und äußerer Umgebung wirst Du die Hitze auch leichter ertragen, die Du kaum schlimmer dort haben kannst, wie wir seit 14 Tagen, wo selbst im Schatten der Thermometer auf 30° steigt. Da habe ich auch die größte Lust, wie die Neapolitaner die Nacht zum Tage zu machen, wo leider die Alten nicht darauf eingehen wollen; hinter ihrem Rücken gehe ich nie vor 12 Uhr zu Bett, wo es noch fast ebenso heiß wie in der Mittagsstunde ist, und um 4 ½ Uhr spätestens 5 Uhr hat Dein Bildchen schon den Morgenkuß bekommen und gewöhnlich benutze ich die Morgenfrische zum Lesen; ich werde North and South, einen sehr netten natürlichen englischen Roman, ganz aus dem Leben gegriffen, morgen beenden. Zu anderem Lesen komme ich jetzt nicht außer dem eifrigen Studium der Volks- und Spenerschen Zeitung, die sehr viel gute Artikel haben. Ich wie Jedermann ist wüthend auf Österreichs schlechtes Benehmen, das seine heimtückische, Preußen feindliche Natur nicht verläugnen kann. Ist die Mobilmachung auch diesmal unnütz, so hat sie doch die wichtige Folge gehabt, daß Preußen durch das energische charaktervolle Auftreten des Prinzregenten eine ganze [!] andere Stellung im Auslande bekommen hat; selbst die deutschen Kleinstaaten, die sich beim Beginn des Krieges || so sehr mausig machten und entschieden zu Österreich neigten, billigen Preußens Verhalten und sehen voller Hoffnung auf dasselbe, als den Staat, von dem hoffentlich bald eine Regelung und Einheit der deutschen Verhältniße allein möglich ist. Ganz wird die Landwehr noch nicht entlaßen, doch finden Beurlaubungen in großem Maßstabe statt, wozu hoffentlich unser Karl auch gehört, der so ungern die ganze Ernte auf dem Lande versäumte. Heinrich ist Mittwoch Morgen wieder hier eingetroffen, sehr wohl und frisch aussehend; wie gut, daß Du noch nicht einberufen warst, um ein ähnliches Schicksal wie Dr. Binz zu theilen, der mich herzlich dauert; übrigens weiß ich nicht, ob er schon in Bonn angekommen ist. Louis Napoleon scheint nach den Zeitungen nun sogar seit dem Frieden auch bei den Franzosen in der Achtung gesunken zu sein, die nicht etwa über den Frieden gejubelt haben. Da der Papst die Supprematie über die italienischen Staaten verweigert hat, werden die Zankereien, respective Revolutionen unter dem ewig blauen Himmel wohl erst recht anfangen. Ich bin begierig von Dir zu hören, ob in Italien die Stimmung gegen Preußen keine beßere geworden ist. Die Österreicher, die ich um ihren kindischen Kaiser, der in Villafranca bei der Zusammenkunft mit dem Kaiser der Franzosen, ängstlich gezittert haben soll, nicht beneide, machen es sich bequem und wälzen alle Schuld ihres unglücklichen Feldzuges auf uns. Doch laßen wir die Politik ruhen, und bei uns Beiden bleiben, die feind den diplomatischen Winkelzügen in unseren harmonirenden Seelen eine starke Garantie für Freiheit und Einigkeit für ein ganzes Leben besitzen und hoffentlich nie gegen einander zu Felde ziehen werden. Ich sammele jetzt hier Material für die Zukunft und bewirthschafte Deine Alten zu ihrer großen Zufriedenheit; in der Profeßorswirthschaft wird es einmal, wenn auch nicht so üppig, so doch ordentlich und nett hergehen, ein wesentlicher Punkt im häuslichen Glück. Gott sei Dank mache ich mir die häuslichen Geschäfte, die mich durchaus nicht sehr feßeln, so leicht wie möglich || und werde daher noch manche Zeit übrig behalten, um mich ganz dem lieben Manne widmen zu können. Du siehst, ich taumele viel in glücklichen Zukunftsträumen umher und verschöne mir dadurch die einsame Gegenwart bedeutend. Wie wirst Du, lieber Schatz, nur über der Alten abschlägigen Antwort wegen Algier erschrocken sein; ich hätte Dir es so gern erspart; doch ist es mir nicht möglich gewesen, sie durch die verschiedensten Auseinandersetzungen zu einer andern Ansicht zu bringen: „Es sinkt manch Luftschloß“ – doch auf seinen Trümmern – weiß bald der schaffende Geist – ein neues aufzuzimmern! Küchengeschäfte hindern mich jetzt am Weiterschreiben, Ade lieb Herz auf baldig Wiedersehn. 7 Uhr Abends. Da bin ich wieder, lieber, guter Erni und will Dir vorplaudern, wie es mir in der letzten Woche ergangen ist, wird es etwas confus, so schreibe es der afrikanischen Hitze zu, die selbst gegen Abend noch gar nicht abgenommen hat und Mund und Hand lähmt. Also bis Sonntag nach dem Eßen (das mir beiläufig gesagt, vortrefflich gelungen war) nahmst [?] Du Nachricht; ich feierte demnächst den Sonntag oder vielmehr die schwüle Hitze durch ein Schläfchen in der bekannten schwarzen Sophaecke (? –); zum Kaffee hatten wir Besuch von Bertha Sethe aus Potsdam, von deren Familie ich bald noch mehr Glieder sehen sollte. Nach 5 Uhr machte ich mich nämlich auf, Helene zu besuchen, die wegen sehr starker Erkältung ihre Abreise nach Heringsdorf von einem Tage zum andern verschieben muß, unten auf dem Hofe traf ich Onkel Julius mit drei seiner Mädchen, im Begriff nach dem zoologischen Garten zu fahren, die mich so lange zum Mitkommen quälten, bis ich wirklich glücklich in der Droschke saß und es nachher nicht bereut habe. Es war dort so schön abgekühlt, die Thiere, die ich seit dem vergangenen Jahr mit Dir nicht wieder gesehen hatte, amüsirten mich so, daß ich nur ungern mich trennte. Der Löwe, Dein Freund, mit dem Du so vortrefflich zu spielen wußtest, lag schläfrig am Gatter ausgestreckt; erst wie Onkel Julius ihn mit Nero anrief und mit dem Stock neckte, erhob er sich und ging gravitätisch auf und ab. Besonders reizten mich mehrere ganz junge kleine, höchst zierlich ge-||baute Rehe, die mich so munter und klug ansahen, als wollten sie sich mit mir unterhalten. Eine Verschönerung hat der Park auch durch eine vortreffliche Büste von Liechtenstein erhalten. Um 7 Uhr war ich wieder zu Haus, wo ich Kläre und Bertha Reimer vorfand. Nach dem Abendbrod wurde wieder Grube gelesen. Vor dema Abendbrod waren noch Beirichs Beide ein Stündchen hier, die uns von der Weiß erzählten, die erst in Eger am Grabe ihres Mannes gewesen und jetzt in Elster ist, wo sie mit Parteys zusammengetroffen ist. Montag genoß ich Plättvergnügen, ein entsetzliches Vergnügen bei der Hitze; gegen Abend waren Helene und August hier. Ein ausführlicher Brief von Hermine über sämmtliche Kinder, denen die Hitze vortrefflich bekommt, machte mir sehr viel Spaß. Vor dem Abendbrod, wenn die ärgste Hitze vorüber ist, spiele ich gewöhnlich Klavier; heute versuchte ich mich an der Adieu-Sonate von Beethoven, die so reich an tiefen Gefühlen ist. Dienstag an des lieben Vaters Geburtstag frühstückte ich um 7 Uhr bei Jacobis und fuhr dann mit Helene und den Kindern zum Kirchhof heraus; ich brachte b einen wirklich schönen Rosenkranz auf das Grab, das wir schon reich mit Blumen geschmückt fanden. Auf dem schattigen Plätzchen, von wildem Wein überdacht, saßen wir wohl eine halbe Stunde und riefen uns vergangene Jahre in’s Gedächtnis zurück, wo wir diesen Tag immer so vergnügt, namentlich in Frankfurt a/O gefeiert haben. Dank erfüllte mich gegen Gott, der mir einen so lieben Vater geschenkt hat, deßen schlichten, wahrem Wesen ich mit aller Kraft nachstreben will. Mutter erhielt an dem Tage einen Brief von mir, den ich am Tage zuvor geschrieben hatte. Ganz gebadet kehrte ich um 11 Uhr heim und brachte nach den Besorgungen in der Wirthschaft den übrigen Morgen bei den lieben Alten zu. Nachmittag zog endlich ein lang ersehntes Gewitter herauf, das ich mit Jubel begrüßte; leider waren die Donnerschläge und die schönen Blitzschlangen stärker, als der dringend nothwendige Regen. Um 8 Uhr ging ich noch etwas mit dem Alten unter den Linden auf und ab, wo die etwas abgekühlte Luft viele Menschen || hinaus gelockt hatte. Vor dem Zubettgehen beschäftigte mich der Mond noch lange, ist er doch die beste Gedankenbrücke zu Dir hinüber. Mittwoch Morgen kaufte ich erst auf dem Markt ein, was schon ganz leidlich geht. Madamchen ruft man mir von allen Seiten zu, worauf ich zuletzt etwas ärgerlich sagte: „Nein, noch nicht!“ Gegen Mittag, als ich eben Quincke herausließ, überraschte mich Heinrich, der sehr wohl aussieht und uns viel von seinen Pasewalker Strapazen erzählte; einen Wolkenbruchähnlichen Regen wartete er hier noch ab und ging dann zu Jacobis. Zu Mittag aß wie gewöhnlich Theodor hier, der ganz blaß und elend von der Hitze aussieht. Deine Alte greift sie nicht besonders mehr an, doch muß ich sie doppelt vor Erkältung hüten. Nachmittag war Marie Reimer ein Weilchen hier, die sehr glücklich über zwei Briefe von Ernst aus China war, dem es dort vortrefflich geht. Entzückt über die Natur Japans, bedauert er, daß nicht preußische Schiffe dorthin können; da sei noch etwas zu machen. Gegen 7 Uhr gingen Onkel und ich zu Jacobis, wo wir im Garten der schönen Liebigschen Musik zuhörten. Um 8 Uhr wurde es Helene zu kühl unten und der Alte ging noch spazieren; ich dagegen hörte noch in Heinrich’s und August’s Gesellschaft die köstliche Ouvertüre zum Egmont und eine weitere Haydnsche Simphonie mit an und kehrte dann nach Haus zurück, wo ich den Profeßor Aegidi vorfand, der uns viel Intereßantes über die neuste Politik erzählte, über die er im auswärtigen Ministerium, wo er arbeitet, beßer unterrichtet ist, wie jeder andere Laie. Er brachte ein Manuskript einer von ihm verfaßten Schrift über Österreichs Benehmen in der jüngsten Zeit und Preußens Schritte in Folge deßen, die von den Österreichern leider ganz umgedreht und vielfach zur Verdächtigung Preußens benutzt werden. Sie hat mich sehr intereßirt und wird Montag im Druck erscheinen. Schließlich bat er mich, Einiges aus Deinen Briefen vorzulesen und die Fahrt von Livorno nach Civita vechia, sowie Deine Ostertour mit dem deutschen Handwerkerverein gefiel ihm so, daß er meinte, man müße aus den Briefen im Feuilleton der Zeitung abdrucken laßen, worauf ich natürlich nicht einging. ||

Sonntag Morgen ist wieder herangekommen, ehe ich weiterschreiben konnte; da plaudert es sich in der ruhigen Frühstunde herrlich. Du lieber Schatz hast mir gestern wieder eine große Freude durch das dritte Blatt Deiner Ischiaexcursion gemacht, das mir jedes Mal lockender und prächtiger geschildert wird, so daß ich Deine nicht übertriebene Begeisterung vollkommen theile. Wie freue ich mich, die Aquarelle, die auf diesem schönen Stückchen Erde entstanden sind und die Blumen der üppigen Vegetation dort zu sehen, von denen freilich die meisten sich nicht in’s Herbarium zwängen laßen werden. Am eigenthümlichsten will mir ein Cactuswald erscheinen. Ich kenne sie nur als ganz kleine Topfpflanzen, und kann mir keine rechte Vorstellung von ihrem baumähnlichen Stamme machen. Ich finde es so höchst feßelnd, daß die Natur auf dem schönen Ischia so sehr mannigfaltig und verschieden ist; während die eine Küste im schönsten afrikanischen Blumenflor prangt, besticht die andere nicht minder durch ihre kühlen, schroffen vegetationslosen Felsen und die Aussicht, namentlich vom Monte di Vico und Ipomeo muß entzückend sein. In Mannigfaltigkeit scheint sie das liebliche Capri zu übertreffen, das Du jetzt nach allen Seiten hin ausbeuten wirst. Den übrigen Theil Deines Briefes, der gestern von Binz direkt hierher geschickt ist, enthält mir die Alte sehr geheimnißvoll vor, mit einem gewißen Stolz, daß sie auch einmal etwas allein für sich habe. Du dauerst mich recht, daß Du Montag und Dienstag den 4 und 5 wieder meinen Brief nicht richtig erhalten hast. Ich habe jetzt die ganze Zeit immer Sonntags meinen Brief abgeschickt und erwarte nicht anders, als daß er Montag oder Dienstag in Deinen Händen ist, die früher erst am Montag oder Dienstag hier abgeschickte schon an demselben Tage der nächsten Woche bei Dir waren. Deinen Rath wegen der Politika will ich befolgen und nicht mehr von solchen Dingen in der Adreße schreiben wegen des Oeffnens. Ganz darüber zu schweigen, ist mir einmal in dieser bewegten Zeit nicht möglich, auf deren Endresultate ich sehr neugierig bin. Ich komme zu meinem Leben u. Treiben zurück. ||

Donnerstag fing der Tag wieder trotz den starken Regens [!] am Tage vorher mit drückender Hitze an, die ganz faul und langweilig macht; denke ich dann, der liebe Erni hat es ja noch heißer, so rutscht die Nadel wieder flinker durch und die Zunge entschließt sich eher zum Sprechen. Emma Berning war ein Weilchen am Morgen bei mir, nachdem ich früh der lieben Alten wieder Blutegel gesetzt hatte, die ihr immer recht gut thun und tüchtig gesogen haben. Etwas matter ist sie immer hinterher; im Ganzen haben ihre Kräfte aber nicht dabei gelitten, ihr schwerfälliges, weniges Gehen, was sie übrigens bei ihrer Droschkenpaßion nie sehr geliebt hat, wird wohl durch den schwachen Rücken bedingt, dem Centralpunkt der Bewegung, als welchen ich ihn aus dem Eschricht kennen gelernt habe. Dabei fällt mir ein, daß ich in Deinem letzten Brief ganz vergeßen habe, die Frage über Deine Arbeit zu beantworten, die 35 Seiten Octavformat einnimmt; die Zeichnungen nehmen eine Tafel ein, d. h. eine große, die zusammengeknifft das Format der Schrift gibt. Sehe ich letztere an, fällt mir manch traulich Stündchen ein, das wir dabei verlebt haben, noch den letzten Abend vor der Abreise haben sie uns beisammen in meinem Zimmerchen gesehen. Der übrige Theil des Tages verging wie gewöhnlich, gegen Abend spielte ich wieder und las dann nach Tisch vor. Freitag wartete ich sehnsüchtigst auf einen Brief der nicht erschien, und setzte mich dann selbst hin, mit Dir zu plaudern und machte mir auf diese Weise ein ähnliches, wenn auch nicht gleiches Vergnügen. Ach du lieber, bester Schatz, wie glücklich in dem Gedanken des Wiedersehens, des Horchens auf die vielen, vielen Berichte Deiner schönen Erlebniße aus diesem Jahre, wache ich jeden Morgen auf und wie dankbar lege ich mich jeden Abend schlafen für die hohen Genüße, die Dir in dem schönen Süden zu Theil werden, für Gesundheit und Frische, die noch nicht durch die ganz veränderte Lebensweise und das verschiedene Klima gelitten haben. Deine Radikalkur an dem Tage auf dem Epomeo hat mich sehr amüsirt und mich in Dir wiederfinden laßen, da ich dergleichen Zustände an || meinem Cadavre ebenso behandele, wenn ich auch nicht den Epomeo dabei ersteigen kann. Ich habe aber immer behauptet, und das bewährt sich bei Dir auch wieder, daß der Mensch sich nicht gehen laßen muß bei dem Annähern einer Krankheit, sondern ihr durch ein energisches Dagegenstürmen und Aufrütteln der Nerven entschieden vorbeugen kann, falls dieselbe noch nicht ganz ausgebildet ist, wie ich es an mir selbst oft schon erprobt habe. Der Tag ist dann freilich immer unangenehm und mit Überwindungen verbunden, am andern Morgen ist aber Alles verschlafen und vergeßen, und die gesunde, frische Natur hat wieder ganz die Oberhand gewonnen. Doktor Krause billigte dies gestern Abend auch sehr und meinte, freilich sei des nur ein gesunder Körper im Stande, wovon ich ebenfalls überzeugt bin. Freitag Mittag aßen Theodor und Bruder Heinrich hier, wobei wir in 57. Dich leben ließen. Politik bildet jetzt die Hauptunterhaltung und wird gründlich nach allen Seiten hin ausgebreitet. Die drückende Hitze nach dem Eßen rief Morpheus zu Allen herbei; in allen Zimmern wurde geschlafen; selbst ich schlief auf dem Stuhle ein, zum Entsetzen Deiner Mutter, die mich in Gedanken schon fallen und alles Mögliche brechen sah, was aber nicht geschah, so lebhaft ich auch von Dir unter herrlichen Blumen träumte, die Dir auf Capri gewiß nicht fehlen. Ich glaube hauptsächlich die üppige Vegetation lockt Dich nach Algier, was ich mir sehr wohl erklären kann. Der Kaffee vereinigte wieder alle Schläfer und ermunterte die wiedergefundenen Lebensgeister. Nachmittag erhielt ich die beiden letzten Briefe aus Freienwalde zurück, die mich von Neuem erfreuten, und für einen vergeblich erwarteten Brief entschädigten. Karl schreibt, daß er Donnerstag Morgen her kommt, wie lange er bleibt, weiß ich nicht; von hier will er als Ferienreise 14 Tage nach Steinspring zu Petersens gehen, was ich sehr nett finde; die prächtigen Eichenschonungen und das stille glückliche Forsthaus werden ihm schon gefallen und ebenso seine Einwohner sich über so lieben Besuch freuen, der auf dem Lande doppelt willkommen ist. || Gegen Abend hatte die liebe Alte wieder Todesgedanken, die ich ihr gründlich ausgeredet habe, mit um so beßerem Gewißen, da sie selbst fühlt, daß es ihr beßer geht, was ich täglich zu meiner Freude beobachte. Der Alte kam sehr spät vom Spaziergang und so ermüdet zu Haus, daß ich nicht lange las, sondern Beide früh in’s Bett schickte, während ich durch fleißiges Arbeiten die Faullenzeleien des ganzen Tages nachholte. Schließlich war ich denn auch sehr müde, um 12 Uhr, daß ich gar nicht mehr lange an Dich denken konnte und in höchst unerquicklichen Schlaf fiel, in dem nicht einmal Dein liebes Bild mich erfreuen wollte. Sonnabend habe ich richtigen Sonnabend gemacht; schon um 5 die Speisekammer ausgeräumt und ausgestaubt und dann auf dem Markt eingekauft und für den Mund gesorgt habe. Was für eine Belohnung wartete meiner aber auch! Die lieben Zeilen von Dir fand ich vor und einen Brief von Mutter, die von demselben Thermometerstand aus Wiesbaden schreibt, wie Du ihn in Neapel hast; das Schwitzen bekommt ihr aber bei der Kur sehr gut, die sie glücklicher Weise bald beendet hat. Am 2 August denkt sie Wiesbaden zu verlaßen und in Bonn ein paar Tage mit mir zusammen zu sein, worauf ich mich freue. Sie schreibt entzückt von den Abenden im dortigen Kurgarten, wo bei unterseeischer Gasbeleuchtung Musik ist und vergleicht sie mit italienischen Abenden wegen ihres feenhaften Charakters, wobei sie viel an Dich und mich denkt und Dich herzlich grüßt, wie überhaupt Jedermann, mit dem ich von Dir spreche. Mittag aß Theodor wieder hier, der wahrscheinlich auch in nächst nächster Woche auf einige Wochen nach Bonn gehen wird. Nach dem Kaffee hatte ich 2 nothwendige Briefe nebst Paquet nach Frankfurt a/O zu schreiben und wollte sie eben gegen 6 Uhr nebst Deinem Brief an Kölliker auf die Post tragen, als Tante Bertha angefahren kam; ich blieb noch ein Weilchen, ließ mich aber dann nicht von meinem Vorhaben abbringen und fand bei meiner Rückkehr den Dr. Krause, dem die Abende bei uns ganz zu behagen scheinen. Theodor kam auch noch zum Thee, [ ]c haben wir munter geplaudert und als Tante Bertha um 9 ½ Uhr mit Theodor weg fuhr, mußte ich Krause die beiden letzten Theile der Ischiaexcursion vorlesen, die er mit großer Aufmerksamkeit zuhörte. Er grüßt Dich herzlich. Er wird in nächster Woche uns noch einen Abend besuchen, ehe er in acht Tagen Berlin verläßt, das ihm als Metropole der Wißenschaften, welche Stelle früher Wien einnahm, sehr imponirt hat. Er freut sich schon jetzt darauf, nach Verlauf von etlichen Jahren uns als Eheleute zu besuchen. Deine Arbeit, die wir ihm zum Lesen gegeben hatten, hat er mit Dank behalten. Die Alte will noch etwas beifügen, da muß ich schweigen und nur noch einen innigen Gruß und Kuß für Dich, liebster Schatz beifügen; ersteren auch für Deinen lieben Freund von Deiner treuen Aenni.

[Beischrift von Charlotte Haeckel]

Mein Herzens Sohn! Dein gestern erhaltener Auftrag ist gleich orndlich besorgt, und Anna hat den Brief selbst zum Bahnhof gebracht. Deine liebe Anna pflegt mich treulich, und Du würdest Deine Freude daran haben, wie sie als geschäftige Hausfrau schaltet, wie auch Dein Vater sich darüber freut. Eben ist von H. K. L. Anweisung gekommen zur Zahlung des Geldes, das Du erbeten. Gott segne Dich, Vater grüßt Dich mit

Deiner alten Mutter. ||

[Adresse um 90 Grad nach links gedreht]

Al Signore Dottore Ernesto Haeckel

p. ad. Signore Ernesto Berncastel

Largo S. Francesco di Paola No 7.

Farmacia Prussiana.

Napoli (Italia).

via Marseille

a korr. aus: Montag; b gestr.: dem Grab; c Papierausriss

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-07-1859
Entstehungsort
Entstehungsland
Zielort
Neapel
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 34460
ID
34460