Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 13. Februar 1904

Bremen, 13. Febr. 1904.

Mein lieber alter Freund!

Nach Sitte und Herkommen bildet der 70. Geburtstag, oder richtiger das vollendete 70. Lebensjahr, einen wichtigen Abschnitt, der besonders bemerkt und gefeiert zu werden verdient. Wenn man nun einmal Merksteine am Lebenspfade setzen will, dann hat die Wahl des Zeitpunktes wohl ihre Berechtigung. Darum laß mich Dir zu Deinem Ehrentage meine herzlichsten Glückwünsche aussprechen, Glückwünsche zu der großen und erfolgreichen Tätigkeit, die Du hast entfalten können. Bei Deiner Rüstigkeit darf ich hoffen, daß sie noch lange nicht abgeschlossen ist. Freilich, das Zeit-||alter, welches wir in eigentlichem Sinne als das unsrige bezeichnen können, liegt bereits hinter uns. Ich denke, es ist keine perspektivische Täuschung, wenn wir der Meinung sind, daß wir eine der merkwürdigsten Perioden in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit mitdurchlebt haben. Schon in der Schule hat sich bei mir der Geist des Widerspruchs geregt, wenn die Lehrer in den verschiedensten Tonarten die Ansicht wiederholten:

„Liebe Freunde, es gab schönre Zeiten

Als die unsern, das ist nicht zu streiten“ –

Und damals merkte man doch nur die ersten Flügelschläge des neuen Geistes!

Eine Feier in großem Stile wirst || Du in Rapallo wohl kaum begehen; vor 10 Jahren haben wir im Grunde im voraus gefeiert. Ich denke noch mit besonderem Vergnügen an Hermann Allmers, der doch die originellste Figur unter den damaligen Teilnehmern war. Ehre seinem Andenken!

Vor einigen Monaten habe ich einmal aus gleichem Anlasse wie heute Glückwünsche nach Italien gesandt; sie galten meinem alten Schulkameraden Ludwig Leupold in Genua, dem Vertreter des Norddeutschen Lloyd.

Rapallo steht bei mir in bestem Andenken; vor einigen Jahren habe ich dort einmal einige friedliche Ferientage zugebracht.

Was mich betrifft, so denke ich jetzt ernstlich daran, Feierabend zu machen, || wenigstens im Beruf. Im Laufe des Sommers werde ich mein Amt niederlegen, habe aber die stille Hoffnung, daß ich dann noch die ungewohnte Muße zur Verwertung von allerlei angesammeltem wissenschaftlichen Stoff benutzen kann. Wenn nur die Arbeitskraft erhalten bleibt, wird es an Arbeit nicht fehlen. – Zuweilen regt sich auch die Reiselust: ich habe einen Sohn – den einzigen – in Ostasien, aber freilich auch sieben Töchter hier.

Dr. Breusing hat mich gebeten, Dir seine Glückwünsche zu übermitteln; andere meiner Freunde werden sich wohl direkt an Dich wenden.

Und nun Dir und den Deinigen ein frisches Glückauf zum neuen Lebensjahrzehnt!

Es gedenkt Deiner

in alter Freundschaft

Dein W. O. Focke.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
13-02-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1881
ID
1881