Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Mülheim an der Ruhr, 3. März 1906

Mülheim-Ruhr, d. 3. März 06.

Mein lieber Freund!

Allerherzlichsten Dank für die Wanderbilder, die Du mir durch Dr. Koehler-Gera zugeschickt hast. Wie komme ich nur dazu, mit solcher edeln Gabe von Dira bedacht zu werden. Sie haben auf meinem Geburtstagstische geprangt und sind selbstredend bewundert worden, u. immer wieder nehme ich das eine oder andere Bild zur Hand u. reise billiger als Du nach Ceylon oder Java. Apropos beib Vokabel Geburtstag fällt mir ein, daß am 16. Februar na, na, nur Schwamm darüber, der Deinige war. Natürlich herzliche Glückwünsche von mir, der ganzen Familie Finsterbusch, ganz besonders aber von Deiner schwarmhaften Verehrerin, || unserer Helene, die ein Zeitungsblatt zugeschickt bekommen hatte, worin ein Verehrer von Dir an Deinem Geburtstage eine Rede über die Wanderbilder geschwungen hatte. Sie war mir sehr böse, daß ich ihr nichts gesagt von Deinem Geburtstage, worauf ich ihr sagte, so alte Leute wie Du u. ich verlernten mit der Zeit an ihren Geburtstag zu denken. – Sie bettelte mir Deine handschriftliche Anweisung auf das Werk für eine befreundete Autographen-Sammlerin ab; glücklicherweise stand sie nicht im Werk selber, sondern auf besonderem Blatte. – Du siehst übrigens, daß die Affentheorie bei dem weiblichen Geschlechte gar keinen so abstoßenden Eindruck macht. –

Aber nun zu Deiner Prachtausgabe! || Menschenkind! wo hast Du nur die Zeit gefunden, neben Deiner Wissenschaft u. Minimums-Guckerei durch Mikroskop noch solche Skizzen zu entwerfen. Offenbar hast Du nie eine Stunde verschwendet bei Skatspiel u. anderen gerühmten Erholungs-Strapazen. Wie glücklich kannst Du Dich bei einem Rückblick auf Deine 72 Jahre fühlen. Hätte das Dein Vater, besonders aber Deine herzige Mama alles noch erleben können! Diese Farbenpracht, diese entzückenden Landschaften – ich gerate wahrhaftig in die Sprechweise der Backfische: Wie süß! – Vor diesem Werke werden doch Deine Widersacher den Hut abnehmen u. eingestehen, daß Du neben Verstand auch ein Herz u. volles Gemüth besitzest. || Wahrhaftig Du Merseburger Heusammler! was hast Du erreicht. Welch eine Gemeinde lauschender Verehrer hast Du um Dich versammelt. –

Weißt Du was? Wie famos wäre es, wenn die Merseburger-Gymnasiastenjugend von anno dazumalen sich heute zusammenfinden könnte zu einer abendlichen Bowle; die Wiegners, Henckel v. Donnersmark, v. Düring, Hetzer, Carow, Weber u.s.w. – Ja, es wäre gar zu schön, aber es kann nicht sein. Vorüber, ihr Schatten schöner Zeit. Aber die heutige Zeit ist noch schöner! Unser Ideal der deutschen Einheit erreicht! u. eine vernünftige Weltanschauung wenigstens in der Morgenröte sichtbar. Herzliche Grüße von meiner Frau u. den Kindern an Dich u. Deine liebe Frau, die ich allerdings nur einmal in Jena gesehen habe. – Dein Jugendfreund im Anfange des 76. Lebensjahrs.

L. F.

a korr. aus: mir; b eingef.: bei

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
03-03-1906
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2363
ID
2363