Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Pontresina , 20. August 1904

Pontresina, 20.8.04.

Lieber und hochverehrter Freund!

Herzlichsten Dank für Deinen lieben Brief und zugleich die Bitte um Entschuldigung wegen der späten Beantwortung. Ich hatte in Heidelberg enorm noch zu arbeiten, um wegzukommen, und dann hatte ich hier wie nie zuvor das Bedürfniß, die verhasste Feder nicht zu berühren.

Für Deine gütigen Wünsche zu meinem verfluchten 25jährigen Jubiläum vielen Dank, doch muss ich sie wie alle anderen von anderer Seite ablehnen. Ich war wüthend und empört, dass die gemeine Zeitungsausschnüffelei diesen höchst unnützen Tag an das Licht der Welt gezogen, habe natürlich allen daran anknüpfenden Schwindel abgelehnt, aber trotz alledem genug Ärger, Verdruss und Mühe von der einfältigen Geschichte gehabt. In der sträflichsten Weise bin ich um schöne Arbeitszeit dadurch bestohlen worden. ||

Aber das beste und schönste von Deinem Briefe war, dass er unsa gute Nachrichten von Dir und Deiner lieben Frau brachte und dass Deine alte Arbeitskraft sich täglich verjüngt. Möge es in alle Zukunft so bleiben!

Hier fühlen wir uns sehr wohl, das Wetter ist herrlich und wir leben ganz für uns nur im Verkehr mit der Mutter Natur. Die vielen Kollegen, die Pontresina unsicher machen und einem rücksichtsvollen Kollegen den hiesigen Aufenthalt sehr verekeln könnten, existiren nicht für uns. Mit grosser Freude las ich in den Zeitungen von den Congressen in Cambridge und Bern, weil ich Ihnen glücklich entwischte, und noch mehr Freude empfinde ich darüber, dass ich auch den amerikanischen Vortragsschwindel abgelehnt. – Brausens sind z.T. im Schwarzwald, z. T. (der Mann) in Heidelberg. Sie haben vor, von Oktober bis März nach Italien zu gehen (mit Kind und Kegel), wo Braus entwicklungsgeschichtliche Untersuchungen an Selachiern vor-||nehmen will und Lisbeth ihm assistiren wird. Unser Sohn Karl ist im Moment in England, war erst von London sehr entzückt, macht dann den Congress in Cambridge mit und will zum Schluss einen Freund in Wales besuchen. Er hat sich nun definitiv für Geologie und Paläontologie entschieden.

An der Politik der Jetztzeit habt Ihr gewiss ebenso grosse Freude als wir. Den edeln Russen, diesen hohen Kulturträgern und neueren speciellen Freunden, gönnen wir von Herzen alle Schläge, die sie bekommen, wenn wir leider auch nicht auf den wohlthätigen Einfluss derselben zu hoffen wagen. Das netteste Früchtchen ist aber doch der Oberhofmeister Ihrer erhabenen Majestät der Kaiserin.

Giltsch, der im September nach Heidelberg kommen wird, mahnte mich in Deinem Auftrage um Antwort betr. die Kunstformen. Vielen Dank für Deine gütige Absicht. Leider kann ich Dir aber momentan keine || genaue Antwort geben. Vor meiner Abreise war ein so grosser Trubel, dass ich nicht genau nachsehen konnte, nach der Rückkehr werde ich Dir schreiben, welche Lieferungen Brausens und wir bereits haben.

Die herzlichsten Grüsse und Wünsche für Euch von uns.

Dein treu ergebener

M. Fürbringer.

a korr. aus: mir

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
20-08-1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1373
ID
1373