Hertwig, Richard

Richard Hertwig an Ernst Haeckel, München, 11. Mai 1901

München d. 11. Mai 1901

Hochverehrter, lieber Freund!

Zweck dieser Zeilen ist in erster Linie Sie bei Ihrer Rückkehr in die Heimath zugleich auch im Namen meiner Frau zu begrüßen und zu dem glücklichen Verlauf Ihrer Reise zu beglückwünschen. Durch Ihre „Insulinde“, für deren Zusendung ich Ihnen vielmals danke, haben Sie auch in mir die Sehnsucht nach den Tropen erweckt. Solange die Kinder noch so klein sind und || der väterlichen Zucht bedürfen, wird es aus einer so lange Abwesenheit erheischenden Reise nichts werden. Vielleicht aber einmal später!

Ich seufze unter der Last, die ich mir durch die Bearbeitung der Capitel: Befruchtung und Eifurchung für das Lehrbuch der Entwicklungsgeschichte der Wirbelthiere aufgeladen habe. Da ich auch die Roux’schen und die Anti-Roux’schen experimentellen Untersuchungen berücksichtigen soll, ist die zu studirendea Literatur eine enorme, häufig dazu keine erbauliche. || Roux selbst schreibt einen Stil, um den ihn ein Philosoph der alten Schule beneiden könnte. Wenn man mühselig die verrenkten Glieder seiner schwulstigen Sätze sich einigermaßen zurecht gelegt hat, macht man gewöhnlich die Entdeckung, daß mit wenigen Worten verständlich hätte ausgedrückt werden können, was durch den Wortschwall verdunkelt worden ist. Ich habe mir manchmal das Vergnügen gemacht, das ausgezeichnete Stilgefühl meiner Schwiegermutter durch eine Blumenlese Roux’scher Sätze zur Verzweiflung zu bringen.

Demnächst (am 21. Mai) feiert Leydig seinen 80. Geburtstag. Da er durch ein || Versehen nicht Mitglied unserer Academie geworden ist, wollen wir Münchener Biologen den Senior der deutschen Zoologie durch eine Adresse ehren.

Meine Frau war während der Osterzeit in Lana und Labers bei Meran; sie hat daselbst um 9 lb zugenommen, was sehr erfreulich ist. Auch Freund Zittel, dessen Gesundheit im vorigen Winter uns alle mit der größten Besorgniß erfüllte, hat sich in Labers vortrefflich erholt. Immerhin ist er nicht mehr der Alte.

Mit vielen herzlichen Grüßen an Sie und Ihre liebe Frau

Ihr treu ergebener

R. Hertwig.

a gestr.: berücksichtigende, eingef.: studirende

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11.05.1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 30500
ID
30500