Kükenthal, Willy

Willy Kükenthal an Ernst Haeckel, Breslau, 1. November 1901

KÖNIGLICHES ZOOLOGISCHES INSTITUT UND MUSEUM

DER

UNIVERSITÄT BRESLAU

UNIVERSITÄTSPLATZ 1

BRESLAU 1, DEN 1 November 1901

Hochverehrter und lieber Herr Professor!

Vielen herzlichen Dank für Uebersendung Ihrer reizenden Reisebriefe aus „Insulinde“. Sie können sich wohl denken, mit welchem Vergnügen ich die Schilderungen gelesen habe, fliegen doch so viele schöne Erinnerungen an meine eigene Reise wieder auf! Hoffentlich findet sich bald einmal Gelegenheit Sie wieder zu sehen, und mit Ihnen über unsere Malayenfahrten zu plaudern. Wie oft denke ich noch an das alte liebe Jena zurück, und die schönen Zeiten unserer || abendlichen Spaziergänge auf den Forst oder die Schweizerhöhe! In meiner jetzigen Vereinsamung tritt mir das, was ich in Jena verlassen habe besonders eindringlich vor Augen. Seit dem Frühjahr habe ich meine beiden Kinder wieder bei mir, die sich freilich an das ungünstige Breslauer Clima nur schwer gewöhnen können. Mit meiner Thätigkeit hier bin ich ganz zufrieden, wenn ich auch zu wissenschaftlicher Arbeit vorläufig kaum komme. Erst galt es das alte Institut einigermaßen einzurichten, damit darin gearbeitet werden konnte, und es haben sich allmählig auch junge angehende Zoologen gefunden, die bei mir arbeiten. || In diesem Semester sind es 12 Studirende, die mit wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt sind. Auch der kleine Curs, den ich ganz nach Jenaer Muster eingerichtet habe, florirt mehr und mehr, diesmal sind es 34 Praktikanten. Darunter sind nur wenig Mediciner, da die hiesige medicinische Fakultät sehr danieder liegt. Die Schuld liegt ausschließlich am hiesigen Anatomen, der die Studirenden durch seine preußischen Unterofficiersmanieren weggrault.

Im nächsten Frühjahr beginnt der Neubau meines Institutes. Die Pläne sind fix und fertig und die erste Baurate ist bereits genehmigt. Die Institutsräume nehmen nur einen verhältnismäßig geringen Theil des großen Gebäudes ein, da die umfangreichen Sammlungen untergebracht || werden müssen und die Säle als Schaumuseum für das große Publikum eingerichtet werden. Letzteres macht besonders viel Arbeit, da ein großer Theil der Objecte in biologischen Gruppen angeordnet wird. So habe ich vor, die ganze schlesische Fauna in Biologien zu zeigen, und die Ueberwachung dieser Arbeiten raubt mir den Rest meiner freien Zeit. Doch gewährt mir diese Arbeit auch viele Befriedigung. In drei Jahren hoffe ich mit dem Bau und der Einrichtung fertig zu sein, und es wäre mir die schönste Freude, wenn Sie dann mein verehrter Lehrer, dem ich so Vieles verdanke, bei der Einweihung zugegen wären.

Mit herzlichem Gruße, auch an Ihre Familie und Leo Schultze

Ihr getreuer

W. Kükenthal.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
01-11-1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 28417
ID
28417