Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 30. Juni 1854

Halle, am 30 Juni 1854.

Alter Freund!

Wundre Dich nicht, wenn Du diesmal nur einen kurzen und sehr flüchtigen Brief wider meine Gewohnheit (Oh! Oh!) erhältst, es liegt wahrhaftig nicht an mir, sondern an der Kürze der Zeit, die mir zu Gebote steht; mein täglicher Lectionsplan soll Dich überzeugen. Früh ½6 Uhr stehe ich auf, wasche meinen jungfräulichen (!) Körper etc. und gehe ¾7 in’s Laboratorium, um einige Vorbereitungen zur Vorlesung über Metallurgie (von 7–8) zu treffen. Während der Vorlesung mache ich kleinere Analysen im Laboratorium. Von 8–9 Vorlesung über Physik bei Knoblauch. von 9–11 Arbeiten im Labor. von 11–12 Organische Chemie (Heintz) wo ich assistire. 12–1 Mineralogie bei Girard, das liebste Colleg für mich. von 1–2 Mittagsessen. Von 2–3 Kaffee beim kleinen Weiß, bei mir oder irgend einem andern, von 3–5 Arbeiten im Labor. Von 5–6 Analytische Mechanik, von 6–7 Analytische Geometrie. Um 7 gehe ich einmal zum kleinen Schuster, esse dann Abendbrot, lese ein Paar Seiten und danke dann Gott, wenn ich von 9–10 oder 11 ein bischen Spatzieren gehen kann. An’s Ochsen komme ich wie Du Dir denken kannst, gar nicht, wenn man nicht die sehr gelehrten (ha!) Gespräche, die ich mit Weiß a und ein Paar andern Freunden führe, so nennen will. Zu meiner Schande aber muß ich gestehen, daß mir ein solches Leben gerade recht ist, und wenn ich nicht an die Mathese komme, so mache ich mir darüber keine Gewissensbisse; wer A gesagt hat, muß auch B sagen und nurb die theuren Kartoffelpreise haben mich genöthigt, die Assistentenstelle zu übernehmen, ergo mögens die Pfuschmäkler oder wer die Kartoffeln sonst noch theuer macht, verantworten. Du siehst, ’s ist recht schön, wenn der Mensch ein bischen Logik im Kopfe hat. – Von meinen Studien kann ich Dir natürlich c bei sothanen Umständen nicht viel schreiben. Mathese liegt fast gänzlich. Mineralogie blüht, namentlich aber Krystallographie, deren Studium ich Dir || dringend empfehle und anrathe (Allgemeines Zischen und Trampeln mit den Füßen im Zuhörerraum, d Ausrufe wie: „schweig, Verräther!“ und ähnliche werden in Menge gehört, der Redner muß die Tribüne verlassen, und der Präsident sieht sich genöthigt, die Klingel zu ergreifen und um Ruhe zu bitten). In der Chemie sieht es ein bischen besser aus, ich lege mir eine ganz kleine Sammlung von organischen, meist seltenen und kostbaren Präparaten an, deren Darstellung meine wenige freie Zeit vollends in Anspruch nimmt. In der nächsten Woche werde ich die erste Elementaranalyse machen, von meiner Freude und sehnsüchtigen Erwartung hast Du keinen Begriff. Alles Nähere darüber und über noch vieles andre werde ich Dir im nächsten Briefe melden, den ich mit der größten Muße zu schreiben verspreche. – Nimm nun zum Schluß noch meinen herzlichsten Dank für das Geldgeschenk hin, es kam gerade zur rechten Zeit, um mich vor dem Schuldthurme zu retten; die Philister hatten die Klage schon zu Papier gebracht und ich habe große Lust wegen dieses glücklichen und unerwarteten Zusammentreffens zum Mucker oder Pietisten zu werden. Nun noch einmal, entschuldige meine Flüchtigkeit. Es schlägt eben (zwar nicht zwölf, die Post geht auch noch lange nicht ab, und Licht brenne ich nicht, so daß auch nicht einmale die Lampe ausgehen kann) drei Uhr auf Ehre, ’s ist wahrf, und ich muß wieder auf die Arbeit. Gott befohlen!

in treuer Liebe

und allbekannter Anhänglichkeit carissime habeas

Dein

W. Hetzer.

Ich bin ausgezogen, in folge eines Zankes mit dem Philisterg, meine Wohnung ist jetzt Geiststraße No. 1289

a gestr.: d; b eingef.: nur; c gestr.: dann; d unkenntlich gemacht; e eingefügt: einmal; f eingef. am linken Rand von S. 2: auf Ehre … ist wahr; g eingef.: in folge … dem Philister.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
30-06-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21561
ID
21561