Fürbringer, Max

Max Fürbringer an Ernst Haeckel, Jena, 27. September 1897

Jena, 27.9.1897.

Lieber und hochverehrter Freund!

Habe herzlichsten Dank für Deine beiden lieben Karten aus dem fernen Norden und noch ferneren Südosten, die ja herrliche Erlebniße ahnen lassen, auf deren genauere Schilderung aus Deinem Mund wir uns schon von Herzen freuen. Wie freuen wir uns überhaupt, Dich bald wieder wohl und gesund in unserem Jena zu begrüssen!

Meina Willkommensgruß verbindet sich leider mit einer tiefschmerzlichen Mittheilung, die nur nahestehende Menschen betriftt und mittelbar auch Dich und mich und unsere Hoffnungen schwer trifft. Semon steht im Begriffe etwas zu thun, was ihn für immer von Jena trennen wird: er will sich mit der Frau des ihm befreundeten hiesigen Collegen Kr. verbinden und seine hiesige Position aufgeben. Ich bin nicht autorisirt, Näheres mitzutheilen, möchte auch so delicate Sachen nicht einem verlierbaren Briefe anvertrauen. Diese Zeilen sollten || Dir nur eine erste Orientirung geben, bis Du mündlich Weiteres von mir hören wirst, und zugleich die Nachricht, dass von Denen, die das Recht hatten, den beiden bethörten Menschen zu helfen, nichts unversucht gelassen worden ist, leider mit keinem Erfolge bisher. Wir geben die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang noch nicht auf, sie ist aber sehr gering.

Wie ich höre aber nicht verbürgen kann, soll seiner armen alten Mutter (Berlin, Lützowstr. 68) noch nichts von der Sache mitgetheilt sein, seine in Berlin verheirathete Schwester (Frau Anna Archenheim) bemühe sich aber mit aller Kraft um eine gute Lösung und Rettung. Sein Sachwalter (Rechtsanwalt Grelling, Berlin, Molkenmarkt 13) befördert Briefe an S.‘s uns z. Z. unbekannte Adresse, scheint aber sonst nichts mittheilen zu dürfen.

Ich gebe Dir diese Berliner Adressen, um nichts zu versäumen, falls Du mit Deiner zum Guten neigenden Energie und bei deiner grossen Autorität retten und in B. Näheres erfahren möchtest. Wie thut es mir leid, || Deiner herrlichen Reise solche betrübende Schlußmittheilung zu geben.

Soweit wir nicht von dieser Sache getroffen sind, geht es uns gut und wir senden Dir und Deiner hochverehrten Frl. Tante die herzlichsten Grüsse und Empfehlungen.

Diesen Brief bitte ich zunächst noch als einen vertraulichen aufzufassen. In Jena wird bereits viel von der Sache gesprochen; ich als Näherstehender vermeide aber selbstverständlich Alles, die Angelegenheit weiter zu verbreiten. Dir davon mitzutheilen, war mein Recht und meine Pflicht.

In Treue und Dankbarkeit

Dein

M. Fürbringer.

a korr. aus: Meine

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
27-09-1897
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1309
ID
1309