Haeckel, Ernst

Ernst Haeckel an Paul von Rottenburg, Jena, 18. Oktober 1904

Jena 18. October 1904.

Liebster Freund!

Meinen Gruß aus Rom wirst Du erhalten haben. Der „Universale Freidenker-Congress“, wegen dessen ich hinreiste, verlor leider ganz den philosophischen Zweck des Programms, wegen dessen ich auch die Dir zugesandten 30 Thesen aufgesetzt hatte, und artete rasch in einen radicalen politischen Convent aus. Meine Absicht, diese schöne Gelegenheit zur Gründung eines Monisten-Bundes zu benutzen, wurde ganz vereitelt. ||

Ich flüchtete daher bald aus Rom in die wilde Einsamkeit des classischen Volsker-Gebirges, wo ich – ganz allein – in Terracina, Ninfa und Velletri herrliche September Tage genoß (mit 20 Aquarellen!). Ninfa (– das „Pompeji des Mittelalters“ –), von Allmers und Gregorovius trefflich geschildert, ist eine ganz (wegen Malaria) im 12. Jahrhundert verlassene Stadt, – ohne Bewohner! völlig überwuchert von Epheu, Brombeeren, Waldreben und anderen Schlingpflanzen. Auf der Rückreise hatte ich noch einige schöne Herbsttage in Siena, Verona und Botzen (Hohe Mendel). ||

Inzwischen ist mein letztes Buch über die „Lebenswunder“ (Supplement zu den „Welträthseln“, etwas stärker 560 S. –) erschienen und hat solche Teilnahme gefunden, daß die erste Auflage (3000) in 14 Tagen abgesetzt wurde. Ich konnte nicht einmal alle für mich bestellten Exemplare vom Verleger erhalten. Ich kann Dir daher leider erst im November die II. Auflage senden, die jetzt gedruckt wird. Falls Du noch irgend eine litterarischen oder sonstigen Wunsch hast, den ich der Sendung beilegen könnte, bitte ich Dich, ihn mir baldigst mitzuteilen! ||

Hier in Jena zurückgekehrt fand ich den herrlichen orientalischen Teppich vor, den Deine liebenswürdige Güte mir von der egyptischen Reise mitgebracht hat. Meine Frau, deren Befinden im letzten Sommer viel besser war, sagt Dir dafür mit mir unseren herzlichsten Dank!

Unseren Kindern geht es gut. Walter ist nach München (Lachner-Straße 18, bei Nymphenburg) übergesiedelt; ich fand ihn auf der Rückreise nebst Familie recht munter.

Mit besten Grüßen Von Haus zu Haus

Dein treuer alter

Ernst Haeckel.

 

Briefdaten

Verfasser
Datierung
18-10-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 32840
ID
32840