Siebold, Carl Theodor Ernst von

Carl Theodor Ernst von Siebold an Ernst Haeckel, München, 30. Oktober 1874

München den 30/10 74.

Verehrtester Freund!

Schon längst hätte ich nach meiner Rückkehr von Berchtesgaden hieher die Feder ergreifen müssen, um Dir zu danken für das übersendete Exemplar Deiner Anthropogenie, allein ich fand nach längerer Abwesenheit soviel andere Geschäfte zu erledigen vor, die keinen Aufschub erlaubten, daß ich erst jetzt dazu komme, Dir in aller Form für das schöne Geschenk zu danken; ich habe erst seit einigen Tagen Muse gefunden, mich der Lektüre dieses wichtigen Buchs mit gehöriger Ruhe und Muse hinzugeben, ich bin freilich erst bis zum Vten Vortrag gelangt, lese aber, ich muß es Dir gestehen, alles mit dem größten Genuß, doch ehe ich darüber mich weiter auslasse, muß ich noch ein Geständniß machen, was a ich nicht länger zurückhalten kann, so sehr drückt es mich. – Also heraus damit. Kurz nach der Abfahrt von Ramsau, wo ich in Deiner und Deiner lieben Frau Gesellschaftb so angenehme Stunden verbracht habe, fiel es mir schwer auf’s Herz, daß ich Dich ja in einem Wirthshaus besucht und daß ich es ganz übersehen habe, der Wirthin meine Schuldigkeit abzutragen. Was mußt Du und Deine liebe Frau von mir gedacht haben, daß ich so unangemeldet und unaufgefordert in das Hôtel zur Wimbachklamm eingetreten und mich dann wieder, ohne meine Schuld zu entrichten, davon gemacht habe. Wie soll ich diesen Fehler, diese Vergeßlichkeit und Nachläßigkeit wieder gut machen?! Es wird wohl kaum möglich sein, daß ich den Eindruck eines Parasiten, den ich in Ramsau hinterlassen habe, aus Eurem Gedächtnisse wegwischen kann. ||

Ich schäme mich jedesmal im Herzen, wenn ich daran denke. Wende ich mich nun wieder zu Deiner Anthropogenie, so bin ich immer mehr erstaunt, wie es immer noch so viele Naturforscher giebt, abgesehen von der großen Masse an Laien, welche sich mit Darwin’s Lehre nicht befreunden können und nicht befreunden wollen. Ich habe auch bei einigen bereits das Motiv erkannt, weshalb sie sich scheuen, dem Darwinismus beizutreten. Es ist die Furcht, daß der Darwinismus den Atheismus allgemein werden lasse, und daß alsdann die Volksmenge, welche sich dem Atheismus ergebe, ohne sichere Bildung alsdann der Anarchie nicht mehr widerstehen könne. Also aus dem Drang der Selbsterhaltung wollen viele, daß die Wahrheit nicht ausgesprochen werden sollte. Allerdings geht die menschliche Gesellschaft in den Culturstaaten einer großen Gefahr entgegen, mit dem Einreißen der alten Dogmen, an die Niemand mehr glauben will, ohne im Augenblick etwas an die Stelle zu setzen, was die Dogmen vertritt, wird die ungebildete Menge entfesselt, und vor diesem Abgrund fürchten sich viele, ja, wahrscheinlich die Mehrzahl der Gebildeteren und so kömmt es, daß der Darwinismus auf Widerstand stößt.

Der Darwinismus wird ja schon von den Socialisten benutzt, um daraus eine Berechtigung für ihre Umwälzungen abzuleitenc, mit der sie die Culturstaaten bedrohen. Ich weiß nicht, ob Dir auch jene Schrift zugesendet worden ist, wie ich sie vor einiger Zeit erhalten habe, und welche den Titel führt: „Die Idee der Entwicklung, eine socialphilosophische Darstellung“ von Leopold Jacoby. Berlin 1874. ||

Du wirst aus diesem Titel wohl schon auf den Inhalt schließen können. Aber wie perfid der Verfasser seine Sätze auf die Descendenz-Theorie aufbaut, das ahndest Du wohl nicht. Der Verfasser beginnt mit Lamarck, geht zu Darwin’s Entstehung der Arten über; von Darwin sagt Jacoby, „daß er selbst die revolutionäre Bedeutung seines Buchs erkannt habe und daß Wallace in England und Häckel in Deutschland schon jetzt, nach kaum zehn Jahren die großartige Wirkung dieses Buchs vorführen. Was Darwin’s Buch für das Werden und die Entwicklung in der unbewußten Natur bis herauf zum Menschen, daß ist Marx’ Schrift: „Das Kapital“ für das Werden und die Entwicklung in der Gemeinschaft menschlicher Einzelwesen, in den Staaten und Gesellschaftsformen der Menschheit.“ In dieser Weise sich stetig auf Darwin berufend definirt Jacoby nun die Bedeutung des Kapitals: „Kapital ist Kommando über unbezahlte Arbeit“ Seine weiteren Erörterungen, immer den Namen Darwin im Munde, sind so haarsträubender Art, daß ich sie nicht weiter hier wiederholen will.

Und so will ich hier mit meiner Epistel, die Dir am Ende schon langweilig geworden sein wird, schließen und nur noch andeuten, daß Du meinen vorläufigen Bericht über meine Versuche über Parthenogenesis bei Bombyx Mori in Form eines an die Italiener gerichteten Briefes erhalten wirst, den Du mit Nachsicht aufnehmen mögest. Ich gehe jetzt an die eigentliche Arbeit des Gegenstands, zu dem ich seit zwei Jahren das Material gesammelt habe und von dem ich Dir einiges in Berchtesgaden zu zeigen das Vergnügen hatte. Leider war unser Zusammen-||sein ein zu kurzes, doch denke ich mit vielen freudigen Erinnerungen an die wenigen Stunden, die mir in den verflossenen Ferien vergönnt waren, mich mit Dir zu unterhalten und von Dir belehren zu lassen. Hoffentlich finde ich im nächsten Jahre wieder Gelegenheit, Dir irgendwo zu begegnen, worauf ich mich schon im voraus freue.

Indem ich Dich bitte, mich Deiner lieben Frau auf das freundlichste zu empfehlen, unterzeichne ich mich

als dein treu und aufrichtig ergebener Freund

Carl v. Siebold

Ich kann nicht schließen, ohne Dir meine Zustimmung zuzurufen, da Du mir’s aus der Seele geschrieben, „daß in dem letzten Decennien die Morphologie weitaus die Physiologie überflügelt hat, obgleich (pag. 15) die letztere es liebt, sehr vornehm auf die erste herabzusehen“.

a gestr.: mich; b eingef.: Gesellschaft; c gestr.: zu benutzen; eingef.: abzuleiten

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
30.10.1874
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 15300
ID
15300