Gude, Karl

Karl Gude an Ernst Haeckel, Magdeburg, 13. November 1864

Mein lieber Freund!

Längst hätte ich Dir schreiben sollen. Dein lieber Brief mit seiner freundlichen Einladung traf kurz vor dem Schulschlusse im Juli dieses Jahres ein. Die leidigen Conferenzen, welche dem Schulschlusse der Zeugnisse wegen voraus gehen, ließen mir keine Zeit zur Antwort. Über die Ferien waren schon Bestimmungen getroffen, die sich nicht mehr rückgängig machen ließen. Ich bin wieder in Misdroy gewesen und habe nochmals die Seeluft auf meine Nerven einwirken lassen und kann wohl sagen, daß ich wiederum die Erfahrung gemacht habe, daß Seeluft mir mehr hilft als Gebirgsluft. Wäre Helgoland für einen Nichtbadenden nicht ein so trostloses Nest, ich würde es dort auch einmal versuchen. Ich glaube kaum, daß ich drei Wochen dort aushalten könnte, es sei denn, daß die Quallen und Seesterne mich fesselten, was aber bei meiner geringen Kenntniß in der Naturgeschichte nur unter Deiner Leitung der Fall sein würdea . Ich hatte sicher darauf gerechnet, Du würdest über Magdeburg nach Jena || reisen, oder bist Du nicht in Helgoland gewesen? Zur Weihnachtszeit gehst Du wohl wieder nach Berlin; kannst Du es so einrichten, Deine Tour über Magdeburg zu nehmen, so machtest Du mir eine große Freude und noch Jemandem, einem früheren Mitschüler von Dir, Küntzel, der seit einem halben Jahre mein College ist und Dich herzlich grüßen läßt. Du bist mir jeder Zeit willkommen, lieb wäre es mir jedoch, wenn Du Deine Anwesenheit nicht auf einen Freitag verlegtest, weil an diesem Tage Küntzel sowohl, wie meine Wenigkeit Nachmittag durch Unterricht gebunden ist. Mit dem größten Interesse habe ich Deine Rede gelesen; sie ist so klar und durchsichtig, daß auch der Laie auf der Stelle erkennt, um was es sich handelt, ja und nicht dies allein, er wird auch, wenn er kein Brett vor dem Kopfe hat, Deiner Ansicht beistimmen. Mit Recht hast Du nicht verschwiegen, daß noch Manches zum Abschluß fehlt. Worauf es zunächst ankommen muß, das ist wohl der Nachweis allmähligen Überganges, || und daher wird eine Naturgeschichte nach Darwins Ansichten in einer anderen Methode geschrieben werden müssen, als die bisherigen Naturgeschichten geschrieben worden sind. Manche Bestätigung werden die Erdschichten bei einer größeren Durchforschung noch bieten. Am wenigsten wird dem Laien einleuchten, daß äußere Einflüsse neue, bisher noch nicht aufgetretene Organe schaffen können, indeß haben wir ja derartige Vorgänge fühlbarlich vor unsern Augen an den Fröschen, wenn sie ihren Kaulquappen-Zustand verlassen, so wie auch an den Raupen. Daß äußere Einflüsse nicht Alles vermögen, sondern daß ebenso nothwendig eine von Innen schaffende Kraft den äußeren Einflüssen entgegen kommen muß, scheint mir die Darwinsche Theorie nicht genug zu betonen. Das Geschrei der Pfaffen kann die Wahrheit nicht aufhalten, aber es ist doch auch etwas Natürliches, wenn der Mensch sich dagegen sträubt, daß er so ohne Weiteres vom Affen abstammen soll. Es darf doch auch nicht vergessen werden, daß mit dem Menschen etwas durchaus Neues auftritt, was ihn vom Thiere unterscheidet, ich meine das Gesetz der Sittlichkeit, das Gewissen, was doch jedenfalls b || auch seinem Organismus eine höhere Bedeutung giebt. Die Priester werden sich vor der Hand c das immer wiederkehrende „Werde“ des Schöpfers nicht nehmen lassen, obschon es eine viel erhabenere Ansicht vom Schöpfer ist, wenn man annimmt, daß er schon in den ersten Urbläschen oder Urzellen die Keime zu allen folgenden Entwicklungen gelegt hat, ohne nöthig zu haben, jedes Mal einzugreifen. Freund Küntzel, obschon orthodox, hat doch Deine Schrift mit vielem Vergnügen sogar mehr als einmal gelesen. Schreib mir doch, wann Du die Rede, die Du wahrscheinlich nur einmal hast, wieder zurückwünschst. In diesem Augenblick ciruculirt sie bei einigen Collegen. Da ich Dir noch keine Photographie geschickt habe, so folgt inliegend eine solche. Laß mir doch auch Dein Bild zukommen. Ich besitze es noch nicht. Also Auf Wiedersehen. Von ganzer Seele

Dein

Gude.

Magdeburg den 13 Nov. 1864.

a gestr.: könnte; eingefügt: würde; b gestr.: mit; c gestr.: das „Werde“ des

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
13-11-1864
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 253
ID
253