Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 15. Februar 1917

Physiologisches Institut

Bonn, 15.II.17.

Nuss-Allee 11.

Hochverehrter und lieber Herr Professor!

Wiederum naht der 16te Februar ohne dass es zum Frieden gekommen wäre inzwischen und so muss ich denn meinen herzlichsten Glückwünschen noch einmal den einen grossen Wunsch anfügen, den wir ja alle hegen, dass Ihnen das kommende Lebensjahr eine so vollständige Demüthigung des grossen perfiden Kriegshetzers in Europa bringen möchte, dass er Frieden machen muss und zwar unter allen Bedingungen. Ohne das werden wir ja nicht wieder dauernd zu friedlicher Thätigkeit zurückkehren können. Also das ist mein erster und heissester || Geburtstagswunsch. Dass wir alle Ihnen persönlich die ungetrübte Erhaltung Ihrer alten Frische und Gesundheit wünschen, brauche ich wohl nicht besonders erst zu betonen. Wie mir meine Frau sagte hat sie Sie im September vorigen Jahres zu ihrer grossen Freude so wohl und frisch gefunden wie je. Hoffentlich giebt mir das kommende Jahr selbst wieder einmal Gelegenheit, mich in Jena davon zu überzeugen, dass dieser herrliche Zustand sich auch in Zukunft noch nicht ändern wird. Leider bin ich im vorigen Herbst selbst nur auf einer Excursion durch Jena gekommen von einem Bahnhof zum anderen, sonst wäre ich selbstverständlich nicht bei Ihnen vorbeigegangen. So aber habe ich mich doch gefreut, von meiner Frau gute Nachrichten über Sie zu erhalten und vor allem war es mir eine grosse Freude, dass meine Nichte Sie einmal von Angesicht zu Angesicht sehen konnte. Das wird für sie eine dauernde Erinnerung für ihr Leben sein. ||

Augenblicklich haben wir hier eine schlimme Kälte gerade in Bonn durchgemacht. Hier ist ja nichts für solche Winterverhältnisse, wie sie dieses Jahr brachte, vorgesehen. Da keine Kohlen zu haben waren, mussten viele Universitäts-Institute die Vorlesungen schliessen. Die Wasserleitung, Gas etc war auch bei uns eingefroren und ist es zum Theil noch jetzt und wir haben wegen Kohlenmangel unseren ganzen Haushalt in ein einziges Institutszimmer verlegt, wo die ganze Familie und alles, was frieren könnte versammelt ist. Auch das Auditorium habe ich schliessen müssen und lese in einem grossen Practicumssaal, wo der ganze Institutsbetrieb concentriert worden ist. Niemals ist in den letzten Jahrzehnten eine so intensive Kälte am Rhein gewesen, die so lange angedauert hätte.

In den Osterferien werde ich mich auf einige Zeit in die Klinik begeben und mir meine Nasenscheidewand grade || rücken lassen. Das wird mir die Ferien natürlich stark beeinträchtigen, aber ich hoffe doch dann meine langjährigen Beschwerden endlich los zu werden. Wenn dann unser U-Boot-Krieg uns für den Sommer den Frieden bringt, dann wollen wir dafür die grossen Ferien um so mehr geniessen. Dann hoffe ich endlich auch mal wieder nach meinem alten lieben Jena zu kommen und die Erinnerung an alte schöne Zeiten aufzufrischen, die für immer vorbei sind.

Inzwischen bleibe ich mit herzlichsten Grüssen und zugleich mit den wärmsten Glückwünschen von meiner Frau und Nichte stets

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1917
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17454
ID
17454