Haeckel, Carl Gottlob

Carl Gottlob Haeckel an Adelheid von Bassewitz, Jena, 8. Juli 1864

Jena, 8. Juli 64

Verehrteste Freundin!

Schon lange habe ich diese Zeilen, welche ich heute an Sie richte, in mir herumgetragen, bevor sie zum Niederschreiben gekommen sind. Es ist aber dabei nichts Versäumtes und Sie werden Ihnen auch jetzt nicht unwillkommen sein. Sie betreffen nehmlich vorzugsweise meinen Aufenthalt in Merseburg vor 7 Wochen und was ich dort im Caroschen Hause hörte und erfuhr und meinen Aufenthalt in Halle am Tage vor Pfingsten. Im Caroschen Hause erfuhr ich nehmlich Näheres über die Wirksamkeit Ihres lieben Sohnes in Halle und bald darauf hatte ich auch Gelegenheit, mich davon näher zu überzeugen. Halle hat sich in den letzten Jahren so ungeheuer verändert, daß ich, als ist als ich es jetzt sah, es kaum wieder erkannte. Ich fand neben der alten mir bekannten Stadt noch eine neue Stadt, die ich noch nicht kannte und in der mich ihr Herr Sohn umher führte. Ich fand aber auch in der alten Stadt so wesentliche Veränderungen, dasß es mir war, als ob ich in einer neuen Stadt lebte, denn die Wege, die mich Ihr Sohn führte, waren mir fast ganz neu und ich hatte sie in dem 2½ jährigen Aufenthalt meiner Universitätszeit vor 63 Jahren kaum kennen gelernt. Halle ist eine ganz andere Stadt geworden wie zu jener Zeit. Ein großer Gewerbsbetrieb hat sich fortwährend eröffnet und thut sich überall ein rühriges thätiges Leben kund und die Uni-||versität ist in den Hintergrund getreten. Zu der Gründung der Neustadt hat Ihr Herr Sohn durch Theilnehmen am Einkauf des Terrains wesentlich beigetragen, eben so thätig ist er im Betrieb der Braunkohlenwerke und ganz vorzüglich thätig ist er in Beaufsichtigung und Unterhaltung des städtischen Schulwesens, was in Halle von großer Bedeutung ist. So fand ich ihn denn dort thätig als einen der Väter der Stadt, denn als ein solcher wird er dort angesehen und anerkannt, und so begriff ich denn erst, warum er so an Halle hängt. Man hat ihm als Landrath mitunter seine Nachläßigkeit im Schreiben vorgeworfen und nicht mit Unrecht, aber ich habe ihn deshalb schon damals dennoch für einen guten Landrath gehalten. Jetzt ist mir nun sein Wesen etwas zu schaffen klar geworden und das will mehr sagen als das Schreiben, und so hat er denn in Halle einen herrlichen Beruf gefunden. Das hat mich unendlich gefreut. Ich liebe ihn ja sonst schon als meinen alten Freund, nun sehe ich ihn um so lieber als einen wirksamen thätigen Mann. Auch dieser Tag, den ich in Halle verlebt, gehört zu den schönsten meiner gesamten Reise. Noch etwas muß ich Ihnen erzählen. Der junge Caro, der in Heidelberg Theologie studirt hat, war eben bei seinem Vater und sagte mir: wie er bei dem Profeßor Haeusser in Heidelberg ein historisches Collegium gehört, worin dieser das letzte Werk Ihres verstorbenen Herrn Gemahls über die Preußische Verwaltung in der ersten Hälfte des vorigen und in der ersten Hälfte des jetzigen [Jahrhunderts] ungemein gelobt und es für den, der ein Bild des preußischen Staats || aus jener Zeit erhalten wolle, für unentbehrlich erklärt habe, für ein historisches Meisterwerk, das den Verwaltungscharakter des preußischen Staats aus jener Zeit mit größter Vollständigkeit und historischer Treue darstelle und das er seinen Zuhörern ans Herz legen müße. Haeusser ist einer unserer größten jetzt lebenden Historiker und sein Urtheil gleicht einer Autorität. Da ich nun die Schrift Ihres verstorbenen lieben Mannes kenne und mit Haeussers Urtheil ganz einverstanden bin, so hat mich dieses um so mehr gefreut und auch Herrn v. Reinhard, welcher sich um die Herausgabe dieses Buches verdient gemacht hat, wird dieses freuen. Die Zeit fördert zuletzt das, was dem Fortschritt der Welt heilsam und nöthig ist, alles an den Tag und so erinnere ich mich jetzt auch vielfältig noch der Wirksamkeit Ihres verstorbenen Herrn Gemahls. So muß man der Monarchie dienen, wenn man sie erhalten will. Nicht daß man an die Stelle der Gesetze die Willkühr setzt und die Entwikelung der Weltgeschichte erkennen und die toten Gräber wieder auffrischen will. In eine ruhigere Behandlung der äußeren Verhältniße ist man wider Willen gedrängt worden, während die innern fortwährend ohne Sinn und Verstand behandelt werden.

Die Zeit meines rüstigen Alters ist vorüber. Ich bin nun wirklich ein alter Mann geworden, ich leide sehr bedeutend an rheumatischen Beschwerden, besonders im linken Oberschenkel und an der rechten Achsel, so daß mir das Gehen sehr schwer wird, dennoch suche ich täglich meine 2 Stündchen Bewegung (eines früh, eines gegen Abend) durchzuführen, und bin froh das ich noch lesen || und schreiben kann. Meine Frau, die Sie aufs herzlichste grüßt, befindet sich ziemlich munter und wir suchen unsern armen Sohn, den die trüben Stunden häufig heimsuchen, zu trösten so gut es geht und verweisen ihn darauf, daß der Schmerz sich jedenfalls allmählich durch die Zeit mildern wird. Mitte August denkt er auf 6 Wochen nach Helgoland zu gehen und dort Seethierchen zu fangen und zu untersuchen. Die Naturgesetze stehen den Naturforschern oben an, zu diesen rechnen sie aber auch die Vernunft und das Sittengesetz im innern Menschen und so ist denn auch mein Sohn ein ganz reiner Mensch von kindlichem Gemüth, den man lieb haben muß. Aber das Element der göttlichen Liebe, was im Christentum weht, ist noch nicht zur Entwikelung gekommen, die göttliche Weisheit drängt sich freilich den Naturforschern von selbst auf und so ist auch in meinem Sohn das Gefühl der Nichtigkeit dieser Welt so stark geworden, daß er am liebsten seiner verlorenen Geliebten nach gienge. Aber man muß warten, bis es Gott gefällt uns abzuberufen und ich stehe jeden Tag bereit, ihm dahin zu folgen, wohin er mich rufen wird. – Bis Mitte August denken wir hier zu bleiben, dann auf einige Wochen nach Schlesien zu gehn und gegen Mitte September nach Berlin zurückzukehren. Inzwischen erfahre ich von Zeit zu Zeit durch Frau von Scheel, die wir öfters sprechen, wie es Ihnen geht, so wie sie denn mir auch gestern allerlei mitgetheilt hat, worüber sie durch die Briefe Ihrer Fräulein Töchter Nachricht erhalten. Das Schreiben, meine Verehrte, wird Ihnen bereits schwer und ich erwarte durchaus nichts Schriftliches von Ihnen, verbleibe aber in gewohnter alter Anhänglichkeit Ihr

treuer Freund

Haeckel.

Nochmals die herzlichsten Grüße von meiner Frau an Sie und die lieben ihrigen.

 

Briefdaten

Datierung
08-07-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 32016
ID
32016